Es war fast Mittag, als Nick neben seiner Stute kniete um die entdeckte Spur näher zu betrachten.

„ Hier sind sie lang geritten. Ihre Abdrücke sind deutlich zu erkennen“ dachte er.

Gerade als er wieder aufsitzen wollte fiel ein Schuss von rechts.

Die Kugel streifte seine Stirn. Ryder zog noch im herumwerfen den Colt und feuerte in die Richtung aus welcher der Schuss kam. Leicht benommen blieb er am Boden liegen. Schwarze Schleier wehten vor seinen Augen und wollten ihm die Besinnung rauben. Mit aller Anstrengung kämpfte Nick gegen eine anspringende Ohnmacht an. Doch bevor er sich wieder so weit erholt hatte, hörte er gleich über sich eine Männerstimme.

„ Los steh auf, du Hund. Du hast mir in den Arm geschossen, dafür wirst du bezahlen.“

Zwei Männer packten ihn am Kragen und zogen ihn hoch. Mit einer Blitzreaktion traf Ryders Faust den einen unters Kinn. Er torkelte zurück, fing sich aber an seinem Pferd. Im wilden Zorn kam er nun auf den Marshall zu und wollte ihm seinen Kopf in den Magen rammen, aber Nick machte eine halbe Drehung und ließ seinen Gegner ins leere laufen. Zu spät drehte er sich um. In diesem Moment schlug von hinten der zweite Bandit zu. Er traf mit seinem Gewehrkolben Nick am Hinterkopf.

Marshall Ryder sank in die Knie. Tiefe Dunkelheit überkam ihm. Der Tritt den ihm der Mann noch versetzte spürte er schon gar nicht mehr. Sie nahmen ihm die Waffen ab, legten ihn auf sein Pferd und banden Arme und Beine unter dem Pferdeleib zusammen.

Der Bandenboss Bill Clain lief nervös auf und ab. Viele Gedanken gingen ihm durch den Kopf.

Zehn Jahre hatte er gesessen wegen einem Mord an einem Richter. Der damals noch sehr junge Nick Ryder war Zeuge der Tat. Er zeigte ihn beim Sheriff an und daraufhin wurde Bill zu zehn Jahre Straflager verurteilt. Das hatte er ihm nie verziehen. Als Ryder später Sheriff von Cutter war, überfiel Clain mit seiner Bande die Stadt. Er zündete Häuser an. Seine Leute vergriffen sich an den Frauen, es war grausam. Er persönlich war es der Nick schwer verletzte und vor seinen Augen seine Frau Lea  umbrachte. Mann konnte damals den Sheriff aus seinem brennenden Haus retten, aber den einjährigen Sohn Jetti fand man nicht. Man ging davon aus, dass der Kleine im Haus verbrannte.

Vier Jahre später kam Bill Clain noch einmal in die Nähe Cutters. Er ließ sich in den Bergen nieder und erfuhr dort dass Ryder den Überfall damals überlebte. Jetzt mit der Hilfe eines Mister Benton der ihm achtzehn gute und neue Gewehre beschaffte, wollte Bill endlich mit Marshall Nick Ryder und der Stadt Cutter abrechnen. Ein schriller Pfiff kam von einem der Wachposten. Bill schaute zu ihm auf. Mit der winkenden Hand gab dieser ein Zeichen dass Clains Männer zurückkamen.

Die beiden Banditen ritten mit ihrem Gefangenen auf Bill zu.

Der Rothaarige McRieden hielt seinen Arm fest. Er rutschte aus dem Sattel und spuckte in den Sand.

„ Da ist er. Dieses Schwein hat mir den Arm zerschossen. Ich wollte ihn schon umbringen, aber ich weiß ja wie viel es ihnen bedeutet ihn lebend zu haben.“

Bill stieß ihn grob beiseite. „ Selber Schuld. Ich habe nicht gesagt ihr sollt euch anschießen lassen.“

Er packte Nick an den Haaren und zog seinen Kopf hoch.

„ Es ist schön dich wieder zu sehen!“ sagte er in einem ironischen Ton. Langsam kam wieder Leben in Ryders Körper. Er kniff ein paar Mal die Augen zu um wieder klar sehen zu können.

