Test: Hufschuhe für Fahrpferde

 

Teil I

 

Wer kennt das Problem nicht? Die ganze Woche freut man sich auf das Wochenende, an dem man endlich Zeit hat, seine Pferde wieder anzuspannen (oder zu satteln) und ein paar schöne Stunden auf der Kutsche (oder im Sattel) zu verbringen. Gut gelaunt steht man samstags auf und macht sich auf den Weg zu den Pferden. Doch als man dann ankommt, stellt man fest, dass eines der Pferde ein Eisen verloren hat. Natürlich hat der Hufschmied nicht auf diesen Anruf gewartet und kann an diesem Wochenende nicht mehr kommen, um das Eisen wieder aufzubringen- alle gute Laune ist vorbei und die schöne Ausfahrt endet bevor sie begann.

 

Meine Frau und ich haben diese Situation schon oft erlebt und dies lag nicht am Schmied und der Qualität des Beschlags. Daher dachten wir über Alternativen nach- Barfuss war jedoch keine, da unser Gelände und der Fakt, dass man mit Fahrpferden eben oft auch auf Asphalt unterwegs ist, dies nicht zulassen. Parallel erhielt meine Frau in Ihrer Funktion als Fahrsportbeauftragte der VFD Rheinland- Pfalz e.V. immer öfter Anfragen, ob es Erfahrungswerte und/ oder –berichte über Hufschuhe bei Fahrpferden gibt. All dies nahmen wir dann zum Anlass, einen solchen Test durchzuführen, um dann hoffentlich Situationen wie oben geschildert nicht mehr erleben zu müssen.

 

Vorweg möchte ich noch erwähnen, dass unsere Pferde über den Winter immer Barfuss gehen und im Offenstall gehalten werden. Barfusslaufen ist also nichts Neues oder Ungewohntes für die Hufe unserer Pferde und sie kommen auch gut ohne Eisen zurecht- wenn sie nicht gefahren oder geritten werden.

 

So machten wir uns auf die Suche nach Informationen und einem zuverlässigen und kompetenten Partner für den Test. Im Vorfeld legten wir Voraussetzungen bzw. zu klärende Fragen für den Test fest:

 

Wie gut ist die Beratung?

 

Wie einfach oder schwierig lassen sich Hufschuhe anziehen?

 

Wie hoch sind die Kosten und wie lange halten Hufschuhe- lang genug, um sich zu amortisieren?

 

Was macht es mit den Hufen- wir entschieden uns, unseren Hufschmied in den Test mit einzubinden, der dann die Hufqualität bei jedem turnusmäßigen Ausschneiden bewerten soll.

 

Wie ist der Bewegungsablauf- hier entschieden wir uns, einen Tierarzt mit ins Boot zu nehmen, der den Bewegungsablauf (Abhufen, Aufhufen, etc.) beurteilen soll.

 

So fingen wir an, mehrere Verkäufer von Hufschuhen abzutelefonieren. Leider stellten wir bei zahlreichen Verkäufern fest, dass diese lediglich erklärten, wie man die Hufe ausmessen muss und dann würden sie anhand einer Tabelle feststellen (diese ist für alle Marken online frei zugänglich), welche Größe von Hufschuh man bzw. wir dann benötigten. Welche Marke wir also nutzen würden wäre nach deren Aussage dann abhängig von der Größe der Hufe.

 

Glücklicherweise hatten wir aber auch Verkäufer, die mit viel Kompetenz und Sachverstand aufklärten und wir entschieden uns letztlich für Jürgen Schlenger vom Hufpflegeshop aus Kirschweiler. Jürgen erklärte am Telefon, dass es nicht nur auf die Größe des Hufes ankomme, sondern viele andere Faktoren mit eine Rolle spielen. So muss man auch ganz klar den zukünftigen Nutzer mit beachten- muss der Hufschuh z. B. gespannt werden (wie der EasyBoot Epic), so kann der Nutzer nicht ein Jugendlicher sein, da ein gewisser Kraftaufwand nötig ist. Auch sagt die Größe des Hufes noch gar nichts aus- vielmehr kommt es auch auf die Form des Hufes an und eben auch auf die Bewegung. Ein Pferd mit raumgreifendem Schritt hat große Chancen, sich die vorderen Hufschuhe mit den Hinterbeinen auszuziehen und ein Hufschuh mit Gaiter (eine Art Gamasche) ist hier zumindest für die Vorderhufe zu empfehlen.

