Fortsetzung :

Brady wurde wütend. Er hatte noch nie geduld gehabt. Mit einem Satz war er um den Schreibtisch herum und packte Jett am Kragen. Dies geschah so schnell das Jett gar nicht mehr reagieren konnte. Brady stieß Armstrong mit einem Ruck zur Wand. Er krallte seine Finger so feste in den Kragen, das Jett spürte wie sich die Fingernägel in die Haut am Hals bohrten. Ted blieb neben dem Fenster stehen. Immer wieder schaute er hinaus ob niemand sich dem Office näherte. Sein Zwillingsbruder Barko kam in diesem Moment durch die hintere Tür rein. „ Verdammt was macht ihr so lange hier? Der Marshall kann jeden Moment zurückkommen.“ „Ich weiß:“ Schrie Brady ihn an. „ Aber der Kerl sagt uns nicht wo die Gewehre sind.“ Barko ging zur Holztüre die zu den Zellen führte und trat sie auf. Mit einem lauten Knall flog diese gegen die Gitterstäbe der ersten Zelle. „Da habt ihr sie, ihr Idioten. Drei so riesige Kisten kann man doch nicht so einfach verstecken.“ Jetzt sprang Ted nach vorne und riss seinem Bruder die Säcke aus der Hand. „ Gib schon her. Beeilen wir uns.“ Jett konnte nichts dagegen tun. Brady hielt ihm den Revolver an die Schläfe. Fieberhaft überlegte Armstrong wie er gegen die Drei vorzugehen plante. Aber noch bevor er seine Gedanken beenden konnte spürte er einen dumpfen Schlag im Nacken. Brady schlug ihn mit dem Revolvergriff nieder. Wie eine fadenlose Marionette sank Jett zu Boden. Erst verschleierte sich sein Blick, dann umgab ihn tiefe Dunkelheit. Die drei Banditen hebelten die Kisten nach einander auf. In Windeseile wurden die Gewehre in die Säcke gesteckt. Beim verlassen des Büros schaute Ted noch einmal zum Fenster raus. „ Alles still da draußen. Lasst uns abhauen!“ Sie verschwanden durch die Hintertür. Niemand hatte etwas gehört oder gesehen.

Etwa zehn Minuten später verabschiedete sich Marshall Ryder von Mister Thomson. Er verließ den Store und ging zurück zum Office. Als Nick die Tür zu seinem Büro öffnete sah er Jett am Boden liegen. Für einen Moment blieb er wie angewurzelt stehen, dann kniete er sich langsam neben seinen Freund. Er drehte ihn auf den Rücken und legte eine Hand auf Jetts Bauch. Nick atmete erleichtert auf  als er spürte das Jett noch Atmete. „ Jett! Hey Junge. Komm zu dir.“ Marshall Ryder hob den schweren Oberkörper seines Freundes an und brachte ihn in sitzende Stellung. Da schlug Jett die Augen auf. Er erkannte sofort die Konturen des Marshalls. Als Jett sich erheben wollte zuckte ein stechender Schmerz durch seinen Nacken. Er rieb sich mit der rechten Hand die schmerzende Stelle und Fragte.“ Was ist passiert?“ Nick half ihm beim Aufstehen. Mit seinem Fuß zog er den Stuhl heran um Armstrong darauf zu setzen. „ Das wollte ich dich gerade fragen.“ „Die Gewehre“,  sagte Jett und rieb sich mit beiden Händen durchs Gesicht. „ Sie haben die Gewehre geklaut und mich niedergeschlagen.“ „ Wer?“ „Ich kannte sie nicht. Es waren drei Männer. Sie hatten zwar ihre Tücher vorm Gesicht, aber trotzdem konnte ich erkennen, dass zwei von ihnen sich sehr ähnlich waren. Bestimmt waren sie Brüder.“ Nick sah sich im Jail um. Tatsächlich waren alle drei Kisten aufgebrochen und die Gewehre entwendet worden. Schwankend ging Armstrong zur Zellentür. Gebannt schaute er auf die leeren Kisten. Sein Kopf schmerzte fürchterlich. Er ließ sich matt auf eine der Pritschen sinken. „ So ein Mist. Ich hätte sie aufhalten sollen.“ Seufzte er. Nick blieb bei der Zellentür stehen. Er lehnte sich gegen die Gitterstäbe. Besorgt sah er seinen Freund an.“ Dich trifft keine Schuld. Die waren zu dritt. Ich bin froh das dir nichts weiter passiert ist. Komm, wir trinken erst mal einen Kaffee, und danach nimmst du einen guten schluck Whiskey und legst dich ein paar Stunden aufs Ohr.“