Sein Kopf dröhnte noch wie in einer Kesselschmiede. Sie schnitten seine Fessel mit einem Bowiemesser durch. Dabei verletzten sie Ryders Handgelenk, so das Blut auf das Sattelleder tropfte. Mit einem Ruck zogen zwei Männer ihn vom Pferd. Als Nick nun Bill Clain gegenüberstand und sein dreckiges Lachen hörte, kamen ihm sofort die Erinnerungen zurück. Er sah wie Bill das Messer an Leas Kehle hielt. Er hörte wieder die angsterfüllte Stimme seiner Frau. Er roch das Feuer das um ihn herum fackelte. Wut stieg in ihm hoch. Er ballte die Fäuste und seine Zähne knirschten, so fest biss er sie aufeinander.

Dann kam Bill einen Schritt auf Nick zu.

„ Hätte nicht gedacht das du noch lebst.“ Jetzt konnte sich Ryder nicht mehr halten. Noch bevor die umstehenden Banditen eingreifen konnten schlug er seinem Gegenüber mit der Faust genau auf  die Nase. Clains Kopf flog zur Seite. Der Schlag war so heftig das Bill in den Staub stürzte.

Blut lief aus seiner Nase. Zwei der Männer packten Nick und umklammerten ihn, während ein Dritter ihm einen Gewehrkolben in den Magen stieß. Er holte zum zweiten Schlag aus, wurde aber zurück gerissen. Bill Clain stand hinter ihm. Die linke Hand an der Nase, die blutverschmierte Rechte packte den Arm des Schlägers.

„ Hör auf!“ schrie Bill. „ Er gehört mir. Sperrt ihn erst mal weg.“

Sie brachten Ryder in einen Höhleneingang. Mit vier Männern wurde ein riesiger Felsblock vor dem Eingang geschoben. Ein Loch das gerade groß genug für eine Hand war, ließ ein paar Sonnenstrahlen ins Innere. Nick tastete die Wände ab, es waren massive Felswände. Keine Lücke oder Spalten konnte er finden.

Draußen an einem gespannten Seil standen die Pferde in Reihe angebunden. Die beiden Kinder Hanna und der Junge standen bei Lady, der Stute des Marshalls, und bewunderten dieses schöne Tier. Hanna löste das Halfter vom Seil und wollte sich in den Sattel schwingen. Der erste Fuß steckte schon im Steigbügel, da hielt ihr Freund sie am Bein fest.

„ Bist du verrückt geworden, was soll denn das?“

„ Lass mich los. Ich möchte doch nur mal ein paar runden auf ihm reiten. Ich habe noch nie ein so schönes Pferd gesehen.“

„ Aber wir werden Ärger bekommen.“ Hanna, zog ihren Fuß aus dem Steigbügel. Sie schaute sich nach allen Seiten um und sagte.

„ Du wirst mich doch nicht verpetzen, oder? Es ist ja niemand hier der das sieht. Die sind alle beim Vater in der Baracke.“

Gerade wollte Hanna wieder aufsteigen als ein Schuss krachte. Die Stute schlug erschrocken mit ihren Vorderhufen hoch.

„ Wer da? Stehen bleiben und die Pfoten hoch!“ Laut hallte die Stimme von den Felsen wieder.

Steif standen die beiden Kinder da. Der junge konnte vor schreck kein Wort sagen. Hanna flüsterte ihm zu. „ Sag nicht das ich reiten wollte. Wir sind nur hier um die Pferde zu versorgen. Als der Mann keine Antwort auf seine frage erhielt, gab er noch einen Warnschuss ab. Lady wieherte auf, riss sich los und galoppierte davon.

„ nicht schießen, wir sind es nur!“ rief Hanna dem herankommenden Wachmann zu.

Mit einem Grashalm im Mundwinkel und dem Gewehr in der Armbeuge kam ein großer schlanker Mann auf die Beiden zu.

„Was macht ihr hier?“ seine Frage war ernst und drohend. Der Junge antwortete stotternd.

„ Wir, wir wollten die Pferde versorgen.“

„ Macht dass ihr zurück ins Lager kommt. Hanna, dein Vater will das du die Wäsche wäschst.“

„ Na komm. Ich helfe dir Hanna.“ Die Beiden packten sich an die Hände, und liefen am Wachmann vorbei zum Lager.

 

Der Wachmann  wollte sich gerade abwenden und auf seinen Posten gehen, als er die Lücke zwischen der Pferdereihe sah. „ Mist verdammter. Das Vieh ist abgehauen. Wenn der Boss dass erfährt knallt er mich ab.“ Fluchend ging er ein stück den Fels entlang bis er die beiden anderen Posten sah. Er pfiff sie ran und sofort kamen Beide angerannt.

