Der 34. "Lützower" Gala-Abend vom Reit- und Fahrverein "von Lützow" Herford

Mehr als 1.200 Zuschauer genossen gut drei Stunden „tierisches“ Programm rund ums Pferd

 

Foto: Isabelle Könnecker

 

Weltmeisterliches kündigte Moderator Carsten Sostmeier an, und nicht nur in seinen Augen wurde dieser Anspruch beim „Lützower“ Gala-Abend des Pferdes am Samstag absolut erfüllt. Mehr als 1.200 Zuschauer genossen gut drei Stunden „tierisches“ Programm rund ums Pferd. Tiger und Menschen bewältigten  gleichermaßen elegant Hindernisse, ein Dutzend Enten passte locker in einen einzigen Artgenossen, und eine Kuh zeigte ihre Qualität als Reittier. Das Publikum in der ausverkauften Halle war mehr als einmal höchst begeistert.

Die bewährte Mischung war wieder einmal Garant für den Erfolg: Disziplinen und Reitweisen, Rassen und Tierarten, Schaunummern auf Weltniveau bis zu den allerersten Auftritten vor Publikum bildeten ein buntes Kaleidoskop. So gaben nach guter Tradition die jüngsten Vereinsmitglieder den Auftakt. Sie spielten das Dschungelbuch nach und zeigten, wie Mowgli mit Hilfe seiner Freunde selbst Tiger und Schlange nicht fürchten muss. Die fantasievolle Kostümierung der Kinder begeisterte, und die hier und da anzumerkende Nervosität unterstrich den Charme dieser Nummer.

Hohe Reitkunst und einen besonderen Augenschmaus gleichermaßen bot daraufhin Martina Böhmer mit ihrem „Pegasus“. Sie stellte ihren neunjährigen, selbstgezogenen Hannoveraner Fuchshengst „Böhmer’s As“ in Lektionen der schweren Klasse vor – und zwar komplett ohne Zügel geritten. Denn die Arme der Reiterin steckten in Flügeln, der Hengst schwebte förmlich durch die Halle, völlig unbeeindruckt von der begleitenden Feuerkunst, Dunkelheit, Spotlight und Applaus.

Mit deutlich mehr Gewicht, aber kaum weniger Eleganz begeisterten anschließend Higgins, Hartmut, Eral und Harald. Die Rheinisch-Deutschen Kaltbluthengste aus dem NRW-Landgestüt zeigten eine punktgenau gerittene Quadrille. Und spätestens nach der abschließenden Ehrenrunde im Hallen-erschütternden Galopp waren nicht nur die vier Reiter „Atemlos“.

 

Foto: Isabelle Könnecker

 

Stammgast in Herford ist Kai Vorberg, mehrfacher Doppel-Weltmeister im Voltigieren. Moderator Sostmeier kündigte den „Volti-Opa“ mit jugendlicher Unterstützung an: Der von Vorberg trainiert Miro Rengel ist aktueller Vize-Europameister der Junioren. Er zeigte die Pflichtübungen an der Longe und natürlich seine Kür. Vorberg selbst nahm sein Alter ebenso humorvoll wie sportlich gekonnt auf die Schippe. Ob nicht mittlerweile Schwimmen der bessere, da weniger sturzgefährdete Sport für ihn sei, stellte Sostmeier in den Raum. Doch die Leidenschaft fürs Turnen auf dem Pferd steckt wohl zu tief in Vorberg, weshalb er zunächst in einer „Baywatch“-Kür die beiden Sportarten aufs Feinste miteinander verband.

Ebenso athletisch wie die beiden Voltigierer, aber ohne Pferd über Hindernissen unterwegs brachten danach die „Horsemen“ den Saal zum Kochen. Die vier Franzosen waren schon 2008 zu Gast in Herford, und in diesem Herbst traten sie im Showprogramm der Weltreiterspiele in ihrem Heimatland auf. Sobald die jungen Männer ihre Oberkörper frei machten, kam Stimmung auf in der Halle. Und als sie dann Hindernisse bis 1,60 Meter spielerisch-elegant, mit eher wenig Anlauf und barfuß überwanden, hielt es nur wenige Zuschauer noch auf den Sitzen. Mit dem passenden Sinn für die Show heizten Zaya, Doubi, Polo und Evan ihr Publikum weiter an, das gern mitging. „Spitzenklasse“, brachte Sostmeier es auf den Punkt.