 

Um all diese Faktoren zu bestimmen und auszuwerten machten wir mit Jürgen einen Termin bei uns am Stall aus. Da Jürgen gemäß eigener Angabe mehr von der Theorie als von der Praxis versteht, reiste er mit seinem sehr professionellen Team für Hufschuhe an und brachte Hufschuhe verschiedener Hersteller und Größen zur Anprobe mit. An diesem Punkt möchte ich erwähnen, dass sich der Termin aufgrund der Wetterlage verschob und bei der Anprobe war der letzte Hufschmiedtermin drei Wochen her.

 

Das Team betrachtete die Hufe unserer zwei Comtois- Stuten und sah sich an, wie die Form der Hufe ist und wir wurden gefragt, was für uns bei einem Hufschuh wichtig sei- uns ist eine einfache Handhabung, größtmögliche Sicherheit, die Hufschuhe nicht zu verlieren und die Eigenschaften „Anziehen und Losfahren“ und nicht erst „einfahren“ wichtig. Also entschied das Team, verschiedene Hufschuhe der Firma Easyboot anzuprobieren und im Anschluss die Pferde mit den Schuhen wieder laufen zu lassen, um zu sehen, wie sie die Schuhe annahmen.

 

Schlussendlich fiel die Entscheidung für beide Stuten auf den Hufschuh Easyboot Epic- ein Hufschuh mit Trachtenband, Schnalle und Gamasche. Neben dem Halt gibt die Gamasche auch noch ein wenig mehr Sicherheit, dass kein Dreck in den Hufschuh eindringt und Wundscheuern verursacht. Die Größe war eine vier für vorne und eine drei für hinten.

 

Als das Team sich wieder auf den Weg machte, waren drei Stunden vergangen- für zwei Pferde! Dies allein zeigt, wie Komplex das Thema ist und dass eine Anpassung nicht mal eben so geschehen kann!

 

Da der letzte Schmiedtermin wie gesagt drei Wochen zurücklag, einigten wir uns darauf, dass wir den Hufschmied nochmals kommen lassen und am anschließenden Wochenende das Team für die Endpassung der Hufschuhe nochmals anreist. So bestellten wir den Hufschmied und Jürgen die Hufschuhe- die Anprobierten waren ja die vom Testset.

 

Als das Team dann eine Woche später wieder anreiste gab es eine Überraschung- hatten wir bei der Anprobe noch gedacht, dass es passieren könnte, dass wir nach dem Hufschmiedtermin evtl. kleinere Größen benötigen, mussten wir nun feststellen, dass dies umgekehrt der Fall war: Eine unserer Stuten benötige nun vorne die Größe fünf statt vier und hinten hatten beide eine vier und nicht eine drei!!! Dadurch zog sich die erste Testfahrt dann noch eine knappe Woche hin- bis dann alle Größen (vorne fahren wir die Größe fünf mit Comfortpads) da waren.

 

Wie Ihr seht, ist sowohl die Auswahl der richtigen Größe als auch der Marke nichts, was man anhand von Tabellen und Geschmack mal eben so macht. Nach diesen Anproben kann ich verstehen, weshalb so viele schlechte Berichte über Hufschuhe und deren Passform kursieren- m. E. nach ist das Anpassen und die Beratung durch ein kompetentes Team ein absolutes MUSS, um keine Fehler zu begehen, die dann a) sehr kostenintensiv und b) unter Umständen auch schädlich für das Pferd sein können.

  

Viel Spaß mit Eurem Partner Pferd !

 

 

 

Test: Hufschuhe für Fahrpferde

 

Teil II

 

… die gute Laune hält noch an!

 

Nachdem wir nun ca. 200 Km mit Hufschuhen zurückgelegt haben, ziehen wir in diesem zweiten Teil eine erste Bilanz:

 

Das Anziehen der Hufschuhe bedarf ein wenig Übung. Nach dem zweiten oder dritten Mal haben sich die Hufschuhe jedoch „eingelaufen“ und das Anziehen dauert pro Pferd nur wenige Minuten und ist kein Kraftakt. Wir haben mit einem wasserfesten Marker die Hufschuhe beschriftet- Name des Pferdes und vorne oder hinten, links oder rechts, um sicher zu stellen, dass die Schuhe nicht vertauscht werden. Auch das Ausziehen funktioniert problemlos und die mitgelieferte Ausziehhilfe brauchen wir fast nie.

