Barhuf bei hoher Beanspruchung?

 

Tipps und Tricks, um „unten ohne“ auszukommen!

 

Die Sprichwort "Ohne Huf kein Pferd!" trifft umso mehr zu, je häufiger der Reiter sein Pferd ohne Eisen gehen lässt. Noch treffender ist sie für jene, die nicht nur beschliessen, es generell ‘unten ohne’ zu versuchen, sondern darüber hinaus den Anspruch stellen, mit ihren Partnern höchste Ansprüche, wie sie im Distanz- oder Wanderreit- Sport gestellt werden, zu meistern. Ob dieser Wunsch illusorisch ist oder vielmehr auf realistischen Erkenntnissen beruht, soll dieser Beitrag schildern. Dies unter der Prämisse, dass – auch im Technik- und Industrie-Zeitalter - der natürlichste und gesündeste Huf in der Regel jener ist, der ohne Beschlag auskommt.

 

Wolf Kröber – unter anderem Begründer der Pferdemesse „Equitana“ – startete 1969 in Ankum den ersten deutschen 50-Kilometer-Distanzritt als Hengst-Leistungs-Prüfung speziell für Araber. In den Ankumer Bergen bestand das Geläufangebot aus schönem Sand. Kein einziger Teilnehmer musste beschlagen. Die meisten Deckhengste hatten sowieso keinen Beschlag. Fortan galt - noch vor der Gründung des Vereins Deutscher Distanzreiter (VDD) - das Dogma vom unbefestigten Geläuf, das sich im Laufe der Zeit jedoch zusehends verwischte.

 

Diese Tatsache nimmt gleich eines unmissverständlich vorweg: Es ist durchaus möglich, mit einem Pferd, das keine Eisen trägt, an längeren Distanzen oder Wanderritten teilzunehmen. Nicht nur geschichtliches Wissen, sondern auch die Praxis haben gezeigt, dass unter bestimmten Umständen ein barhuf laufendes Pferd durchaus in der Lage ist, zum Beispiel 80 Kilometer in hohem Tempo zu überwinden, ohne Schaden an Huf und Bewegungsapparat zu nehmen. Dabei ist es ganz entscheidend, um welchen Typus Pferd und welche Art Huf es sich handelt, wie das Tier gehalten und gefüttert wird, welche Entfernungen zurückgelegt werden sollen und nicht zuletzt, wie das Geläuf ist. Ebenso spielt eine Rolle, wie lange vor dem ersten Trainings-, Wander- oder Distanzritt das Pferd bereits ohne Eisen gelaufen ist. – Auch etwas anderes liegt auf der Hand: Für einen Turniersportler ist ein verlorenes Eisen in der Regel das Ende eines Wettkampfes.

 

Die Theorie
Ein Freizeitreiter, dem es mit viel Mühe, Geduld und Fachwissen gelungen ist, sein Pferd über einen langen Zeitraum hinweg auf das Barhuf-Laufen umzustellen, wird sich weigern, seinen Vierbeiner zu beschlagen, nur weil er zum ersten Mal an einem Distanzritt teilnehmen möchte. Er wird sich vielmehr sagen: „Wenn das nur mit Eisen geht, verzichte ich lieber“. Oder sich Distanzritte aussuchen, deren Geläuf sich laut Ausschreibung auch für Unbeschlagene eignet. Bei Alpenüberquerungen mit 320 zu überwindenden Kilometern, wie etwa von Tina Dambacher jedes Jahr organisiert, muss sich der interessierte Wanderreiter schon sehr genau überlegen, wie er den Laufapparat seines Vierbeiners vorbereitet.

