Für alle, die weder meine Lichtbildershow sehen konnten, noch das Buch "Mit zwei Pferden um die Welt" gelesen haben, werden hier in unregelmäßigen Abständen besondere Erlebnisse von meinem Ritt um die Welt veröffentlicht:

 2.Bericht: 

Mittagsrast neben der Straße, die sich in Polen nahe der weißrussischen Grenze nach Süden zieht. Ein Ortspolizist kontrolliert unsere Pässe. Das erschreckt meinen Begleiter Pawel, einen alkoholsüchtigen Ukrainer. Er muss wohl auf irgendwelchen Fahndungslisten stehen. Der Polizist fragt nach Waffen. Ich verneine und deute auf mein Seitenmesser am Gürtel. Er verlangt die Aushändigung und fragt erneut nach Schusswaffen. Pawels Nerven sind dünn, er gibt zu, dass ich im Gepäck eine Schreckschusspistole habe. Nun muss ich auch die rausrücken. Mit Waffen und Pässen fährt er davon.

 

Ich muss Pawel beruhigen, er gerät in Panik. Er will zurück in die Ukraine flüchten. Doch ohne Pass? Mit zitternden Händen steckt er sich eine Zigarette nach der anderen an.

Ein weiterer Polizist kommt auf einem Motorrad. Straßenpolizei diesmal. Auch er verlangt die Pässe.

Wir erklären, dass sein Kollege von der Ortspolizei sie in den nahen Ort mitgenommen hat. Er bleibt bei uns, bis der Ortspolizist mit einem Waffenspezialisten anrückt. Ich hoffe, dass nun alles geklärt ist und ich meine Ausrüstung zurückbekomme. Aber weit gefehlt. Ein Jeep mit vier Grenzpolizisten stoppt oben auf der Straße, einer mit einer Maschinenpistole im Anschlag.

 

Pawel zittern die Knie. Die Polizisten diskutieren miteinander, ich kann nichts verstehen. Die Grenzpolizisten schütteln grinsend ihre Köpfe und ziehen ab, genau wie der Straßenpolizist mit seinem Motorrad. Der Ortspolizist macht immer noch ein grimmiges Gesicht, ist unerbittlich. Er glaubt, einen großen Fang gemacht zu haben. Dann kommt ein Auto mit drei Zivilisten. Der Ortspolizist übergibt ihnen unsere Papiere und die Waffen und besteht auf Durchsuchung unseres Planwagens.

Das Trio ist von der Kriminalpolizei und ganz offensichtlich von dem Gehabe des Ortspolizisten genervt. Sie merken längst, dass wir harmlos sind, müssen nun aber das Spiel mitmachen. Im Wagen entdecken sie meine Reservemunition und die Signalpatronen. Alles kommt in einen Beutel und ich muss mitkommen. Ich bin verhaftet...

Sie bringen mich über 30 Kilometer entfernt auf das Kommissariat von Wlodawa. Unterwegs schimpfen sie auf den Ortspolizisten, der ihnen so viel unnütze Arbeit bescherte. Es werden Protokolle geschrieben, die Munition gezählt und die Klingenlänge des Messers festgestellt. Ich muss das Konfiszierungs-Protokoll unterschreiben und der Hauptkommissar zieht die Waffen ein. Sie wären in Polen genehmigungspflichtig und ich hätte sie an der Grenze zum Eintrag in meine Papiere vorlegen müssen.

 

Hoffentlich kann ich wenigstens bald zurück, ich mache mir Sorgen um die Tiere und die Ausrüstung. Vielleicht ist Pawel längst über alle Berge in seiner Panik und hat alles einfach stehen lassen?

Sie bringen mich ins Justizgebäude. Ein Richter, zwei Beisitzerinnen und ein Dolmetscher warten schon. Ich muss auf der Anklagebank Platz nehmen. Der Richter verliest meine Personalien und fragt mich nach Familie, Beruf und Einkünften. Ein Polizist ist Ankläger und stellt die Strafforderung: 120 Zloty und Konfiszierung der Waffen. Als man mich auffordert, Stellung zu nehmen, gestehe ich freimütig meine Schuld. Ich habe nicht gewusst, dass diese Waffen in Polen genehmigungspflichtig seien, aber ich hätte mich besser informieren müssen. Gleichzeitig bitte ich um Milde, denn bald käme ich in Länder, in denen ich sicherlich größeren Gefahren ausgesetzt sein würde.

