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TEIL 04

 

„ Lasst mich durch! Mensch, macht doch mal platz.“ Es war Major Flint, der sich, mit seinem dicklichen Bauch, versuchte sich bis nach vorne durch zu drängen. Es schien als hätte er die Situation als erster durchschaut, denn er zeigte sofort auf den immer noch bewusstlosen Mike Digger.

„ Da sitzt der Mörder!“ schrie er sofort. Sein ganzes Gesicht wurde dabei unansehnlich dick und feuerrot.

„ Nun tut doch etwas. Er hat eueren Bankier erschossen, steht nicht so da rum! Wo ist eigentlich unser Marshall?“ gerade stürmten drei wütend gewordene Männer auf den Mörder zu um ihn hoch zu zerren, da trat Marshall Ryder aus dem Tresorraum heraus. Er hielt die Frau des Bankiers in seinen Armen. Mit ernster Mine stand er da, groß, beeindruckend.

Mit fester tiefer Stimme sagte er,

„ Ich bin hier. Ole nehmen sie Misses Great und tragen sie sie rüber zum Doc. Wenn er sie behandelt hat, brauche ich ihn mit seiner Arzttasche im Office.“

Der riesige, breitschultrige Schmied Ole Jansson, dessen Vorfahren aus Schweden stammten, schob sich durch die Menge als seien alle anderen Stoffpuppen. Niemand leistete Gegenwehr. Er nahm die verstörte Frau dem Marshall ab und verließ Wortlos die Bank.

„ Was wolltet ihr mit diesem Mann anstellen?“ fragte Nick misstrauisch die drei Männer, die immer noch Mike Digger festhielten. Noch bevor einer von ihnen eine Antwort geben konnte, fiel Major Flint ein.

„ Ich habe den Befehl gegeben ihn rüber ins Jail zu bringen.“

„ Das klang aber eben etwas anders. Außerdem frage ich mich wieso sie ihn des Mordes beschuldigen, er hat nicht mal einen Waffe!“ Nick sah das nervöse Zucken der Kieferknochen des Majors. Er mochte diesen aufgeblasenen arroganten Bürgermeister von Anfang an nicht. Dennoch musste er sich zugestehen, dass dieser Major es verstand zu Reden. Was hatte er nicht schon alles für Cutter durchgesetzt. Seit er sein Amt bekleidete, haben Frauen das Wahlrecht, was für eine Stadt wie Cutter, die so tief im Westen lag, viel bedeutete. Er hatte es mit seinen Reden sogar geschafft einen Agrarverbund zu gründen, der bei schlechter Ernte die Farmer Finanziell unterstützte. Dieser Verbund war mittlerweile so gewachsen, dass sich über hundert Farmer daran beteiligten. Trotz allem musste man ihn mit Vorsicht genießen, denn er konnte auch anders, und Wehe dem der sein Gegner war. Nick wusste ihn gut einzuschätzen. Er selber hatte durch seinen Marshallstern ein hohes Ansehen in Cutter und viele bedeutende Freunde, wie  Gouverneur Hospin.

„ Erstens trägt er ein leeres Holster, dass heißt, er hatte seinen Revolver gezogen, wo auch immer dieser nun ist. Zweitens hat Mister Great einen Revolver noch in der Hand mit der er wohl auf diesen Mann geschossen hat. Das sind doch wohl eindeutige Beweise, Marshall!“ Energisch betonte er das Wort, Marshall, nur um noch einen Trumpf in der Hand zu haben. Sollte Nick Ryder ihn ohne Titel anreden, wäre das ein deutliches Zeichen der Unhöflichkeit. Aber Nick kannte Flint zu gut, um auf einen so billigen Trick reinzufallen.

Er packte Mike Digger unter die Arme, der genau in diesem Augenblick zu sich kam.

„ Das sind vielmehr Indizien. Ich nehme ihn erst mal Fest, bis der Richter hier ist.  Meiner Meinung nach kann er nicht der Schütze gewesen sein. Aber sie sind ja nicht der Marshall, das entschuldigt ihre voreiligen Beurteilung, Major!“ Mit gleicher harter Betonung sprach Nick das Wort Major aus. Major Flint war tatsächlich für ganze dreißig Sekunden Sprachlos.

Doch dann sprudelte es aus ihm nur so heraus.