Das anschließende Pas de Deux war wiederum weltmeisterlich. Carolin Schnarre und Silke Winter zeigten Einerwechsel, halbe Pirouetten und Traversalverschiebungen. Dass Schnarre nur noch drei Prozent Sehfähigkeit hat und Winter versteifte Hände, war der Vorstellung nicht anzumerken. Schnarre hat in der Para-Dressur Team-Bronze bei den Weltreiterspielen gewonnen, und gemeinsam mit der Lützowerin Winter hat sie schon in Aachen Schaubilder gezeigt. Beide Sportlerinnen sind auch im sogenannten „Regelsport“ der Reiter ohne Beeinträchtigungen sehr erfolgreich.

„Schäferin“ Anne Krüger aus Melle. Sie wurde begleitet von ihrer elfjährigen Tochter Carla, wie die Mutter im Sattel. Schimmelpony und Oldenburger Rappwallach waren Teil der Symphonie in Schwarz-Weiß – hier sei zu erfahren, wie bunt das sein könne, so Sostmeier. Krüger dirigiert ihre Border Collies mit Pfiffen vom Sattel aus, und die wiederum bringen ein Dutzend indischer Laufenten dazu, über eine Brücke oder unter den Pferden hindurch zu gehen. Labrador Dr. Watson hilft beim Aufstellen von Toren in Form von Bällen, die die Enten passieren. Und wenn zu guter Letzt eine schneeweiße Riesen-Ente (der Marke Citroen) einrollt und alle Laufenten von den Border Collies dort hineingetrieben werden, spätestens dann ist auch der letzte Zuschauer absolut fasziniert.

Mit absoluter Gelassenheit beeindruckte ein dreijähriges Reittier. „Jutta“ heißt die schwarz-weiß gescheckte – Kuh. Die 13-jährige Iris Beneker aus Rahden umsorgt und trainiert das Rindvieh quasi seit dessen Geburt. Im völligen Vertrauen auf seine Reiterin marschierte die trächtige Jutta durch die voll besetzte Halle, gelenkt nur mit einem Halfter. Begonnen hatte alles mit dem Mangel an einem eigenen Pony. Und obwohl es das inzwischen gibt, beschäftigt sich die reitbegeisterte Iris weiterhin gern mit den Kühen auf dem Hof der Eltern. Sehr zur Begeisterung der Herforder!

Auch der Abschluss des Abends war weltmeisterlich: Das Team Neuss stellte seine Voltigier-Kür vor, mit der die Gruppe jüngst den WM-Titel geholt hat. Die Neusser sind nicht nur Serien-Gewinner, sondern regelmäßig zu Gast in Herford, wo das Voltigieren ebenfalls einen großen Stellenwert hat. Die anspruchsvollen Übungen kommen quasi aus der Zukunft des Voltigiersports, denn die Kür spielt im Jahr 2074. Die Turnerinnen stellten ohne Scheu vor Höchstschwierigkeiten gekonnt die Suche der Menschheit nach einem neuen Platz für ein friedliches Leben dar. Die spektakulären Bilder sorgten für Begeisterungsstürme.

Nach einem spannenden, abwechslungsreichen Abend waren sich die Zuschauer einig: Wenn nach gut drei Stunden die Gardegrenadiere aus Altenbeken den Ausmarsch der Aktiven untermalen und hunderte Wunderkerzen die Halle erleuchten, dann kann der Advent kommen!

 

Foto: Isabelle Könnecker

 

Kasten:

Der Reit- und Fahrverein „von Lützow“ Herford ist der zweitgrößte in Westfalen, und seine Mitglieder sind in den meisten Pferdesport-Disziplinen erfolgreich. So gab‘s beim Gala-Abend wieder einmal gute Gründe, erfolgreiche Vereinsmitglieder zu ehren. Die Nachwuchsfahrer holten gleich zwei nationale Titel: Rica Rethmeier wurde Deutsche Meisterin U25, und Florian Müller holte den Titel bei den Unter-Sechzehnjährigen. Die beiden stellten in einem eigens erarbeiteten Pas de Deux ebenso rasant wie gekonnt ihre drei Disziplinen Dressur, Kegel- und Geländefahrt vor.

Wie die beiden jungen Fahrer besonders geehrt vom Vorsitzenden Klaus Brinkmann wurde Ina Tünnermann. Die Springreiterin bewies zunächst gegen einen der „Horsemen“ im sportlichen Wettstreit über bunte Stangen, dass sie ihr Goldenes Reitabzeichen definitiv verdient hat. Zehn S-Siege hat sie großenteils mit ihrer Schimmelstute „Cayenne“ errungen, und Brinkmann durfte ihr das Abzeichen überreichen.