Tiergestützte Heilpädagogik

 

Tiere bereichern unser Leben – doch Pferd, Katze, Hund und Co, sind viel mehr als nur gute Freunde. Oft werden sie auch zu wahren Therapeuten. Auch Pferde werden schon seit etlichen Jahren zum therapeutischen Begleiten bei diversen Beschwerden eingesetzt. Dabei geht es nicht nur um einen krankengymnastischen Effekt, sondern um das Erleben des Pferdes, die Verantwortung für das Tier und das Zusammensein mit ihm.

Doch was bedeutet „Heilpädagogisches Begleiten mir Pferd“ konkret? Für welche Patienten ist diese Art von Therapie geeignet, welche Voraussetzungen muss das Pferd mitbringen? Claudia Altmann ist Erzieherin und arbeitet seit langen Jahren in der tiergestützten Heilpädagogik mit Pferden. Im Interview mit der Hufflüsterer-Redaktion beantwortet sie Fragen zur Therapieform. Mehr Informationen gibt es auch auf ihrer Homepage unter http://www.tiergestuetzte-heilpaedagogik-hbp.de/.

Sehr geehrte Frau Altmann, Sie sind Pädagogin und arbeiten in der tiergestützten Therapie vor allem mit Pferden. Was muss sich ein Laie unter „tiergestützter Therapie“ vorstellen?

Liebe Frau Landwerth, sehen sie, es ist relativ schwierig, in wenigen Sätzen zu erklären, was bei dieser Arbeit zwischen Mensch und Tier abläuft.

Allgemein dürfte wohl die Delfintherapie die bekannteste Art des sehr großen, allgemeinen Feldes der tiergestützten Therapie sein. Alltägliche Beispiele sind zum Beispiel der Teenager, der seine Not seinem Hund erzählt, der Seniorin, die ihrer Katze ihre Kriegserfahrungen schildert und der Arbeiter, der das Wochenende damit verbringt, sein Terrarium zu säubern. Jedes Haustier hat definitiv schon ohne jegliche fachkompetente Führung therapeutische Wirkung auf seinen Besitzer. Diese natürliche Wirkung gilt es, durch fachkompetente Führung in geordnete Bahnen zu lenken und dadurch in seiner Wirkung noch zu verstärken.

Ich arbeite mit der tiergestützten Heilpädagogik. Auch hier gibt es mannigfaltige Unterschiede zwischen den verschiedensten Methoden. Bei der Brossard-Methode, nach der ich arbeite, geht es in erster Linie um den Bezug Mensch/Pferd. Frau Brossard definiert das heilpädagogische Begleiten mit Pferd, kurz HBP, als pädagogische, psychologische und sozi-integrative Einflussnahme mit Hilfe des Pferdes. Zitat: „HBP bedeutet ganzheitliches Ansprechen von Körper, Geist und Seele im Zusammensein mit dem Pferd, in der Begegnung mit ihm.“

Was macht Pferde zum idealen Partner für diese Art der Therapie?

Den Begriff „ideal“ möchte ich gerne, wenn es mir erlaubt ist, etwas dehnen. Welches Tier für welche Art von seelisch/psychischer oder geistiger Behinderung besonders geeignet ist, hängt von dem Klienten ganz individuell ab. Es ist allerdings so, dass bestimmte Tiere nun einmal bestimmte Eigenschaften haben. Welche wiederum auf die Klienten auf eine ganz bestimmte Art und Weise wirken.

Pferde sind in der Lage, feinste Schwingungen zu deuten, zu erspüren. Dies könnte seinen Ursprung wohl in der Evolution dieser Tiere haben. Eine wild lebende Pferdeherde wird immer extrem bemüht sein, möglichst unauffällig durch die Wildnis zu wandern. Lautes Wiehern würde dabei oft den sicheren Tod bedeuten, da es Raubtiere anlocken würde. Dies hat zur Folge, dass Wildpferde gelernt haben, sich ausschließlich nur durch Körpersprache zu verständigen – und nur im äußersten Notfall durch lautes Wiehern. Die feinsten, leisesten Zuckungen von Muskeln können Pferde dadurch lesen. Man bedenke nur den Wunsch, jedes ambitionierten Reiters, sein Pferd möge fast wie nur durch den Gedanken zu reiten sein – die Tiere spüren tatsächlich jedes Muskelzucken ihrer Reiter.  