 

Umgekehrt gibt es natürlich auch Beispiele, bei denen Pferde, die ihrer Eisen entledigt und ordentlich ausgeschnitten wurden, plötzlich und ohne grosse Umgewöhnungsphase freudig zu laufen begannen. - In beiden Fällen hat der Pferdebesitzer aber etwa ein Jahr gewartet, bis die Hufe seines Pferdes komplett neu nachgewachsen waren und sich im Wechsel der Bodenverhältnisse allmählich an die neue Belastung gewöhnt haben. Das Horn ist härter, widerstandsfähiger sowie glatter geworden - vielleicht, weil auch ein wenig mit Keralit oder Iso Hoof Protec zur Festigung oder Hufbalsam für die Elastizität des Hufs nachgeholfen wurde. Das Hufhorn läuft sich nicht mehr so geschwind ab wie nach den ersten Monaten der Eisenabnahme. Das Horn wächst jetzt durch die bessere Huf-Durchblutung auch schneller und in besserer Qualität vom Kronenrand herunter.

 

Die Pflege und das Training des Hufs
Sicher könnte ein derartiger Freizeitreiter auf Hufschuhe als Alternative zurückgreifen; doch davon soll hier nicht die Rede sein. - Vielmehr sollte er das Pferd für die langen Wege trainieren und nicht nur auf die weiche Koppel stellen. Rollkies-Areal in Verbindung mit Betonflächen im Auslauf oder Paddock ist ideal zur Festigung des Horns. Auch im Schritt gezielt über Kies gehen lassen, bringt eine erhöhte Widerstandskraft. Aber Vorsicht am Anfang bei Trab und Galopp. Vielen Pferden ist Bewegung wichtiger als Schmerz, so dass - extrem schmerzhafte - Blutergüsse im Huf und leichte Huflederhaut-Entzündungen sowie Abszess oder Geschwür vorprogrammiert sind. Bewusst auf Teerstrassen reiten, bringt nicht allein dem Huf, sondern auch Sehnen und Gelenken Stabilität. Selbst kurze Strecken im Trab sind da angebracht. Unbeschlagen fühlen die Einhufer, wo sie drüberlaufen und das ist gut so, denn es führt zur erhöhten Trittsicherheit.

 

Die Hufe eines barhufgehenden Pferdes, das auf die lange Strecke soll, dürfen nicht verweichlicht werden, sondern müssen kontinuierlich an die stärkere Beanspruchung herangeführt werden. Besonders im Sommer muss auf den Feuchtigkeitsgehalt der Hufe geachtet werden, da ausgetrocknete Hufe sich viel schneller ablaufen als feuchte. Daher sollten bei längerer Trockenheit die Hufe mit viel Wasser in Kontakt gebracht werden; eine Pferdeschwemme mit Steinchen-Grundlage ist dafür perfekt. Auch Bäche, Pfützen, Gartenschläuche oder Seen – sofern vorhanden – tun ihre Dienste. Reiten im Regen tut ein Übriges.

 

Die Vorteile des Barhuf-Laufens

-          Weniger Gefahr für Reiter

-          Weniger Gefahr für Koppel-Kumpanen

-          Weniger Schmerz für Pferde (kein Reintreten)

-          Kein Eisenverlust

-          Kein Vernageln

-          Preisgünstiger (da keine Eisen nötig sind und Beschneide-Periode etwas länger sein darf)

-          Im Winter keine Grips erforderlich

-          Der Mensch nimmt beim Reiten mehr Rücksicht auf seinen Sportpartner

-          Kurze Strecken über Asphalt zu traben, ist unschädlich

 

Huffett kann getrost weggelassen werden, da es das Wasser nur am Eindringen hindert und zuallererst der Optik dient. Will man das Wachstum der Hufe zusätzlich fördern, so ist es sinnvoller, den Kronsaum mit Lorbeeröl zu behandeln. Wobei auch hier nicht nachgewiesen ist, ob eher das Öl oder das Einmassieren desselben zu einer höheren Durchblutung und damit besserem Nachwachsen des Horns führt. Sicher ist auf alle Fälle, dass regelmässiges Massieren des Kronrandes mit der Wurzelbürste in Kombination mit Wasser dem Hufwachstum sehr förderlich ist.