„ Was bilden sie sich denn ein? Diese Stadt wäre unter gegangen ohne mein Engagement. Sie halten sich wohl für einen Filou, aber ich kann eben so gut kontern!“ Es war typisch für ihn in solchen Momenten Fremdwörter zu benutzen, denn damit hatte er bisher immer Eindruck schaffen können. Auch diesmal standen die einfachen Bürger aus Cutter da, und verstanden im Grunde nicht was gesagt wurde, aber sie hielten Flint für einen gelehrten Mann. Dabei war es nur sein Hobby sich mit Fremdwörtern zu befassen.

Nick schüttelte nur den Kopf. Es war ihm zuwider sich auf ein solches Streitgespräch einzulassen. Er zog den halbbetäubten Mike am Kragen packend hinaus. Draußen kam ihm Sheriff Armstrong entgegen gelaufen. Er war völlig außer Puste.

„ Was…was ist geschehen?“ fragte er Luft holend.

„ Bankier Great wurde erschossen. Seine Frau hat einen Schock und Flint ist wieder ganz in seinem Element. Wo warst du eigentlich so lange?“

„ Das fragst du noch? Wer hat mich denn zu Lady Baerman geschickt um den angeblichen gestohlenen Kuchen zu finden. Du hast genau gewusst, dass sie wieder mal nur Gesellschaft und einen Handwerker brauchte.“ Jett versuchte eine wütende Mine auf zu ziehen, aber es gelang ihm nicht wirklich. Tief in seinem Inneren hatte er ja auch Mitleid mit der armen, erst kürzlich verwitweten alten Dame, die von ihren vier Söhnen verlassen wurde.

„ Du warst nur die halbe Nacht bei ihr?“ fragte Nick. Es erstaunte ihn sehr, denn Misses Baerman ließ niemanden so schnell wieder gehen, der einmal ihr Haus betreten hatte.

„ Du kennst sie doch. Erst bekam ich ein Abendessen vorgesetzt, dann den angeblich gestohlenen Kuchen, und schließlich musste ich noch ihren Herd und den Schrank reparieren.“ Mike stöhnte auf als Nick ihn zum weitergehen zwang. Jett wollte den Beiden folgen, bekam aber einen Auftrag von Nick.

„ Geh rüber zur Bank und schick die Leute nach Hause, Mister Great liegt noch da. Ich sage dem Undertaker bescheid.“

„ Ist gut. Hat Digger ihn getötet?“

„ Nein das glaub ich nicht. Er ist verdammt schnell mit seinem Colt. Great hat seine Waffe selten benutzt, er hätte gegen Digger keine Zeit gehabt selber einen Schuss abzugeben.“

„ Wo ist eigentlich sein Schatten, dieser Cass Miner?“

„ Keine Ahnung, aber das finde ich noch heraus. Der gesamte Tresor ist geleert worden, irgendwer muss ja auch das Geld entwendet haben.“

„ Na dann bis gleich.“ Verabschiedete sich Jett.

 

Mike Digger wurde zum zweiten Mal in dieser Woche eingesperrt. Nachdem Doktor Brown  die Wunde an der Schläfe versorgt hatte, kam er vor ins Office, wo Nick wieder missmutig  seinen Bericht schrieb. Er war ein Mann von neun und sechzig Jahren. Sein Haar hatte längst die ursprüngliche schwarze Farbe verloren uns schimmerte grau-weiß. Auf der schlanken Nase saß eine Goldgeränderte Brille, die immer auf der Nasenspitze ruhte. Seit gut einem Jahr trug er einen Bart zusätzlich zum Schnauzer, den er schon immer hatte. Ed Brown war der beste Mediziner den sich Cutter nur wünschen konnte. Nun stand er im Office, seine Arzttasche in der Hand und sagte.

„ Er wird bald wieder vernehmungsfähig sein. Im Moment braucht er etwas Ruhe.“

„ Sicher. Danke Doc. Wie geht es Misses Great?“

„ Oh sie steht unter Schock.“ Doktor Ed Brown machte eine kurze Pause. Er wartete bis Nick ihn ansah, dann fuhr er mit leiser Stimme fort,

„ Sie wurde vergewaltigt.“ Sagte er und schluckte. Nick fiel die Feder aus der Hand. Er war so bestürzt, dass er kaum aufstehen konnte. Nur langsam erhob er sich von seinem Stuhl und trat auf den Arzt zu.

„ Bist du dir da sicher Ed?“

„ Ich bin seit fünfundvierzig Jahren als Arzt tätig, du kannst mir glauben, dass ich mich bei einer solchen Diagnose nicht irre.“

Nachdenklich rieb sich Nick das Kinn.