Für die Art der Therapie aber bedeutet diese Tatsache, dass die Pferde auch die feinsten Schwingungen der Klienten wahrnehmen. Sie zeigen diese oft deutlich in ihrem Verhalten wieder und werden so zu einem wahren Spiegel der Menschen. Die Pferde zeigen sehr deutlich wie es in dem Mensch aussieht. Es ist also dieses extreme Feingespür, das die Pferde als „Therapeuten“ qualifiziert.

Arbeiten Sie mit bestimmten „Therapiepferden“? Welche Eigenschaften müssen diese haben?

Vorraussetzung sind auf alle Fälle eine stabile, gesunde Psyche der Tiere. Die Arbeit als Therapiepferd ist tatsächlich gleich zu setzen mit einem Beruf für das Tier. Nicht jedes Pferd kann die psychische Belastung verarbeiten. Es gibt Pferde, die werden selber körperlich krank, da sie zum Beispiel an einer Kolik leiden, oder sind dieser Arbeit anderweitig nicht gewachsen. Hinzu kommen die natürliche Gelassenheit der Pferde und ein guter Bezug zum Mensch. Sie sollten dem Mensch positiv gegenüber stehen und vor allem Kinder gewöhnt sein. Alles Weitere ist erlern- und trainierbar.   

Selbstverständlich ist die körperliche Gesundheit und ein regelmäßiges Training sowohl in Gelassenheitsübungen wie auch im für das Pferd gymnastizierenden und sportlichen Bereich. Hinzu kommt noch eine möglichst optimale Haltung der Pferde. Meine Tiere leben in Offenstallhaltung und ganz selbstverständlich im Herdenverband.

Also kann man nicht jedes Pferd zum Therapiepferd ausbilden?

Nein, leider nicht. Aus  meiner eigenen Erfahrung kann ich ihnen sagen, ich bin nun seit zwei Jahren auf der Suche nach geeigneten Therapiepferden. Eines habe ich nun seit einem Jahr, drei habe ich nacheinander während dieser Zeit leider wieder verkaufen müssen, da sie entgegen der ersten Eindrücke dieser Belastung nicht gewachsen waren. Nun habe ich mit viel Glück wieder ein zweites Pferd erworben, in das ich große Hoffnungen setze.

Wie schon erwähnt, es ist ein Beruf. Nicht nur für mich, sondern auch für die Pferde. Und nicht jedes Tier eignet sich aus seiner individuellen Persönlichkeit heraus für diese Arbeit. Es kann sogar sehr gefährlich werden, ein Tier in diese Rolle zwingen zu wollen!

Nun zurück zur Tiergestützten Heilpädagogik. Wie kann man sich den Ablauf einer solchen Therapie  mit Pferd praktisch vorstellen?

Die Einheiten sind nicht an Stunden- oder Minutenvorgaben gebunden, sondern orientieren sich nach Klient und Pferd. Das Wichtigste ist, dass der Klient Bezug zu dem Tier Pferd herstellen kann. Dazu gibt es die verschiedensten Methoden. Für mich ist es dabei wichtig zu beachten, wie das Pferd auf den Menschen reagiert, was es spiegelt. Es darf gestreichelt werden, es darf gekuschelt werden, es darf geliebt werden. Zudem sollte das Pferd in seinem natürlichen Umfeld erlebt werden. Der Patient erfährt so die ganze Faszination dieser wundervollen Tiere. Das Zusammensein mit dem Pferd hilft, sich zu spüren, sich zu wagen, in Bereiche seines Seins vorzudringen, die bisher vielleicht verschlossen waren.       

Meditative Übungen bei dem Pferd und auf dem Pferd, wie zum Beispiel Meditationsmusik bei Putzarbeiten, sich frei bewegendes Pferd in einem abgegrenzten Bereich, Füttern des Pferdes, Phantasiereisen auf dem Pferd sitzend, in Heuballen liegend und vieles mehr gehöre ebenfalls dazu. Die Pferde mit Fingerfarben bemalen, die Beschaffenheit des Felles studieren (nass, trocken, voller Schmutz, weich…) die Anatomie des Pferdes studiere;  Zeit haben, für viele Fragen und Antworten suchen…. Natürlich darf man sich auch um das Pferd kümmern, indem wir gemeinsam ausmisten und das Pferd mit Heu und Futter versorgen. Verantwortung für ein Lebewesen zu übernehmen trägt sehr zur Förderung von sozialen Kompetenzen bei.