„ Das Pferd von dem Marshall ist abgehauen. Nehmt euch eure Gäule und holt es zurück.“

„ Aber Bart. Wir sollen doch hier Wache schieben.“ Zeterte der eine.

Bart spuckte in den Sand. „ Das übernehme ich so lange. Los beeilt euch, sonst holt ihr das Tier nie mehr ein. Ihr wisst ja was passiert wenn der Boss davon Wind bekommt. Ihr seit mit dran schuld. Ihr habt hier Wache zu schieben. Es hätte euch auffallen müssen wenn ein Pferd sich vom Acker macht..“

Ganz bewusst redete Bart den beiden Männern Schuldgefühle ein. Die Angst vor einer Bestrafung ließ sie ohne weitere Widerworte zu ihren Pferden laufen.

„ Und macht schnell. Bevor noch einer was merkt.“ Rief Bart noch hinter ihnen her.

Dann preschten die beiden Banditen los.

 

 

                                                                          *

 

Jett war gerade dabei die restlichen Briefe auf dem Schreibtisch zu ordnen, als Carol-Ann herein kam.

Langsam kam sie auf Jett zu. Ihr Gesicht war blass, und ihre Hände zitterten leicht als sie ein Taschentuch hervorholte um sich damit die Stirn ab zu tupfen. Jett kam um den Tisch herum. Er nahm einen Stuhl und forderte Sie auf sich doch zu setzten.

„ Um Himmels willen. Was ist geschehen? Setzten sie sich bitte.“

Schluchzend sah Carol-Ann nun in die klaren blauen Augen des Sheriffs.

„ Ich mache mir Sorgen um Nick. Es ist schon bald Abend und er ist immer noch nicht zurück.“

„ Nun ja. Er verfolgt eine Spur. Das kann sicher auch mal länger dauern.“ Jett versuchte die verzweifelte Frau zu trösten.

„ Nein Sheriff. Sie verstehen das nicht. Wenn Nick für längere Zeit weg musste, dann gab er Deputy Cooper Anweisungen. Er würde auch Proviant mitnehmen.“

„ Sie haben Recht Carol-Ann. Ich werde sehen was ich tun kann.“ Er nahm seinen Hut vom Haken, zog den Revolvergurt ein Loch enger und verließ das Office. Mit schnellem Schritt ging er zu Murphys Mietstall. In der hinteren Box stand sein Pferd. Jett nahm den Sattel. Mit gekonntem Schwung warf er ihn auf den Rücken des Pferdes.

„ Guten Abend Sheriff. Haben sie so spät noch etwas vor?“ Erschrocken drehte Jett sich um. Hinter ihm stand der alte Murphy. Er hielt eine Stalllaterne in der Hand. Das schwach flackernde Licht warf unheimlich Schatten der beiden Personen an die Holzwand. Erleichtert atmete Armstrong auf.

„ Ach Sie sind es. Sie verstehen es wirklich gut sich von hinten anzuschleichen und Leute zu erschrecken.“

„ Endschuldigen sie Sheriff. Das war nicht meine Absicht.“

„ Schon gut. Ich muss zur Lessing Ranch reiten. Nick ist heute Mittag dort hin geritten, und noch nicht zurück.“

„ Wissen sie eigentlich wie sie da hinkommen?“ fragte Murphy und zog die Augenbrauen hoch.

„ Nein. Aber sie werden es mir bestimmt gleich sagen.“ Jett hielt in seiner Arbeit inne. Fragend sah er in das Gesicht des Alten. Etwas lustiges, freundliches war darin zu lesen.

„ Nein. Das ist schwer zu erklären an jemanden der sich hier gar nicht auskennt. Aber nehmen sie doch Cooper mit. Er kennt die Gegend hier sehr genau. Außerdem hat Lex Cooper viel von Nick gelernt, was Spurensuche anbelangt. Der Junge ist wirklich gut darin geworden.“

Murphy hatte seinen Satz gerade beendet, als Cooper im Tor erschien.

„ Ich bin dabei.“ Sagte er nur. Er kam auf Jett zu und reichte ihm die Hand.

