Nick war über seine Berichte eingeschlafen, als er aufschreckte und seinen Revolver blitzschnell in der Hand hielt. Die Officetür flog auf und eine junge Frau von etwa dreiundzwanzig Jahren kam Schluchzend und völlig aufgelöst auf ihm zu. Nick sprang vom Stuhl, er schaffte es gerade noch rechtzeitig um den Tisch herum um sie Aufzufangen. Eine leichte Ohnmacht überfiel die Junge Frau. Sie sank in Ryders Arme. Nick legte sie auf das Bett unterm Fenster. Er nahm das Handtuch vom Hacken, machte eine Ecke davon in der Wasserschüssel nass und betupfte damit die Stirn der Ohnmächtigen. Sofort schlug sie ihre Augen auf. Als sie den Marshall erkannte wollte sie etwas sagen, aber ein Weinkrampf schüttelte ihren zarten Körper. Nick bemerkte ihr zerrissenes Kleid. Die Hände waren voll Schmutz, wie auch die Knie.

„ Misses Lessing. Beruhigen sie sich erst mal, und dann sagen sie mir in aller ruhe  was passiert ist.“

Tröstend hielt er ihre Hand.

„ Oh Marshall! Wir wurden überfallen. Es waren drei Männer. Gordon…..Sie haben meinen Mann umgebracht----- Erschossen. Marshall---- Sie haben----.“ Wieder brach sie in Tränen aus. Misses Lessing vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. Tränen tropften durch die Finger hindurch und bildeten kleine Wasserkreise auf dem Holzboden. Nick kniete vor ihr. Er nahm die Junge Frau in den Arm und drückte sie fest an sich. Es dauerte fast fünf Minuten die sie brauchte um wieder zu sich zu kommen.

Dann erzählte sie alles was sie noch wusste.

„ Es waren drei Männer. Sie versuchten ein Pferd zu stehlen. Gordon ging hinaus. Er wollte nachsehen was da draußen für ein Lärm war. Er erwischte sie im Corral, wie sie gerade eines der Pferde einfingen. Dann fiel ein Schuss. Ich rannte zum Fenster und sah wie Gordon-----. Während Misses Lessing von den schrecklichen Ereignissen am Abend erzählte, kochte Nick einen Kaffee.

Er reichte Ihr eine Tasse heiß dampfenden wohlriechenden Kaffee und fragte.

„ Wie sind sie bis hier her gekommen? Haben die Männer sie nicht gesehen?“

Die Frau nahm einen Schluck und verzog das Gesicht. Nick sah sie lächelnd an.“ Ich habe mir erlaubt einen kleinen schluck Whiskey dazu zu mischen. Er wird ihnen gut tun.“

„ Danke Marshall. Ich bin bis hier gelaufen. Die ganze Nacht durch. Als ich am Fenster stand, sah ich wie die drei auf unser Haus zu kamen, da bin ich durch die Hintertür raus und einfach losgerannt.“

„ Sie sind den ganzen weiten Weg bis hier her gelaufen?“

„ Ja. Ich hatte so furchtbare Angst. Was soll ich jetzt tun? Und Gordon—oh nein. Marshall helfen sie mir!“ flehend, voller Hoffnung sahen ihre vertränten Augen den Marshall an.

„ Kommen sie. Ich bringe sie erst mal zu Peggy-Sue. Dort sind sie gut aufgehoben. Ich reite hinaus zur Ranch und sehe mich da mal um.“

„ Aber ich kann mir kein Hotelzimmer leisten.“

„ Das geht schon in Ordnung. Machen sie sich darum keine Sorgen.“

Nick brachte Misses Lessing zu Peggy-Sue in ihr Hotel. Peggy war sofort bereit sich um die Hilfsbedürftige Frau zu kümmern. Er selber ging dann rüber in Murphys Mietstall, sattelte sein Pferd und machte sich auf dem Weg zur Lessing-Ranch.