Nach dem Kaffee und dem versprochenem Whiskey ging es Jett schon bedeutend besser. Er erzählte in aller Genauigkeit wie sich der Überfall abspielte. Nick saß auf der Schreibtischkante. Er rieb sich gedankenvoll das Kinn. „Na gut Jett. Ich werde mich mal weiter umhören. Bis gleich.“ Er stand auf und wollte gerade zur Tür hinaus als er mit Miss Smith zusammen stieß. Erschrocken blickte die junge Dame den Marshall an, der sich in höflicher Form entschuldigte und ihr den Vortritt ließ. „ Guten Tag Marshall. Ist Mister Armstrong bei ihnen im Office?“ Nick nahm seinen Hut vom Kopf. Er sah sie lächelnd an und antwortete. „ Ja. Er ist da.“  Dabei fiel sein Blick auf den Korb den Miss Smith in ihrer Armbeuge trug. Er war mit einem rot-weißem Tuch abgedeckt, und es roch nach gebratenem Huhn. Mary Smith bedankte sich und schob sich an dem Marshall vorbei ins Office. „ Ein gebratenes Hühnchen von Mary Smith. Das wird Jett wieder auf die Beine bringen.“ Dachte Nick. Nach endlosen Stunden erfolgloser Fragerei, ob jemand etwas gesehen habe, ging Ryder zum Grundbuchbüro von Mister Forrest. Hier arbeitete Carol-Ann. Die erste Frau, die Nick nach Jahren der Ermordung seiner Familie, wieder Zuneigung schenkte. Durch ihren sanften Scharm und dem unbeschwerten Lächeln half sie Nick, das die Wunden der grausamen Erinnerung langsam heilten.

Als Ryder eintrat stand Mary  vor dem Aktenschrank und sortierte Blätter ein. Freudig überrascht strahlte sie ihn an. „Hallo Nick. Du siehst abgespannt aus. Gab es viel zu tun?“ Ryder setzte sich wortlos auf eine kleine Bank am Fenster dann erst antwortete er. „ Nein es gab nicht viel zu tun, es wird noch viel zu tun geben.“ „ Probleme?“ „Ja. Drei Männer haben heute Vormittag eine Lieferung Gewehre aus meinem Office gestohlen. Es waren drei Kisten mit jeweils sechs Winchester Gewehre. Wenn die in falsche Hände gelangen ist der Teufel los.“ Mary sah besorgt zu ihm rüber. „ Aber drei Kisten sind doch sehr schwer. Irgendjemand muss doch einen Wagen gesehen haben der beladen wurde. Es war doch am helllichten Tag.“ „ Jett sagte mir das sie die Gewehre in Säcken verteilten. Einen Sack kann man locker mit einem Pferd transportieren.“ Plötzlich sprang Nick von der Bank. Er gab Mary einen schnellen Kuss auf die Wange und Riss die Tür auf. Noch im hinausstürmen rief er. „ Mary du bist ein Goldstück. Wie konnte ich das nur vergessen?“ Fragend sah sie ihm nach, bekam aber keine Antwort mehr. Nick war schon aus ihrem Blickwinkel verschwunden. Er rannte zurück ins Office. Niemand war da. Nur der Geruch vom gebratenen Huhn lag noch in der Luft. Durch diesen Duft fing sein Magen an zu knurren. Nick sah auf die Wanduhr. Schon vierzehn Uhr. Wie so oft hatte er auch diesmal keine Zeit gefunden sein Mittagessen zu sich zu nehmen. Er hielt die Hand auf seinen Bauch und murmelte.„ Jetzt nicht. Hör auf zu knurren du musst noch was warten. Erst muss ich Lex finden.“

