Tirols Almen – ein Stück Kulturgut im 21. Jahrhundert

Während des Sommers wird in Tirol das Vieh auf die Almen getrieben. Ob Vorratshaltung für den Winter, Schutz vor Muren oder Erholung für Einheimische und Gäste – das System der Almen hat viele geschichtliche Gründe und ist bis heute ein wichtiger Teil der Kultur im Herz der Alpen. Mit „Milch-Pipelines“ und Freiwilligen-Projekten für ökologisch interessierte Gäste sind Tirols Almen längst im 21. Jahrhundert angekommen.

 


Nicht nur Kühe und Schafe dürfen die Sommermonate auf der Alm verbringen. Auch manche Tiroler Pferde genießen den „Sommerurlaub“. Foto: TVB Pitztal

 

Besucher entdecken auf der Schönangeralm in der Wildschönau eines der besten Beispiele, wie auf einer Alm Traditionen gelebt werden und trotzdem die Moderne Einzug gehalten hat. Das Geheimnis des Erfolges der Schönangeralm ist, dass hier der Käse so entsteht, wie er auf den Almen schon immer gemacht wurde: Mit viel Liebe und jeder Menge Handarbeit. Und mit genügend Zeit, denn die Monate auf der Alm können lang sein. „Ich liebe den Käse und der Käse liebt mich“, erklärt der Käser Johann Schönauer das Geheimnis seines Erfolges. Er bekam für seine Kreationen bereits mehrfach Goldmedaillen und ist eines von zahlreichen Beispielen dafür, dass natürliche kulinarische Erlebnisse in Tirol Erfolg haben.

Wichtige Funktionen von Almen

Geschichtlich betrachtet haben Almen viele wichtige Funktionen. Eine davon ist die Vorratshaltung für den Winter. Denn noch im 19. Jahrhundert wurde das Vieh auf die Bergweiden getrieben, um die kostbaren Flächen im Tal dafür zu nutzen, Heu, Getreide und Gemüse für den Winter anzubauen. „Früher war die Arbeit auf den Almen hart und entbehrungsreich“, erzählt Johann Schönauer. „Aber auch heute noch muss man aus einem besonderen Holz geschnitzt sein, wenn man einen Sommer auf der Alm verbringt.“

Noch heute haben die Almen in Tirol eine wertvolle Schutzfunktion. Die gut gepflegten Wiesenlandschaften schützen vor Muren und Lawinen, weil sie sehr viel Wasser speichern können. Was heute immer mehr in den Vordergrund tritt, ist die ökologische Bedeutung der Almen. Gesundes Futter für das Vieh, Erholung für Einheimische und Gäste, gesunde Luft – all das macht die rund 2.100 Almen in Tirol unentbehrlich.  Almen sind von Menschen geschaffene Kulturlandschaften und dennoch ein Beispiel dafür, wie harmonisch und positiv es sein kann, wenn der Mensch in den alpinen Raum eingreift.

Manche Almtraditionen sind allerdings in den Hintergrund getreten. So zum Beispiel der Beruf des Almputzers. „Die Almputzer waren Menschen, die sich um den Erhalt der Weideflächen gekümmert haben, Büsche und Sträucher gestutzt haben“, erklärt Hermann Sonntag vom Alpenpark Karwendel und meint: „Wenn Urlauber heute eine Alm besuchen, um sich in den Bergen zu erholen, kennen sie meist die Funktionen dieses Ökosystems gar nicht.“ Darum versucht der Alpenpark Karwendel die Bedeutung der Almen immer wieder hervorzuheben.

 

Jedes Jahr im Juni werden Tausende Schafe von Südtirol über den Alpenhauptkamm ins Ötztal auf die Sommerweiden getrieben. Foto: Ötztal Tourismus

 

Schaftrieb über hochalpine Jöcher

Bestes Beispiel dafür, wie sich die Tradition der Almwirtschaft bis heute erhalten hat, ist der Schaftrieb von Südtirol über den Hauptalpenkamm ins Tiroler Ötztal. „Jedes Jahr werden Tausende Schafe von Südtirol auf die Ötztaler Almen getrieben“, erzählt Thomas Schmarda vom Naturpark Ötztaler Alpen. „Schon seit jeher gaben die trockenen Vinschger Weiden zu wenig Futter ab, sodass der beschwerlicheWeg über die hochalpinen Jöcher zu den Weiden im Innerötztal gewagt wurde.“ Früher wurden Schafe hauptsächlich wegen der begehrten Wolle gezüchtet. Heute züchten Schafbauern die Tiere hauptsächlich zur Fleischgewinnung.

Denkmalgeschütztes Almdorf

Ein weiteres beeindruckendes Beispiel für die Almwirtschaft in Tirol ist die Oberstalleralm in der Osttiroler Gemeine Innervillgraten. Hier entstand über die Jahrhunderte praktisch ein kleines Dorf mitten in der Berglandschaft. Noch heute sich hier 16 Hütten samt Kapelle erhalten und bewirtschaftet. 1675 erstmals erwähnt, sind die denkmalgeschützten Hütten heute ein beliebtes und leicht zu erreichendes Ziel. Manche der Hütten können als Ferienwohnungen gemietet werden. Wer Almlandschaften liebt, ist im Villgratental besonders gut aufgehoben. Weitere lohnende Ausflugsziele sind dort der beliebte Wallfahrtsort Kalkstein, das bäuerliche Gerätemuseum „Zacheler Stadl“ und eine Wanderung vorbei an Bergbauernhöfen zur Kamelisenalm.

Milch-Pipeline ins Tal

Almwirtschaft heute bedient sich natürlich aber auch moderner Mittel, schließlich ist gerade die Bio-Milch von den Almen ein gefragtes Produkt. Um sich die Arbeit zu erleichtern, haben Almer zum Beispiel im Pitztaler Ort Jerzens eine Milch-Pipeline gelegt, welche die Milch von der Alm ins Tal liefert. Von der Tanzalm auf rund 2.000 Metern Meereshöhe wird die Milch täglich ins Tal gepumpt, und das schon seit den 1960er-Jahren. Denn die Milch, die hoch über Jerzens produziert wird, könnte gar nicht direkt auf der Alm verarbeitet werden.

 


Johann Schönauer von der Schönangeralm in der Wildschönau lädt seine Gäste gerne ein, bei der Käseproduktion zuzuschauen. Foto: www.wildschoenau.com

 

Selbst mithelfen auf der Alm

Wer Lust hat, das Almleben einmal authentisch zu erleben und selbst auf einer Alm mitzuhelfen, dem bieten die Tiroler Naturparks heuer erstmals Gelegenheit dazu. Angeboten werden in einigen der Naturparks Workshops, bei denen Gäste selbst bei der Heuernte mithelfen oder auch die Almwiesen pflegen können. Diese Freiwilligen-Projekte im Alpenpark Karwendel, im Naturpark Kaunertal und im Hochgebirgs-Naturpark Zillertaler Alpen haben den Sinn, Urlaubsgästen die Arbeit und Funktion des Lebens in den Bergen näher zu bringen.

Links:
http://www.tirol.at/almen
http://www.tirol.at/volunteering

 

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