The European Pony Express – die letzten wahren Idealisten

 

Jeder Westernfan kennt ihn, den Mythos der verwegenen, jungen Pony-Express-Reiter, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Post über 1.966 Meilen (3146 km) durch sechs Staaten von St. Joseph, Missouri bis nach San Franzisko, Kalifornien beförderten.

1976 lebte die historische Strecke wieder auf.

1985 griffen tschechische Reiter die Idee auf und starteten zum ersten Pony-Express auf europäischem Boden.

1989 bereits überschritt der European Pony Express die deutsche Grenze (DDR) und dehnt sich seitdem jährlich in süd-nördlicher Richtung weiter aus.

Die südlichste Relaisstation in Deutschland ist Sebnitz, die nördlichste derzeit Haren (Ems) an der holländischen Grenze. Von den Reitern wird in fünf Tagen und Nächten eine Strecke von über 16oo km zurückgelegt.

Im Gegensatz zum amerikanischen Vorbild ist es aber nicht ein Reiter, der die Mochilias (spezielle Posttaschen) auf verschiedenen Pferden die gesamte Strecke transportiert, sondern diese werden an den Relais-Stationen im fliegenden Wechsel zwei Reitern übergeben.

Jeder Reiter wird vorher mit dem berühmten, von Alexander Major festgelegten Schwur auf die Bibel vereidigt. Die Vereidigungen finden traditionell Ende Juni, Anfang Juli statt und sind auf vier verschiedene Orte in Deutschland verteilt.

Die Strecke, die jedes Reiterpaar mit höchstmöglicher Schnelligkeit zurückzulegen hat ist ca. 22 km lang. Zwei Stunden sind von den Organisatoren dafür eingeplant. Enorm wichtig ist, dass jeder seinen Streckenabschnitt kurz vor dem Ritt abreitet, damit unangenehme Überraschungen, in Form von zu Pferd nicht überwindbaren Hindernissen, möglichst ausbleiben. Wer die allgemeine Vereidigung aus einem wichtigen Grund versäumt, hat nötigenfalls auf seiner Station vor dem Ritt noch die Gelegenheit vereidigt zu werden.

In diesem Eid schwört jeder Pony-Expreß-Reiter, dass er die Post, unter allen Umständen zu Pferd, zu Fuß oder im Kanu zur nächsten Station befördern wird. In unserem Fall sind es jährlich ca. tausend Spezialpostkarten mit verschiedenen Pony-Expreß-Motiven, die je nach Starterland, von Tschechien nach Deutschland oder umgekehrt gebracht werden und von den verschiedenen Post Offices abgestempelt werden. Auf gar keinen Fall darf die Post im Stich gelassen oder mit einem motorisierten Fahrzeug transportiert werden.

Soweit so gut. Warum habe ich die Teilnehmer die letzten wahren Idealisten genannt?

Um dieses großartige Unternehmen am Leben und reibungslos am Laufen zu halten, ist nach dem Pony-Express auch gleich wieder vor dem Pony-Express. Chiefmanager, seit 2008 Thomas Müller, sorgt dafür mit seinen Managern, den Funkern und dem Verpflegungstroß. Und jährlich opfern sie eine Woche ihres Urlaubs, kommen pro 24 Stunden nur auf zwei bis vier Stunden Schlaf, je nachdem, was auf der Strecke passiert. Und das kann vom Aufspüren  verschwundener Reiter, die sich bei Nacht oder Nebelverreiten, bis zur Rettung von Pferden aus den verschiedensten Notlagen reichen. Und die können in unserer heutigen Gesellschaft gar mannigfaltig sein. 2008 mußte der Chief selber ein in Panik geratenes Pferd aus einer Kuhherde retten und konnte sich selbst nur soeben vor dem Angriff des ausgewachsenen Bullen in Sicherheit bringen. Das Pferd musste mit dem Hänger abtransportiert und die unglückliche Reiterin mit einer komplizierten Handgelenksfraktur ins Krankenhaus gebracht werden. Dennoch wurde die Post weiter befördert. Selbst wenn nichts Dramatisches geschieht, sind alle Tag und Nacht unterwegs im Einsatz: sie sichern Kreuzungen, sagen an den Stationen bescheid, wann die Reiter mit der Post kommen oder mit wieviel Verspätung zu rechnen ist. Und alles bezahlen sie aus der eigenen Tasche. Aber der Clou ist, dass  sie alle keine Reiter sind! Sie haben sich zusammengefunden, weil sie echte „Westernfans“ sind. Einmal wöchentlich treffen sie sich auf ihrem Vereinsgelände in Neuenhagen bei Berlin zu Country-Musik und Lagerfeuer in stilechter Garderobe und schlüpfen in die Zeit des Wilden Westens in den 1860er Jahren. Und da gehört der Pony-Expreß eben irgendwie dazu.

Die Reiter, nun, wir reiten nun mal gern und sehen im Pony-Expreß eine Herausforderung der ganz besonderen Art. Zehnmal bin ich bei Nacht, in der Morgendämmerung und in glutheißen Mittagsstunden geritten. Einmal habe ich mich mit meinem Partner in den Elbwiesen bei Nacht verritten.

Wir hatten keine Orientierung mehr und schreckliche Angst, weil immer wieder ein Wasserspiegel im Sternenlicht aufglitzerte. Irgendwie haben wir dann eine Landstraße erreicht, die wir auf’s Geratewohl entlangritten. Welch eine Erleichterung, als uns der Funker und damalige Chiefmanager Harry Karge aufspürte! Dann mussten wir noch über die Elbbrücke in Tangermünde, die unsere Pferde bei Tag im Trab ohne weiteres überquerten; wieder mit Hilfe der Funker, die den Verkehr für uns angehalten hatten! Und plötzlich waren sich beide Rosse einig, dass unsere Schatten total gefährlich seien, und sie auf gar keinen Fall weitergehen sollten. Ich musste tatsächlich absteigen und vorangehen, anders waren die beiden Stuten nicht zu überzeugen.

Natürlich hatten wir eine Riesenverspätung, aber keiner machte uns etwa Vorwürfe deswegen. Es findet ja kein Wettkampf statt. Und irgendwie waren wir dann doch etwas stolz darauf, dass wir dieses nächtliche Abenteuer überstanden und getreu unseres Schwures die Post abgeliefert hatten.

 

Autor und Photos: Jutta Schroer

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