Die Sonne strahlte erbarmungslos heiß vom Himmel. Im Saloon war zu dieser frühen Nachmittagsstunde wie immer wenig los. Nick öffnete die Flügel der Schwingarmtür. Mit einem Blick hatte er gesehen dass sein Deputy sich nicht im Saloon befindet. Er wollte sich gerade umdrehen als George der Keeper ihm zurief. „ Guten Tag Marshall. Suchen sie jemanden?“ „ Ja. Haben sie Deputy Cooper gesehen?“ George wischte über das Thekenblech. Ohne auf zu schauen sagte er. „ Ja. Er hat sie auch schon hier gesucht. Habe aber keine Ahnung wo er jetzt steckt.“ Dankend tippte Nick an seinem Hutrand. Beim hinausgehen sah er Lex Cooper gerade im Office verschwinden. Schnell rannte Ryder über die breite Mainstreet bis zum Büro. Die Tür stand offen und Lex saß schon hinterm Schreibtisch um seinen Bericht zu verfassen. Als sich ein Schatten über seinem Blatt Papier legte, schaute er auf und sah Nick in der Tür stehen. „ Marshall! Ich hab dich gesucht. Also ich war bei der Mühle. Es wurden drei Säcke voll Mehl entwendet. Das Beste kommt jetzt: Das Mehl wurde nicht weit von der Mühle entfernt einfach ausgeschüttet. Verstehst du das? Da klaut jemand gutes Mehl um es dann wegzuschütten.“ „ Sonst hast du keinerlei Spuren entdeckt?“ „ Nein. Aber du weißt ja das ich kein guter Fährtensucher bin.“ „ Ja. Danke Lex. Schreibe dein Bericht fertig dann kannst du dir für den Rest des Tages Freinehmen. Ich werde erst mal was essen gehen in Sue`s Restaurant.“  Freudestrahlend machte sich Cooper an die Arbeit. Auf dem Weg zum verspäteten Mittagessen hörte Nick hinter sich die Postkutsche anrumpeln. Vier verschwitzte Pferde stemmten ihre Hufe in den Staub um die Kutsche zum stehen zu bringen. Der Kutscher hielt den Zügel fest in den Händen bis das Gefährt still stand. Er zog die Bremse an, stieg vom Bock herunter und öffnete die Tür des Wagens. Laut rief er, „ Cutter. Meine Damen und Herren. Eine Stunde Aufenthalt.!“  Eine ältere Dame in einem hoch geknöpften schwarzen Kleid und zwei Männer stiegen aus. Einer der Männer war Mister Benton. Er schlug sich den Staub aus seiner grauen Hose und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Seine dunkelblonden Locken waren unter seinem Hut platt gedrückt. Nick ging auf ihm zu. Er reichte dem Reisenden die Hand, und sagte. „ Ich hoffe sie hatten eine angenehme Fahrt.“ „ Was soll an einer Kutschfahrt durch die Hitze der Prärie angenehm sein! Ich kann die Menschen einfach nicht verstehen die freiwillig hier in dieser Gegend leben.“ Erst jetzt löste er den Händedruck. Sofort holte Benton ein Taschentuch hervor und säuberte damit seine Hand. Nick sah ihm tief in die Augen. Dieser Mann war ihm schon unsympathisch. Er hatte tiefe Falten im Gesicht und sah aus als wäre er weit über sechzig Jahre. Doch die straffere Haut seiner Hände deutete auf einen jüngeren Mann hin. Benton hielt eine Aktentasche unter dem linken Arm geklemmt. Er schaute sich nach allen Richtungen um und sagte schließlich. „ Kommen wir gleich zur Sache. Ich möchte die drei Kisten sehen.“