Dann berichte ich von meinem Vorhaben und auch davon, wie freundlich ich überall in Polen aufgenommen wurde und wie gastfreundlich und hilfsbereit die Menschen hier seien.

Der Dolmetscher hört sehr aufmerksam zu und übersetzt sehr genau, denn deutlich kann ich Mitgefühl in den Gesichtern des Gremiums erkennen. Der Polizist macht einen gedrückten Eindruck und ihm ist die Angelegenheit sichtlich unangenehm.

 

Man bittet ihn und mich, den Raum zu verlassen, damit das Gericht beraten kann. Nach fünf Minuten werden wir hereingerufen. Alle erheben sich für den Richterspruch: “Der Angeklagte ist schuldig nach Paragraph... Das Strafmaß: 2 Zloty, um dem Paragraphen gerecht zu werden! Angesichts der außergewöhnlichen Umstände sind die Waffen wieder auszuhändigen.”

Ich bin sprachlos. Dann bitte ich noch einmal ums Wort und gestehe, wie gerührt ich bin angesichts von so viel Menschlichkeit, die mir hier in Polen widerfährt. Mir bricht vor Erleichterung die Stimme und deutlich kann ich Tränen der Rührung in den Augen der Beisitzerinnen sehen. Zum Abschied drücke ich allen die Hand und bedanke mich herzlich. Dann werde ich auf das Kommissariat zurückgebracht und man händigt mir die ‚Waffen’ aus. Ich solle sie aber nicht am Körper tragen und in Polen nicht benutzen. Ich solle sie versteckt halten, denn nachträglich in meine Papiere eintragen könne man sie leider nicht, das gehe nur an der Grenze.

Ich bin besorgt um meine Pferde und bitte den Hauptkommissar, mich gegen Taxigebühr zurückzufahren. Er erklärt sich bereit, doch müsse er erst seiner Frau Bescheid geben und die hat gerade das Essen fertig. Meine Ungeduld wächst ins Unerträgliche, aber ich darf nicht unhöflich sein. Ich bin zum Essen eingeladen und endlich gehen wir zum Auto. Sein kleiner Sohn kommt mit.

Als wir den Rastplatz erreichen, weicht mir alles Blut aus dem Gesicht. Keine Pferde, kein Wagen, kein Pawel. Ich bitte den Kripo-Chef, zu jenem Bauern hinüberzufahren, dem die Wiese gehört, vielleicht wisse der etwas. Auf seinem Hof sehe ich schon von Weitem zwei dunkle Pferde stehen. Panca und Puschkin, denke ich, doch als wir heran sind, entdecke ich den Irrtum. Aber der Bauer kann uns Auskunft geben: Pawel musste alles aufs Ortsrevier bringen. Schnell fahren wir dorthin, ich zittere vor Aufregung. Und sehe endlich auf dem Grundstück des Polizeireviers den Wagen und voller Erleichterung Panca und Puschkin weiden. Aber von Pawel keine Spur. Hat er tatsächlich das Weite gesucht? Ohne Pass?

Der Hauptkommissar und sein Sohn verabschieden sich in Freundschaft und von Bezahlung der Fahrt will er nichts wissen. Er hat meine Ängste miterlebt und fühlt mit mir.

Dann mache ich mich auf die Suche nach Pawel. Der Bahnhof ist geschlossen. Auch in keiner Bar entdecke ich ihn. Endlich sehe ich ihn in Begleitung eines jungen Mannes die Straße überqueren. Sie gehen zum Revier, denn sein Begleiter ist Straßenpolizist und wohnt im Gebäude. Pawel berichtet von seinen Befürchtungen, ich würde vielleicht für mehrere Tage eingesperrt werden. Der Straßenpolizist hatte ihm geholfen, die Pferde einzuspannen und in die Stadt zu bringen.

Am nächsten Morgen erhalte ich die Pässe aus der Hand des Urhebers dieses unangenehmen Erlebnisses. Er zeigt keinerlei Reue ob seiner völlig übertriebenen Aktion.

 

20.01.2018 | 2247 Aufrufe