 

Der Hufschmied war seit dem Einsatz zwei Mal da und laut seiner Aussage, haben sich die Hufe nicht negativ verändert, sondern sind gleich gut geblieben. Wir haben beim Fahren festgestellt, dass die Pferde überhaupt nicht mehr „Autschen“, was vorher bei steinigen oder geschotterten Wegen durchaus vorkam, da ein Eisen nicht die Sohle schützt- wohl aber der Hufschuh, da er unten komplett geschlossen ist. So ist es schön anzusehen, dass die Pferde ohne Schmerz oder Störung über jeden Weg gehen. Nach zwei Hufschmiedbesuchen haben wir die Kosten für die Hufschuhe ungefähr zur Hälfte raus und die Schuhe halten noch lange, sodass wir die Frage nach der Amortisierung positiv beurteilen können, da wir sogar noch Geld sparen werden.

 

Da wir unsere Pferde oft auch auf Asphalt fahren und sie auf diesem auch Anziehen müssen und durch das Gewicht unserer Stuten (je ca. 800 Kg) riet uns das Team vom Hufpflegeshop, Stollen zu nutzen. Dies ist bei den Hufschuhen der Marke Easyboot auch kein Problem. Anfangs verloren wir jedoch oft Stollen und waren zunächst überrascht, wie schnell sich diese ablaufen müssen, damit sie verloren gehen. Überraschenderweise kam dies aber nicht bei allen Hufschuhen vor. Dann kamen wir hinter das Geheimnis: Da unsere Stuten ein hohes Eigengewicht haben, war der Druck auf die Stollen von innen so hoch, dass die Auflage der Stollen im Schuh in kleine Teile zerbrach und dann keinen Gegenhalt mehr geben konnte- der Stollen ging verloren. Jedoch hatten wir noch nie einen Stollen in den Hufschuhen verloren, die mit Comfortpads ausgestattet waren. Daraus ergab sich die Schlussfolgerung, dass die Pads im Schuh das Gewicht der Stuten „abfedern“ bzw. verteilen und die Stollenauflage nicht brechen kann. Jürgen Schlenger schickte uns nach einem Telefonat sofort Pads für alle Hufschuhe zu und wir haben seither keinen Stollen mehr verloren. Dann ergab sich jedoch ein anderes Problem: Die Auflage der Stollen im Hufschuh brachen nicht mehr, aber durch das Gewicht der Stuten drückte sich der Stollen durch den Gummi nach innen in den Hufschuh. Wieder telefonierten wir mit Jürgen vom Hufpflegeshop. Er versprach eine Lösung. So schickten wir ihm die Schuhe und bereits drei (!) Tage später hatten wir alle Hufschuhe wieder- mit Lösung. Jürgen hat Unterlegscheiben zwischen Hufschuh und Stollen montiert. Dadurch ist die Fläche vergrößert und die Stollen drücken sich trotz Gewicht der Stuten nicht mehr durch.

 

Als Zwischenfazit können wir eine durchweg positive Bilanz ziehen: Die Schuhe lassen sich leicht an- und ausziehen, die Stuten laufen super damit, die Haltbarkeit liegt dank der Stollen (mit Unterlegscheiben und Comfortpads) im langfristigen Bereich. Gut ist auch, dass die Stollen leicht selbst ausgetauscht werden können und genau so lange halten, wie Videastifte im Eisen. Durch die Haltbarkeit werden wir Geld sparen und das nicht auf Kosten der Hufqualität oder dem Laufcomfort unserer Stuten. Bisher haben wir noch nie einen Hufschuh verloren- weder auf schlammigen oder sumpfigen Wegen, noch im „Normalbetrieb“. Selbst als sich einmal eine Schnalle während des Fahrens geöffnet hatte (wir hatten sie nicht fest genug gespannt) haben wir den Hufschuh dank optimaler Passform und Gamasche nicht verloren. Gleich der Wegbeschaffenheit ist noch nie Dreck in den Hufschuh eingedrungen und keine der Stuten hat sich wund gelaufen oder gescheuert.

 

Die Untersuchung bzw. das Vorführen seitens bzw. für den Tierarzt hat noch nicht stattgefunden, aber wir werden davon berichten.

 

Bisher können wir jedem Hufschuhe als sehr gute Alternative zum Beschlag empfehlen- unter Berücksichtigung einer qualitativen Beratung und Anpassung vor Ort!