„ Digger würde ich so etwas zutrauen. Aber das nachzuweisen wird nicht einfach sein.“

„ Willst du meine Meinung hören? Ich denke, dass Sam ihn auf ihn geschossen hat, weil er seine Frau….. naja du weißt schon, aber Mike war schneller und hat ihn Tödlich erwischt.“

„ Nein, So kann es nicht gewesen sein. Ihr abgerissener Kleiderärmel lag im Tresorraum, wo auch sie selber saß als ich rein kam. Es muss also in diesem Raum geschehen sein. Sam lag aber im Kundenraum. Auf dem Rücken und mit dem Kopf zu Mike. Der Schütze stand in der Eingangstür, da gibt es keinen Zweifel.“

„ Wie du meinst. Ich bin froh ein Arzt zu sein und kein Marshall.“ Bemerkte Doc Brown. Nick schmunzelte als er sagte,

„ täglich irgendwelche Wehwehchen heilen wäre mir auch zu langweilig. Wie macht sich denn dein Assistent Jim Leonard?“

„ Oh ich bin so froh, dass er hier ist. In vier Monaten hat er seine Abschlussprüfung. Die wird er locker schaffen, er ist sehr gut. Vielleicht wird er meine Praxis übernehmen, schließlich werde ich auch nicht mehr jünger und meine Augen lassen nach.“

Ryder klopfte dem Arzt auf die Schulter und ermutigte ihn.

„ Tröster dich Ed. Wir alle werden älter. Ich merk es auch schon!“

„ Du? Ha, dass ich nicht lache. Du bist in den besten Jahren mein Junge. In deinem Alter….“ Nick fiel ihm ins Wort,

„ konntest du noch ohne Brille operieren.“

„ Was hast du vor?“ fragte Ed Brown als er sah,  dass Nick sich den Revolvergürtel umschnallte und seinen Hut aufsetzte.

„ Ich muss nach Cass Miner suchen. Er war garantiert mit dabei.“ Dann verließ er das Office.

Nick suchte überall wo er den Partner von Mike vermutete, aber ohne Erfolg. Nach zwei Stunden lief ihm Jett über den Weg.

„ Alles geregelt. Mister Great ist bereits im Totenhaus. Miller kümmert sich um alles.“

„ Okay. Auf dem Schreibtisch habe ich dir eine Liste hingelegt. Reite zu den Ranchern und erkundige dich formlos. Unser Keeper hat sich beschwert. Niemand von den Cowboys kam in der letzten Zeit in seinen Saloon.“

„ Wieso müssen wir uns darum kümmern? Wir haben so schon genug zu tun. Was geht uns sein Geschäft an!“

„ Auf der einen Seite hast du Recht, aber es ist schon Merkwürdig wenn die Stammkundschaft auf einmal weg bleibt. Wäre es nur eine Ranch würde ich vermuten ihr Vorarbeiter hat den Alkohol verboten, aber gleich mehrere.“

„ Also dann. Es wird wohl etwas dauern bis ich wieder zurück bin. Ich nehme Lex mit, es macht einen besseren Eindruck, wenn wir zu zweit sind.“

„ Ich nehme mir jetzt Mike zwischen. Er weiß ganz sicher wo sein Partner ist.“

„ Viel Glück!“ rief Jett, der schon auf dem Weg zum Stall war um sein Pferd zu holen.

„ Dir auch!“ gab Nick zurück.

Im Office war es verdächtig still. Nur ein leises Stöhnen kam aus dem Zellentrakt.

Aus reiner Vorsicht zog Nick seinen Revolver. Ein warnendes Gefühl stach in seiner Brust. Er konnte sich immer auf diese Vorahnung verlassen. Schon oft hatte es ihn vor Unheil bewart.

Geduckt stieß er die Tür zum Zellentrakt auf. Drinnen blieb alles ruhig.

Nick riskierte einen Blick hinein. Im Gang zwischen den Zellen war niemand zu sehen. Hinter der Tür konnte sich auch niemand versteckt haben, denn diese schlug beim öffnen, laut gegen die Wand. Dann sah Nick den am Boden liegenden Gefangenen. Zusammengerollt kauerte er auf den Dielen und stöhnte wieder als er Schritte hörte.

„ Mike?“ Kaum hatte Nick seinen Namen gerufen drehte dieser sich blitzschnell um. Eine Messerklinge surrte um Haaresbreite an Ryders Kopf vorbei. Nur seinem inneren Warngefühl und seiner schnellen Reaktion, verdankte Nick sein Leben.

Das Messer bohrte sich in die Holzverkleidung der gegenüberliegenden Wand.

