1. Anekdote vom Ritt um die Welt

Die letzten hundert Kilometer bis zur mongolischen Grenze muss ich doch noch in der oft erschreckenden Enge gewaltiger Felsen auf der Asphaltstraße reiten. Ausweichmöglichkeiten sind selten. Nur gut, dass der Schwerlastverkehr gering ist. 50 Kilometer vor dem Grenzort Tashanta ist die Kreisstadt Kosh Agac. Hier beginnt militärisches Sperrgebiet. Weiter dürfen wir nur mit einer Sondergenehmigung von der Polizei. Der Polizeipräsident ist korrupt und beschlagnahmt meinen Reisepass. Erst, wenn ich 500.000 Rubel (100 $) zahle, bekomme ich ihn wieder. Seine Sekretärin erklärt heimlich, dass jeder Ausländer eine 'Strafe' zahlen müsse. Alle Proteste bei verschiedenen Würdenträgern der Stadt helfen nicht. Uniformträger haben die größere Macht. Nach mehreren Tagen zahle ich und darf zur Grenze reiten. Doch der General der Grenztruppen im fernen Tschita verweigert hier die Ausreise: kein internationaler Grenzübergang. Ich erfahre, dass er aber schon mehrmals Ausnahmen zuließ. Also knüpfe ich wieder Verbindungen mit wichtigen Persönlichkeiten der Region.

Wenn die Verzweiflung am größten ist, hilft nur stures Weitersuchen nach einer Lösung. Und das Schicksal bereitet mir tatsächlich eine Lösung, als ich mich bereits am Ende sehe: weitab in den Bergen, an einem spirituellen Platz, wollen die heimischen Kasachen den russischen Generälen ein Picknick bereiten. Der widerspenstige General ist auch eingeladen. Ich fahre dorthin und werde von den Kasachen freundlich aufgenommen. Sie kennen mein Problem und hoffen mir helfen zu können.

Eine Nomadenjurte wird aufgebaut und zwei Schafe nach muslimischem Ritual geschlachtet. Ein fröhliches Lagerleben beginnt, mit gekochtem Hammelfleisch, Kumis und Wodka, traditionellen Gesängen in der Jurte, wobei ich gefordert bin, deutsche Lieder zu singen. Ohje, ohje. Aber verweigern wäre äußerst schädlich.

Am nächsten Tag kommt der Bus mit vielen Offizieren und Generälen unterschiedlicher Waffengattungen. Enttäuschung: der ersehnte General ist nicht dabei. In der Jurte stehen jetzt viele Tischchen mit Speisen und Getränken, rundherum kleine Hocker. Die russischen Militärs werden willkommen geheißen und erhalten eine schicke Kasachenkappe. Ich auch. Dann beginnt das Ritual der Trinksprüche.

 

Das ist russische Tradition: minutenlange Reden der wichtigsten Persönlichkeiten mit anschließendem Leeren eines randvollen Wodkaglases. Viele Trinksprüche - viele Wodkagläser. Verweigern gilt nicht. Wer verweigert oder vom Hocker fällt, ist ein Schwächling und ist es nicht wert, Hilfe zu erhalten.

Kasachische Trachten und Gesänge stimmen die Russen milde.

Ein pensionierter General ist dabei, der Deutsch spricht und jenen General persönlich kennt. Er verspricht mir, ihn anzurufen: drei Tage später gibt der General in Tschita nach: Wodka sei Dank!

 

Diese Kurzberichte von der ersten und immer noch einzigen Erdumrundung mit denselben Pferden sind nur Winzigkeiten vom gesamten Abenteuer. Jeder Tag der viereinhalbjährigen Reise war angefüllt von kleineren oder größeren Erlebnissen, von schönen Begegnungen und Gefahren.

Damit keine Erinnerungen verloren gehen, hatte ich ein Tagebuch geführt. Aus diesen Aufzeichnungen entstand ein umfangreiches Buch: "Mit zwei Pferden um die Welt".

Siehe dazu "www.weltumreiter.de", "Bücher-DVD".

 

Wer die bisherigen Anekdoten nicht verfolgen konnte oder nachlesen möchte,

findet sie unter "www.weltumreiter.de", "News".

 

08.12.2018 | 370 Aufrufe