„ Auf gute Zusammenarbeit Sheriff. Ich komme gerade vom Office. Carol-Ann hat mir alles erzählt. Murphy, wo ist mein Sattel?“ Lex war ein hoch gewachsener schlanker Bursche und feierte vor einer Woche seinen neunzehnten Geburtstag. Als seine Eltern an Typhus starben, war er gerade vierzehn Jahre. Der Stadtrat beschloss damals den kleinen Lex Cooper in ein Kinderheim nach San Franzisko zu schicken. Nick aber war dagegen. Er wusste ja wie es ist, wenn man als Kind plötzlich allein dasteht. Er nahm sich dem Jungen an. Lex durfte im Office helfen. Er hielt alles sauber und half Nick bei kleineren Aufgaben. Gewehre Ölen, Essen für Gefangene holen oder mal einen Kaffee kochen.

Als er seinen siebzehnten Geburtstag feierte, machte Ryder ihn zum Hilfssheriff. Lex war mächtig stolz auf diesen Stern. Für ihn war Nick wie ein Vater, und er würde alles für ihn tun.

„ O.k. reiten wir.“ Sagte Jett und zog sich in den Sattel. Noch bevor er aus dem Tor ritt drehte er sich zu Lex um. Mit einem lächeln sagte er.

„ Lassen wir die Förmlichkeiten weg. Ich bin Jett.“ Dann winkte er Murphy zu. „ Das gilt auch für dich.“ Murphy grinste. „ Ich halte in der Zeit wo ihr wegseit die Stellung im Office. Junior.“

Noch einmal drehte Jett sich um und rief.

“Ach und der Schreibtisch hat jetzt eine gewisse Ordnung. Es sollte auch so bleiben. Senior!“

Sie erreichten gerade den Stadtrand, als ein reiterloses Pferd auf sie zutrabte. Lex sprang sofort aus dem Sattel und ging dem Tier entgegen. Er nahm die am Boden schleifenden Zügel und tätschelte ihren Hals. Dann sah er auf und sagte.

„ Das ist Lady. Sie ist völlig verschwitzt. Muss wohl bis hier hin galoppiert sein. Ganz ruhig Lady.“

 Sanft strich er ihr über die Nüstern. Jett war ebenfalls abgestiegen. Er kam auf Lex zu und untersuchte das Pferd. Plötzlich schaute er wie gebannt auf den Sattel. Er rieb mit dem Finger über das Leder und meinte dann.

„ Das ist Blut hier am Leder.“ Lex schluckte. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn.

„ Dann muss ihm was passiert sein! Wir sollten so schnell wie möglich zur Lessing Ranch reiten. Dort wollte Nick auch hin. Da muss doch eine Spur zu finden sein.“

 Er gab Lady einen Klapps auf  die Hinterhand und die Stute trabte weiter genau auf Murphys Stall zu. Hinter der letzten Biegung des Weges standen zwei Reiter. Sie beobachteten wie Jett und Lex die Stute untersuchten. Einer der Beiden wischte sich die Nase mit seinem Handrücken. Dann fluchte er.

„ So ein Mist. Was machen wir jetzt? Der Gaul hat es bis zur Stadt geschafft.“

„ Wir können aber nicht ohne das Tier zurück reiten.“

„ Und was schlägst du nun vor?“

„ Ich weiß nicht. Ich muss erst noch überlegen.“

„ Verdammt würdest du mal etwas schneller denken?“

„ Wie soll ich denn, wenn du ständig nur dumm rum Quatschst.“

„ Wenn unser Boss davon was erfährt, wird er uns die Schuld geben das das Tier abgehauen ist. Dann geht es uns aber dreckig.“

Während die Beiden sich stritten, entdeckte Jett sie. Erstaunt beobachtete er die Szene. Ihre Diskussion  wurde schließlich so laut, dass Jett fast jedes Wort verstand.

Er winkte Lex zu sich heran, und ohne weg zuschauen fragte er erstaunt.

„ Sag mal. Sehe ich da richtig oder stehen da vorne zwei Idioten.“

Dann sprangen beide fast gleichzeitig auf ihre Pferde und gaben ihnen die Sporen. Sie waren schon fast bei der Wegbiegung, als die zwei streitenden Männer sie bemerkten.

„ Nichts wie weg hier!“ schrie der eine, zog die Zügel herum und galoppierte davon. Sein Partner folgte ihm.

 

FORTSETZUNG FOLGT...