 

Das Pferd sollte mindestens ein bis zwei Jahre ohne Beschlag - gleichgültig ob aus Eisen, Aluminium, Gummi oder Plastik - gehen, bevor es auf die erste lange Strecke geschickt wird. Und der Pferdebesitzer sollte mit allem vertraut sein, was die regelmässige Bearbeitung der Hufe anbelangt. Selbstverständlich mit Unterstützung eines kompetenten Huf-Pflegers,

-Schmiedes oder -Technikers. - Distanzreiter beispielsweise wissen, wie penibel zu Recht die Distanz-Tierärzte bei der Kontrolle des Bewegungs-Apparates in der Vor-, Zwischen- und Nachuntersuchung sind. Deshalb wird Niemand sein Pferd ohne Eisen losschicken, wenn nicht wirklich sichergestellt ist, dass es schmerz- und damit lahmfrei gehen kann. Denn naturgemäss bewegt sich ein beschlagenes Pferd beim Vortraben ganz anders vorwärts als ein unbeschlagenes, das wesentlich empfindlicher auf Steinchen reagiert, die oft auf den asphaltierten Vortrab-Strecken liegen.

 

Die Praxis
Viele Huffachleute, Tierärzte sowie Aktive vertreten die Ansicht, dass Pferde durchaus unten ohne laufen können, wenn die Randbedingungen passen. Der „Barhuf-Papst“ und zugleich aktive Distanzreiter Albert Fichtel setzt sich beispielsweise bereits seit Jahrzehnten für Distanzritte mit gutem Boden ein und reitet selbst auch immer unbeschlagen. Er ist zugleich Initiator  des Feuerkreis e.V., dessen Ziel es ist, Distanzritte auf möglichst pferdegerechten, barhufgeeignetem Geläuf anzubieten. Jüngstes Beispiel ist die „Rhein.- Pfalz- und Saarland-Meisterschaft“ vom 28. – 30. Juli 2006 im rheinland-pfälzischen Hennweiler über 130 sowie 65 Kilometer. In deren Ausschreibung hiess es explizit: „Geläuf bis zu 95 Prozent auf unbefestigten Wegen. Die Strecke ist für entsprechend trainierte Pferde ohne Hufbeschlag zu absolvieren. Es ist aber dabei zu berücksichtigen, dass die 5 Prozent befestigten Wege dann im angemessenem Tempo geritten werden müssen.“

 

Im Vergleich zu jeder anderen Pferdesportart stellen die Disziplinen ‚Endurance’ oder mehrtägiges ‚Wander-Reiten’ die höchsten Anforderungen an das Pferd in Punkto zurückzulegender Kilometer und damit an seine Hufe. Damit einher geht ein auf den ersten Blick erhöhter Abrieb des Hufhorns, auf den zweiten jedoch eine zunehmende Stabilisierung der equiden Extremitäten. Steht bei einem einstündigen Einsatz des Pferdes pro Tag das Wachstum und der Abrieb des Hufs noch im Verhältnis zueinander und läuft das Pferd von daher auf dem dafür vorgesehenen Tragrand und einem Teil der Sohle, so kann sich das Verhältnis bei den Marathonläufern schnell umkehren.

 

Dann nutzt das Pferd mehr und mehr die immer dünner werdende Sohle ab, die die empfindliche Lederhaut beim Auffussen nicht mehr genügend schützen kann und es kommt zur gefürchteten Lahmheit. - So kann es sein, muss aber nicht sein.

 

Die Vorteile des Beschlags

- Pferd kann beinah überall laufen

- Pferd hat mehr Halt auf nassem Gras

- Risiko eines Huf-Abzesses geringer

- Bessere Korrektur-Möglichkeit bei Stellungsfehlern

- Höhere Aktion in der Bewegung

 

Die Distanzritt-Ausschreibungen der Veranstalter etwa beinhalten immer einen Hinweis auf die Art des Geläufs, also wieviele Kilometer Aspahlt, Beton und ähnliches auf die Sportler zukommen. Gleichzeitig wird mitgeteilt, welche Länge die befestigten und unbefestigten Wege haben. Besonders hilfreich ist die Auskunft des Veranstalters, ob Hufbeschlag oder Vergleichbares vorgeschrieben, erforderlich, empfohlen oder nicht erforderlich ist. Danach sollten sich interessierte Teilnehmer orientieren, die es mit ihrem barhufgehenden Pferd versuchen wollen. Sie sollten ihre Entscheidung für eine Teilnahme zusätzlich von der Witterung und Jahreszeit abhängig machen.