 

Fünf Meilen Östlich von Cutter war die Pferdezucht von Mister und Misses Lessing. Dort bekam man die besten Pferde weit und breit. Gordon war stolz auf seine Zucht und stets bemüht Stall und Wiese in einwandfreiem Zustand zu halten. Die Koppel war mit einem Zaun umgeben und in zwei gleich große Wiesen aufgeteilt, so dass die Pferde stets frisches Gras hatten. Der Stall war so groß das er sogar das Wohnhaus überragte. Als Nick sich der Farm näherte sah er schon von weitem den durchbrochenen Zaun und die fehlenden Pferde, die sonst zu dutzenden auf der Weide grasten.

 

 

Es war eine klare Mondnacht. In so milden Nächten brachte der Rancher die Tiere nicht bei Dunkelheit in den Stall. Nick stieg vom Pferd ab. Er streichelte sanft den Hals des Tieres und flüsterte ihm ins Ohr.

„ Du bleibst hier Lady bis ich dich rufe.“

Er schlich sich am Zaun vorbei bis zum Brunnen, der auf dem Platz zwischen Wohnhaus und Scheune stand. Dort lag Gordon Lessing. Mit dem Gesicht im Sand, Arme und Beine von sich gestreckt. Ryder kniete sich neben ihm. So wie er es immer bei Doktor Braun gesehen hatte, fühlte er mit zwei Fingern am Hals den Puls. Er war sehr schwach zu spüren, aber Mister Lessing lebte noch.

Vorsichtig drehte er den Verletzten auf den Rücken. Blut durchtränkte das Hemd und hinterließ einen großen roten Fleck auf der rechten Brustseite.

„ Halt durch Gordon. Ich bringe dich zum Doc. Aber erst mal muss ich dich verbinden damit du nicht noch mehr Blut verlierst.“ Ryder rannte ins Haus. Irgendwo hier mussten doch frische Tücher oder Laken sein aus denen man Binden schneiden kann. Nick durchsuchte die Küche. In einer Ecke stand ein Nähkästchen und daneben lagen Stoffreste. Er griff sich ein weißes Stück Stoff. Gerade als er das Haus verlassen wollte hörte er im Nebenzimmer ein Geräusch. Mit dem Revolver in der Hand öffnete der Marshall die Schlafzimmertür. Er war noch nicht ganz im Zimmer, da sah er im letzten Moment einen Schatten am Fenster. Der Schuss durch die Glasscheibe und der Hechtsprung von Nick kamen fast gleichzeitig. Nick lag neben dem Bett auf dem Boden. Ein Ärmel seines Hemdes war aufgerissen.

„ Verdammt!“ fluchte Ryder. Er sah sich die Wunde am Oberarm an. Es war nur eine Schramme.

Das Holz war gesplittert und hatte seinen Ärmel aufgerissen. Am Rahmen der Schlafzimmertür hing ein Stück Stoff seines Hemdes.

Trotz der großen Ungewissheit, wo sich der Schütze im Moment aufhielt, blieb dem Marshall keine Wahl. Irgendwie musste er da raus. Nick robbte über dem Boden bis zum Fenster. Er riskierte  keinen Blick hinaus. Nur den Hut hob er in Sichthöhe. Schon fiel ein zweiter Schuss. Die Kugel bohrte sich in die Kommode an der gegenüberliegenden Wand. Holzsplitter flogen davon. Nun zierte ein hässliches Loch das schöne alte Möbelstück. Dann erklangen Pferdehufe. Nick sprang hoch, warf sich aus dem Fenster um gleich danach hinter einem Stapel Holz zu Springen. Der Fremde mit dem Colt war auf seinem Pferd geflüchtet. Zum verfolgen blieb keine Zeit, da der Verletzte so schnell wie möglich in die Stadt zum Arzt musste. Im Stall fand er den kleinen Wagen der Lessings. Nachdem er Gordon verbunden und Lady vor den Wagen angespannt hatte, legte er den verwundeten vorsichtig unter die Plane. Er wollte gerade aufsteigen als er aus dem Augenwinkel das Gewehr am Brunnen sah. Marshall Ryder nahm das Winchester Gewehr in die Hand. Erstaunt untersuchte er die Waffe.