Beim Reiten kann der Patient die Wärme des Pferdes erfahren. Darum gehören auch geführte Ritte auf dem Reitplatz oder in wunderschönem Gelände dazu.

Aber Bilder sagen bekanntlich mehr als Worte – schauen Sie sich einfach mal auf meiner Homepage um, da gibt es etliche aussagekräftige Fotos zur Therapie.

Welche Patienten mit welchen Erkrankungen und Symptomen kommen zu Ihnen, wie helfen Sie ihnen mit Ihrer Art von Therapie?

Grob und ganz oberflächlich gesagt, eignet sich HBP vom Frühchen zur emotionalen Nachnährung bis zum 99-jährigen Suchtkranken. Es eignet sich als allgemeine  Lebensberatung und zur Lösungsfindung in bestimmten Lebenssituationen ebenso wie auch bei angeborenen und erworbenen Entwicklungsstörungen, geistige und/oder seelische Behinderungen, Autismus, Wahrnehmungsstörungen, psychosomatische Störungen, ADS und ADHS, Persönlichkeitsstörungen, Selbstwertproblematiken und noch vieles mehr…

Der Bezug zum Pferd steht bei unserer Arbeit im Vordergrund. Das Pferd nimmt jeden so an, wie er oder sie ist. Das ermöglicht eine Wahrnehmung des wahren Selbst und dessen Integration. Gearbeitet wird immer symptomübergreifend und prozessorientiert, Ziel ist ein individuell ausgerichtetes Begegnen mit den eigenen, emotionalen Defiziten und ein Annehmen dieser.

Sicherlich ist die Tiergestützte Heilpädagogik ein Traumberuf für viele Tier- und Pferdefreunde. Können Sie uns kurz Ihren beruflichen Werdegang schildern?

Sehr gerne!

In den Jahren von 1990 bis 1999 war ich in heilpädagogischen Heimen beschäftigt, mit Kindern und Jugendlichen im Alter von 4 bis 21 Jahren. Während dieser Zeit fehlte mir sehr oft ein wirklich adäquates Erziehungsmittel, das mir den Zugang zu den teilweise emotional sehr beeinträchtigen Jugendlichen erleichtern hätte können.

Während meines Erziehungsurlaubes nutzte ich die Gelegenheit und begann zu Reiten. So nahm ich drei Jahre lang Unterricht in Reiten, Erziehung und Umgang mit Pferden bei einem Profitrainer (Blecker Michael). Während dieser Zeit lernte ich durch Zufall im Flüsti-Forum eine Userin kennen, welche bereits nach der Brossard-Methode arbeitete. Sie half mir den Kontakt zu knüpfen und so kam ich zu der berufsbezogenen Weiterbildung über die Lebenshilfe Bayern e.V. zum Heilpädagogischen Begleiten mit dem Pferd.

Die Weiterbildung umfasst fünf Blockseminare von jeweils vier bis fünf Tagen Länge. Im ersten Jahr waren es drei Blöcke, im zweiten Jahr zwei. Voraussetzung ist unter anderem ein pädagogischer Grundberuf.

Zuletzt noch eine Frage: Was macht für Sie den besonderen Reiz dieses Berufsfeldes aus?

Es ist sehr schwer in Worte zu fassen. Wahrscheinlich ist es dieses leicht geheimnisvolle, dieses nichtgreifbare Wissen und Verstehen der Pferde. Sie reagieren und agieren auf ganz wundervolle Weise auf die Menschen. Nach meinem Empfinden nach wissen diese Tiere ganz genau um ihre Arbeit und ihr Tun. Diese sanften Riesen bewirken unvorstellbares und die Arbeit mit ihnen ist mehr als faszinierend – ja manchmal schier unglaublich.

Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen!

Bitte schön! Sehr gerne! Es war mir eine Freude. 

 

 

Zur Person: Lena Landwerth (geb. Hüsemann) ist Journalistin mit Schwerpunkt „Tier“ und „Beruf“ und Chefredakteurin des unabhängigen Katzenmagazins Pfotenhieb. Weitere Infos: www.pfotenhieb.de.

 

 

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