 

Wenn dem vierbeinigen Marathonläufer dann bei ein bis zwei längeren Wettkämpfen Hufschuhe angezogen werden, so ist das eine sinnvolle Ergänzung und sorgt für eine Erholung des Hufhorns. Sicher ist jedenfalls, dass im Normalfall mit einem Barhufpferd - im Vergleich zu einem Pferd, dessen Hufe geschützt sind - die Anzahl und Länge der Distanzritte eingeschränkt werden muss.

 

Manche Rassen eignen sich mehr als andere

Grundsätzlich ist naheliegend, dass manche Rassen sich eher fürs Barhuf-Laufen eignen als andere. Dazu zählen insbesondere die harten Gebirgspferde, die von Natur aus schon ein so gutes Hornmaterial mitbringen, dass der Reiter kaum noch etwas machen muss, ausser - es hart und widerstandsfähig zu erhalten. Solche Pferde sind es gewöhnt, über Geröll, spitze Steine oder glatte Gebirgsplatten zu gehen, weshalb sich – rassespezifisch über Jahrhunderte hinweg – bestes Laufmaterial entwickelt hat. Zähe Bergpferde wie etwa der Haflinger aus Italien und Österreich, der Kabardiner aus dem Kaukasus, das Merens-Pferd aus Frankreich, das Rocky Mountain Horse aus den USA, die Bosnischen Gebirgspferde oder die Huzulen aus Polen, um nur einige Vertreter zu nennen, machen es dem Halter leicht, wenn er auf einen Beschlag verzichten und trotzdem auf längere Ritte gehen will.

 

Resumée
Die Meinungen über so ein umstrittenes Thema wie ‘Barhuf bei hoher Beanspruchung’ gehen ziemlich auseinander. – Im Normalfall lässt sich aber fast jedes Pferd von Eisen auf Barhuf in mehr oder weniger langer Zeit umstellen. Und ein solches Pferd kann, wenn es gute Hufe hat oder im Laufe der Zeit durch gezielte Einflussnahme bekommt, auch lange Ritte bewältigen. Weitere Vorraussetzungen sind, dass der Reiter wenig Ritte mit guten Bodenverhältnissen aussucht und den Hufen zwischendurch Zeit zum Nachwachsen lässt. Wer jedoch viele und lange Ritte absolvieren will, sollte auf einen Hufschutz nicht verzichten, da ja auch die etlichen Trainingskilometer ins Laufpensum des Pferdes einbezogen werden müssen.

 

Um Distanzen ohne Hufschutz hinter sich zu bringen, ist es allerdings nicht immer geraten, es von Anfang an komplett ohne Hufschutz zu versuchen. Da bieten sich die sogenannten Mischformen an, bei denen das Pferd vorne beschlagen ist oder Hufschuhe trägt und hinten naturbelassen geht. Über eine längere Periode betrachtet, können beispielweise die Hufschuhe immer häufiger weggelassen werden, so dass das Pferd Zeit hat, sich allmählich umzustellen.

 

Im Endeffekt gibt es keine generelle Lösung, sondern Jeder muss selbst entscheiden, ob er das Experiment „Barhuf“ wagen und dann herausfinden will, was er seinem unbeschlagenen Pferd zumuten kann. Er muss eigene Erfahrungen sammeln, - allerdings nicht um jeden Preis!

 

Literaturempfehlungen und -nachweise:

  • “Gesunder Huf, gesundes Pferd”, Fritz Rödder, Müller Rischlikon Verlag
  • “Hufschuhe”, Van Damsen/Schmidt, Müller Rischlikon Verlag
  • “Hufkurs für Reiter”, Armin Kasper, Franckh Kosmos Verlag
  • “Abenteuer Distanzreiten”, Kornelia Koller, Cadmos Verlag

 

SCHRIFT-GUT
Andrea Böhnke (MA)
Freie Journalistin
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Begleitendes Bildmaterial Martinus von Hoensbroech

Veröffentlichung mit freundlicher und kollegialer Genehmigung von PferdeMarkt