 

 

 

Test Hufschuhe für Fahrpferde

 

Teil III- letzter Teil

 

Nach nunmehr mehr als einem Jahr möchten wir mit diesem letzten Teil unseres Berichtes ein Fazit ziehen:

 

Im April 2010 erhielten wir die Hufschuhe der Firma Easy Boots, Epic mit Gaiter und Stollen für unsere Comtois Stuten. Wie bereits in den zwei Berichten im letzten Jahr aufgeführt, ist sowohl das Anziehen als auch das Ausziehen nach zwei-, drei Mal üben kein Problem. Was aber als Problem bestehen blieb, war die Sache mit Stollen- wir probierten die Unterlagscheiben aus. Dies hielt für mehrere Wochen wunderbar, doch nach diesen Wochen drückten auch diese sich in die Hufschuhe hinein und einmal sogar in den Huf. Nach Rücksprache mit Jürgen probierten wir andere Stollen aus, leider mit dem gleichen Ergebnis. Somit müssen wir in Bezug auf Stollen sagen, dass diese für unsere Pferde absolut ungeeignet sind, da unsere Pferde mit 900 und fast 1.000 Kg zu schwer sind.

 

Also probierten wir die Hufschuhe ohne Stollen aus. Dies funktioniert bedingt einwandfrei- solange es trocken ist, hat man in jedem Gelände und auf jedem Belag sehr guten Grip. Sobald die Straße aber feucht ist oder man von feuchtem Gras auf Asphalt kommt, ist der Grip nicht ausreichend und unter Belastung rutschen die Pferde auf Asphalt sehr- eine unserer Stuten rutschte so aus, dass sie fast auf die Straße gefallen wäre. Laut Jürgen soll in diesem Jahr der Easyboot mit anderer Sohle auf den Markt kommen, die dann definitiv mehr Grip haben soll- das wäre eine echte Alternative.

 

Nach nunmehr gut 1.000 Km zeigen die Hufschuhe echte Verschleißerscheinungen- die Seile der Verschlüsse sind fast alle gerissen oder aber die seitlichen Rollen, über die die Seile laufen, sind aus dem Gummi gerissen. Die Sohle als solche ist noch topp und würde mit Sicherheit noch weitere 1.000 Km halten- auch ohne Stollen.

 

Was ist also unser Fazit: Die Hufschuhe haben uns absolut überzeugt! Ja, auch trotz der Problematik mit den Stollen! Hier genau liegt der Hase im Pfeffer: Wir raten jedem zu den Hufschuhen, wenn sein Pferd nicht mehr als 600 Kg wiegt (dies ist ein Schätzwert von uns), denn dann liegen die Hufschuhe im Vergleich zum Beschlag unserer Meinung ganz klar vorn:

 

Der Hufmechanismus wird nicht beeinträchtigt, der Huf kann fast wie Barfuß abhufen und die seitliche Ausdehnung beim Aufhufen wird durch den Schuh überhaupt nicht eingeschränkt

Dadurch, dass der Hufschuh unten geschlossen ist, ist ein Fahrt über Schotter und/ steinige Wege überhaupt kein Problem, da die Gummisohle keinen Druck auf die Hufsohle zulässt

Das An- und Ausziehen ist nach kurzer Zeit ein Kinderspiel

Die Schuhe haben sich, auch wenn sie nach einem Jahr verschlissen sind, amortisiert!

Das lästige „Dem Pferd fehlt ein Eisen“ ist hinfällig- die Schuhe sind immer da und müssen nur angezogen werden

Die Schuhe gehen nicht verloren- wir haben in diesem einen Jahr eine Zeit gehabt, in der wir den Schuh öfters verloren haben. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Schuhe nicht passten. Dies lag nicht an den Schuhen, sondern daran, dass sich die Hufe unsere Stuten so positiv verändert hatten, dass wir eine Nummer kleiner benötigten.

 

Wie gesagt, wir können diesen Hufschuh für Fahrpferde bis 600 Kg guten Gewissens jedem empfehlen! Gerne würden wir weiterhin mit dem Schuh weiterfahren- aber vielleicht ist der neue Schuh mit besserem Grip ohne Stollen dann für uns eine Alternative! Wir haben jedenfalls immer noch vier funktionierende Schuhe in Reserve- damit wenn wir mal wieder an die Weide kommen und feststellen, dass einem Pferd ein Eisen fehlt, die gute Laune nicht vorbei ist, sondern wir trotzdem fahren können!!!

 

Noch eine schöne Fahrsaison wünscht Euch

 

Hans Michel

Beauftragter für Presse und Öffentlichkeitsarbeit

VFD Rheinland- Pfalz

 

www.vfd-rheinland-pfalz.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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01.10.2011 | 2634 Aufrufe