Kein Blut im Wettkampf: Interview mit FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach

Warendorf (fn-press). Die geplante Änderung des FEI-Dressurreglements wird in der reiterlichen Öffentlichkeit heftig diskutiert. Konkret geht es um die sogenannte „Blood Rule“. Diese besagt, dass ein Pferd mit einer blutenden Verletzung aus dem Wettkampf genommen werden muss. Lediglich bei Olympischen Spielen und anderen internationalen Championaten kann es eine Ausnahmeregelung geben. Diese sieht vor, dass ein Reiter die Prüfung zu einem späteren Zeitpunkt fortsetzen oder neu beginnen kann, wenn ein Mitglied der Veterinärkommission festgestellt hat, dass es sich nur um eine oberflächliche Wunde handelt und die Blutung von sich aus zum Stillstand gekommen ist. Im Interview nimmt FN-Generalsekretär Sönke Lauterbach Stellung.

FN-aktuell: Die Wellen schlagen hoch. In den Internet-Netzwerken und -Foren diskutieren Reiter sehr emotional über einen neuen Passus im FEI-Dressurreglement, der als Blood Rule inzwischen in aller Munde ist. Können Sie die Aufregung verstehen?

Soenke Lauterbach: Natürlich kann ich die Aufregung verstehen. Ich verstehe auch, dass das Thema sehr emotional diskutiert wird. Schließlich wurden erste Veröffentlichungen im Internet mit schockierenden Bildern von stark blutenden Pferden angereichert. Das geht aber am Thema völlig vorbei. Niemand will aus der Dressur einen „Blutsport“ machen, wir als Deutsche Reiterliche Vereinigung am allerwenigsten. Das ist auch nicht Sinn und Zweck der Regelwerksänderung. Deshalb müssen wir die Diskussion auf einer sachliche Ebene führen. Fakt ist, dass es im Dressurreglement bislang gar keine Regelung gab, wie im Falle einer blutenden Verletzung verfahren werden muss. Das neue Regelwerk enthält klare Normen. Das Pferd wird abgeläutet.

FN-aktuell: Die Kritik entzündet sich im wesentlichen an der Ausnahmeregel für Championate. Warum will die FEI diese Regelung?

Soenke Lauterbach: Wir kennen die Vorgeschichte: In Kentucky wurde ein Dressurpferd völlig zu Recht abgeläutet, weil es blutigen Schaum am Maul hatte. Wir wollen kein Blut im Wettkampf. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass sich das Pferd auf die Lippe gebissen hatte. Und genau um solche Fälle geht es. Nach der neuen Regel muss der verantwortliche Tierarzt beziehungsweise die Veterinärkommission untersuchen, ob es sich um oberflächlichen Wunden, sei es am Maul, an den Beinen oder an anderen Stellen, handelt, die keiner tierärztlichen Behandlung bedürfen. Stellt die Veterinärkommission fest, dass es sich um eine kleine Verletzung handelt, bei der eine Blutung schnell von sich aus aufgehört hat, wird dem Chefrichter mitgeteilt, dass keine Bedenken gegen die Fortsetzung der Prüfung bestehen. Der Chefrichter trifft dann die Entscheidung, ob und wann der Reiter erneut einreiten kann. Haben die Tierärzte jedoch auch nur den Hauch von Zweifeln, darf das Pferd selbstverständlich nicht in den Wettkampf zurückkehren. Zu der Frage, warum diese Regelung nur bei Championaten Anwendung finden soll, muss man klar sagen: Auf Championaten kann man garantieren, dass neben den behandelnden Tierärzten die offizielle und unabhängige Veterinärkommission am Viereck und am Vorbereitungsplatz ist. Hier ist jederzeit schnelles Reagieren möglich, das Pferd kann unverzüglich nach dem Abläuten untersucht werden.

FN-aktuell: Wie sieht es mit lahmenden Pferden aus? Ein Pferd, das in der Prüfung plötzlich zu lahmen beginnt, wird ebenfalls abgeläutet, kann aber nicht später bei Lahmfreiheit erneut starten. Soll dieser Fall auch Bestandteil des neuen Reglements werden?

Soenke Lauterbach: Nein. Kleine oberflächliche und vorübergehend blutende Wunden kann man nicht mit Lahmheiten vergleichen. Hier ist die Diagnose weitaus schwieriger und in den meisten Fällen sicherlich nicht schnell zu treffen.

FN-aktuell: Kritiker unterstellen der FN, Championatsmedaillen hätten einen höheren Stellenwert als die Gesundheit des Pferdes. Ist diese Kritik berechtigt?

Soenke Lauterbach: Ein klares Nein! Wir betreiben aktiven Tierschutz, Tag für Tag. Wir haben nicht nur die Ethischen Grundsätze, wir halten uns auch daran. Das Wohl des Pferdes steht für uns immer an erster Stelle. Doch wir wollen die Kirche im Dorf lassen. Die Reiter, die jahrelange Ausbildungsarbeit investiert haben, die sich auf den Höhepunkt ihrer reiterlichen Karriere, nämlich das Championat, vorbereitet haben, sollten in einem solchen Fall eine zweite Chance bekommen. Um es aber noch mal zu sagen: Auf keinem Championat darf mit der neuen Regelung eine Entscheidung gefällt werden, die auf Kosten der Pferdegesundheit geht.


FN , Susanne Hennig

26.10.2011 | 591 Aufrufe