„ Das ist doch ein nagelneues Gewehr aus einer der Kisten!“ dachte Nick. Mit schnellem Schritt lief er zum Wagen, schwang sich auf den Kutschbock und ließ Lady los galoppieren.

Das die Lessing Ranch überfallen wurde sprach sich trotz der frühen Morgenstunde in Windeseile in Cutter herum. Misses Lessing saß bei Peggy-Sue in der Küche. Ihre Hände zitterten, aber der heiße Kaffee tat ihr gut. Auch Carol-Ann war anwesend. Sie lächelte freundlich und beruhigte die junge Frau.

„ Machen sie sich keine Sorgen. Nick wird die Banditen schon fassen.“

Jett Armstrong und Mary Smith standen im Flur. Durch die offen stehende Küchentür konnten sie alles mit ansehen. Unbewusst griff Mary nach Jett`s Hand.

„ Sie sagte, dass es drei Männer waren. Marshall Ryder ist ganz allein da draußen. Hoffentlich passiert ihm nichts!“ sagte Mary und drückte die Hand fester zu.

Plötzlich wurde die Flurtür aufgerissen. Ein kleiner verschmutzter Junge rief in den Gang.

„ Er ist da. Der Marshall ist wieder da!“

Sofort rannten alle auf die Straße. Der Wagen mit der eingespannten Stute des Marshalls stand vor Doktor Browns Haus. Misses Lessing rannte auf Nick zu, der gerade aus dem Haus kam.

Ryder blieb vor ihr stehen. In seinen Mundwinkeln sah sie ein  kleines Lächeln. Ihr Herz fing an zu rasen und ihre Lippen zitterten. Nur ein Wort kam aus ihrer Kehle.“ Gordon!“

Nick schaute in ihre Augen.

„ Gehen sie zu ihm. Doktor Brown wird gleich die Kugel ziehen. Er ist sich sicher das Gordon durch kommt.“ Sie wusste nicht was sie darauf sagen sollte. Tränen der Freude rollten die Wangen runter. Dann lief sie ins Haus des Doktors.

Carol-Ann sah den aufgerissenen Ärmel. Nick spürte ihren Blick und noch bevor sie etwas sagen konnte sprach er.

„ Es ist nur ein Kratzer. Ich muss sofort wieder los, solange die Spur noch frisch ist.“

Während er Lady von dem Wagen befreite und seinen Sattel befestigte kam Jett auf ihm zu.

„ Was für eine Spur? Hast du was entdecken können?“

„ Ja. Es waren die gleichen Banditen die dich überfallen haben. Sie haben ein Gewehr dort liegen gelassen. Ich nehme an das einer von ihnen deshalb noch mal da war. Ich muss ihn wohl gestört haben als er das Gewehr holen wollte.“

Er zog sich in den Sattel und zwinkerte Carol-Ann zu.

„ Keine Sorge Carol. Wenn ich zurück bin machen wir ein Picknick. Aber gebratene Hühnchen müssen dabei sein!“ Er sah zu Jett und kniff ein Auge ein, dann zog Nick die Zügel rum und galoppierte Richtung Westen davon.

Eine ganze menge Menschen hatte sich auf der Straße versammelt und alles mit angehört. Sie sprachen alle durcheinander, dabei wurden sie immer lauter. Ein großer dicklicher Mann schob sich durch die Masse. Sein Bauch wackelte dabei hin und her. Es war Bürgermeister Finch. Mit dem aufgerauchtem Stummel einer Zigarre im Mund platzierte er sich auf dem Gehweg. Er hob beide Hände in Luft. Seine raue Stimme war aber laut genug um die Aufmerksamkeit der Leute auf sich zu lenken.

„ Bürger von Cutter! Nur keine Panik. Ich habe alles unter Kontrolle.“

 

Fortsetzung folgt...