#1

weltreiter

Deutschland

Die Wahl der Pferderasse

Die Erkenntnisse des Weltumreiters aus seinem großen Abenteuer: Teil 1

Die Wahl der Pferderasse

Geübte Wanderreiter mögen mir verzeihen: als die Idee zur Umrundung des Erdballs mithilfe von Pferden entstand, lag meine geringe Pferdeerfahrung Jahrzehnte zurück.

 

Ratschläge einzuholen, hatte ich kaum Gelegenheit. Immerhin wusste ich nichts von einer Organisation, deren Erfahrung ich mir zunutze machen könnte. Vom VFD hatte ich nie gehört und er stak, wie die Wanderreiterei überhaupt, 1996 noch in den Kinderschuhen. Aber ich glaubte sowieso, genug Pferdeerfahrung zu haben. Zum Beispiel meinte ich, dass es besser sei, nicht mit einem Pferd loszuziehen, weil dieses Fluchttier ohne Artgenossen unglücklich sein müsse. (Sehr viel später erst wurde mir bewusst, dass der Mensch durchaus als Ersatz dienen kann, wenn er sein Pferd die uneingeschränkte Zuneigung spüren lässt. Trotzdem halte ich es im Nachhinein für eine gute und wichtige Entscheidung, es mit Zweien getan zu haben: wir wurden zu einer Familie!)

 

Doch welche Rasse sollte es sein? Meine Idee war zwar, die nördliche Halbkugel zu wählen, auf der die Landmassen gegenüber den zu überquerenden Wasserstrecken überwogen, und wo es wahrscheinlich überall ausreichend Futter für die Tiere geben würde: Gras und Süßwasser. Doch welche Rasse kommt am besten über lange Strecken ohne Kraftfutter aus? Und welche Rasse hat eine ausreichende Grundkonstitution, um ohne medizinische Versorgung auszukommen? In Gebieten dieser Erde, die weitgehend unzivilisiert ist, würde ich kaum einen Veterinär finden können. Und auch keinen Hufschmied, wie ich sehr bald erfahren musste. Geeignete Hufschuhe für Langstrecken gab es nicht, und riesige Strecken ohne Hufbeschlag auf oftmals hufhornfressenden Geläufen würden mindestens lange Pausen erfordern. Drei Jahre, wie ich plante, würden so jedenfalls viel zu wenig sein.

 

Kurz und gut, ich glaubte Pferde einer Rasse wählen zu müssen, die noch weitgehend vom züchterischen Ehrgeiz des Menschen verschont war, also viel Wildpferdblut in den Adern trägt. Nach dem wälzen von Büchern stieß ich auf "Huzulen". 'Bergtarpan der Waldkarpaten' wurden diese unglaublich starken Ponys von begeisterten Kennern genannt. Als wollte mich mein Schicksal für diese Entscheidung belohnen, führte es mich zu einem Geschwisterpaar, das ich sogar in Deutschland kaufen konnte, obwohl diese Rasse hier noch kaum bekannt war.

 

So kaufte ich also im Januar 1996 'Panca' und 'Puschkin', trainierte mit ihnen zweieinhalb Monate und startete zu einem Abenteuer, dass mich oft an den Rand der Verzweiflung trieb, mich aber dank dieser zwei Pferde überleben und das Abenteuer gegen alle Vorhersagen glücklich überstehen ließ: und zwar mit zwei kerngesunden, glücklichen, gereiften und auch nach viereinhalb Jahren noch wohlgenährten Pferden. Sogar mit Dreien kam ich zurück, denn Panca konnte in der Mongolei irgendwann einem freilaufenden Hengst nicht widerstehen und gebar schließlich in Kalifornien eine Sohn: 'Temujin'.

 

Ich weiß, dass jede Pferdebesitzerin und jeder Pferdebesitzer nach einiger Zeit sein Herz an 'seinen' Vierbeiner verloren hat und ihn also oft für mindestens genauso gut geeignet hält. Und ich weiß auch, dass nicht 'Huzulen' allein für solche Langstreckenritte geeignet sind. Es gibt viele, die es viel schneller bewältigen könnten - aber darauf kam es mir nicht an: ich wollte durch die Natur wandern, unbekannte Gebiete und ihre Menschen kennenlernen, ein wirkliches Abenteuer genießen - ohne Hast und Hetze.

 

Viele Wanderreiter träumen von einem ausgiebigen Wanderritt über Ländergrenzen hinweg. Ich kann nur Jeder oder Jedem raten, es irgendwann zu tun. Wenn es innerhalb der EU ist, gibt es ja kaum Beschränkungen und hier, wo es überall Hufschmiede und Veterinäre gibt, sind sogar Pferde geeignet, die keine halben Wildpferde sind. Doch tut es bitte nicht, ohne ausreichend trainiert zu haben: auf Kondition und Verkehrssicherheit. Und benutzt bitte keine Pferde, die sich aufgrund ihres Gesundheitszustandes quälen müssten.

51 Aufrufe | 1 Beiträge