Erstaunt fragte Nick. „ Möchten sie sich nicht erst einmal frisch machen? Wir haben ein gutes Hotel hier in Cutter. Sie können sich dort waschen und vielleicht auch erst mal was essen.“ „ Nein, nein. Wo sind die Gewehre?“ Ryder kam das alles etwas merkwürdig vor. Erst spielt er hier den feinen Saubermann, wischt sogar seine Hand ab nach dem Gruß und jetzt will er sich nicht einmal waschen gehen. Seufzend meinte Nick. „ O.k. gehen wir in mein Office. Es gibt dort noch einiges zu klären.“ Zusammen betraten sie das Büro. Nick führte seinen Gast zu den Zellen, mit einer Handgeste wies er auf die aufgebrochenen Kisten hin. Er beobachtete dabei genau die Reaktion des Mannes der wie gebannt in die Leere starrte. Benton deutete mit dem Zeigefinger auf die Holzkisten. Stotternd fragte er. „ Was ist das? Das soll wohl ein Scherz sein. Wo sind die Gewehre?“ Nick zog die Schultern hoch und ließ sie langsam wieder sinken. „ Tut mir leid Mister Benton, aber es wurde heute Mittag in meinem Office eingebrochen. Ich werde mich selbstverständlich um alles kümmern.“ Benton zog die Augenbrauen zusammen. Eine tiefe Falte bildete sich auf seiner Stirn. Er hielt die Luft an bis sich sein Gesicht von rasa in rot verfärbte. Dann platzte er heraus. „ Marshall Ryder. Ich habe die Gewehre nach Cutter gesendet weil man mir gesagt hatte, dass hier der beste Sternträger des weiten Westens wäre. Man hat sie mir Empfohlen. Was soll ich denn nun dem General erklären wo seine Gewehre sind? Sie haben noch Zeit bis Heute Abend acht Uhr, wenn bis dahin die Wertvolle Fracht nicht wieder hier ist, mache ich sie fertig. Sie können ihren Stern ablegen. Sie werden nie wieder einen Job finden. Haben sie das verstanden?“ Nick stand ruhig und gelassen an der Zellenwand gelehnt. Sein Gesicht war nun wie aus Stein gehauen als er langsam auf Benton zuging. Er sah ihm direkt in die Augen und beobachtete jeden Gesichtszug an dem Mann. Ihm entging nicht das nervöse zucken im Kiefermuskel. Benton konnte diesem Blick nicht standhalten. Er senkte den Kopf  und sah auf seine, von Staub bedeckte Stiefelspitzen.

Jetzt erst redete Nick in einem tiefen ernsten Tonfall. „ Hören sie Mister. Ich lass mich nicht gerne bedrohen. Wenn sie hier den großen Mann spielen wollen, dann steigen sie lieber gleich wieder in die Overland Kutsche und verschwinden aus der Stadt. Ich sagte ihnen schon dass ich mich darum kümmern werde. Und jetzt sollten sie besser mein Office verlassen. Wenn es etwas Neues gibt lasse ich es sie wissen. Guten Tag!“ Ryder ging zum Schreibtisch um sich dort auf seinen Stuhl zu setzen und den Bericht über den Diebstahl zu verfassen. Wütend kam Mister Benton auf den Marshall zu. Als er ihn ansah, traute er sich aber nicht noch etwas zu sagen. Er starrte nur auf den in schwarz gekleideten Mann, der ihn sehr selbstbewusst in die Augen sah. Ohne ein Wort verließ Benton das Büro. Er schlug die Tür aber so heftig zu, dass die Fensterscheibe vibrierte. An diesem Tag waren noch einige Fälle zu klären. Eine eingeworfene Fensterscheibe bei John Hiller, geklaute Äpfel aus dem Generalstore, betrunkene Randalierer im Saloon und eine gestohlene Brieftasche eines Hotelgastes. Es war zwei Uhr Morgens.

Fortsetzung folgt...