„ Hast du noch mehr zu bieten?“ fragte Nick, während er die Zelle öffnete. Mike blieb gekrümmt am Boden liegen. Die Sonne schickte ihre ersten Strahlen durch das vergitterte Fenster und erhellte die abgetretenen Dielen. Nach Luft ringend brachte Mike noch ein paar Worte raus.

„ Wir sehen uns in der Hölle wieder Marshall. Dafür wird Cass schon sorgen.“

„ Wo ist Cass? Hat er das Messer nach dir geworfen? Antworte!“ Immer blasser wurde Mikes Gesicht. Seine Lippen färbten sich Lila. Es war nur noch ein leises flüstern das über seine Lippen kam.

„ Sie werden sterben Marshall. Schon bald.“

„ Mag sein, aber wenn du dein Maul nicht auf machst, bist du vor mir mit sterben dran. Du willst doch deinen Mörder nicht noch schützen! was hast du davon wenn Cass mich auch tötet und weiter frei rum läuft?“ Nick war klar, dass sein Gefangener an dieser Verletzung nicht sterben würde. Er nutzte die Angst Diggers aus um etwas über den Verbleib Cass Miners zu erfahren.

Mikes Blutverschmierte Finger krallten sich in das Halstuch des Marshalls.

„ Dein Tot ist mein Frieden.“ Hauchte Mike, dann löste sich der verkrampfte Griff und der Arm fiel Leblos zu Boden. Mike Digger war Ohnmächtig. Nick konnte sehen wie sich der Brustkorb hob und senkte. Er ließ den Doktor kommen, der ihn zum zweiten Mal eine Wunde reinigte und verband. Nur diesmal war es nicht der Kopf, sondern die Schulter.

Als Doktor Brown sich verabschiedet hatte gingen Ryder viele Gedanken durch den Kopf.

Wer der Messerwerfer war, hatte Mike nicht verraten. So sehr hasste er Marshall Nick Ryder, dass er sogar den Mann deckte, der ihn Töten wollte. Für Nick kamen nun Zweifel auf, ob es sich dabei tatsächlich um Cass Miner handelte. Er wäre ihm nie gelungen unauffällig bis zum Seitenfenster des Jails zu kommen. Nein, er konnte unmöglich noch hier in Cutter sein. Aber wer war es dann? Nick ging in seinem Office auf und ab. Er grübelte nach, wer sonst noch einen Vorteil an dem Tot des Gefangenen haben könnte. Es muss noch eine dritte Person im Spiel sein.

Draußen auf dem Stepwalk wurden laute Schritte hörbar. Das Klingen der Sporen kam immer näher und schließlich öffnete sich die Officetür. Sheriff Jett Armstrong kam herein, weiß gepudert vom Staub.

„ Hey Nick du hattest Recht. Es hat tatsächlich einen Grund, dass im Saloon nicht mehr so viel los ist. Nach der zweiten Ranch sind wir die anderen erst gar nicht angeritten.“  

„ Nun sag schon was du raus gefunden hast!“ drängelte Ryder ungeduldig.

„ Wir haben es wohl mit einem illegalen Whiskybrenner zu tun. Zwei Kerle haben an die Rancher Kistenweise das Zeug zum Spotpreis verkauft. Es ist nicht mal ein schlechter Tropfen. Mit den Preisen kann George nie mithalten.“

„ Zwei sagst du?“

„ Ja. Und die Beschreibung passt ziemlich genau auf unsere Bankräuber.“

„ Mike wird uns ganz sicher nichts sagen. Jemand wollte ihn durch das Fenster mit einem Wurfmesser umbringen.“

„ Cass?“

„ Ich glaube es ist noch ein Dritter im Bunde. Jetzt wo du mir das mit dem Whiskey erzählt hast, bin ich mir sogar sicher. Den Beiden traue ich nicht die Kenntnisse einer Brennerei zu. Das würde für sie auch Arbeit bedeuten, und dass passt nicht zu ihnen.“

„ Ich könnte mich mal bei Will Rondo erkundigen. Der alte Fallensteller ist doch viel unterwegs. Es würde mich doch sehr wundern, wenn er nicht irgendetwas gesehen hat.

Wenn die ihre Ware bis rauf zu Wesley gebracht haben, hat Will sicher was gesehen. Vielleicht war der Dritte ja dabei und hat sich im Hintergrund aufgehalten. Ich würde den Beiden nicht über den Weg trauen, wenn sie Geld von den Ranchern einkassieren.“

„ Ja tu das. Im Moment ist jede Spur von Cass verschwunden.“

 

 

FORTSETZUNG FOLGT…