22. Anekdote vom Ritt um die Welt
Überraschungen in Kalifornien
In einer blitzsauberen Quarantänestation mit sehr kompetenter und freundlicher Besatzung von Los Angeles wird den Pferden sofort Blut abgenommen (ohne Zwangsbox), Nasen- und Ohrensekret abgetupft. Dann werden sie mit einer Desinfektionslösung eingesprüht. (Oh Schreck - besprühen mögen wir gar nicht!) Aber anschließend werden sie belohnt: mit leckerem Alfalfaheu (Luzerneheu) in frisch und dick eingestreuten Boxen. Dann muss ich die Station verlassen. Auf die Idee, mich auch Einsprühen und in eine Box sperren zu lassen, kam ich nicht. Wäre bestimmt auch nicht möglich. Und von Heu mag ich auch nicht besonders gern leben.
Nach zwei Tagen erhalte ich das Testergebnis: beide Pferde sind kerngesund! Tief in meinem Inneren hatte ich es immer gewusst. Wer zwei Jahre lang durch die Welt wandert und nicht ein einziges Mal wirklich krank wurde (außer einer Verwurmung und einer schwachen Kolik), der kann nicht so krank sein, dass er andere Pferdebestände anstecken kann, von denen sowieso keine vorhanden sind!

Aber nun kommt dennoch eine schwere Zeit für uns Drei. Panca muss als fortpflanzungsfähige Stute zur Beobachtung in ein staatliches Tierhospital. Deshalb wird sie nach Davis gebracht, hunderte Meilen weiter nördlich, nämlich nahe Sacramento. Puschkin bleibt allein in der Station und dort ist kein anderes Pferd. Mein Hotel befindet sich einige Kilometer von der Station entfernt. Um das gesamte Flughafengelände muss ich herumlaufen. Und noch weit vor der Station höre ich Puschkin rufen. Sein Gewieher klingt schmerzhaft. Er vermisst Panca - es möchte mir das Herz zerreißen! Gern würde ich ihn besuchen und beruhigen, doch ich darf nicht mehr hinein.

Aber schnell finde ich verständnisvolle Pferdefreunde, die eine Lösung haben: Puschkin kommt umgehend in die Sunset-Ranch im Canyon neben dem Berg mit dem "Hollywood"-Sign. Hier hat er viele Pferde um sich. Sofort ist er beruhigt. Ich finde auf dem Sunset-Boulevard ein billiges Motel und kann Puschkin täglich besuchen. J.J. ist der Leiter der Ranch und leiht mir einen Sattel, denn mein Versorger mit aller Ausrüstung ist noch immer auf dem Pazifik unterwegs. So kann ich mit Puschkin täglich in den ausgedörrten Bergen Südkaliforniens reiten. Das macht ihn zufrieden und erleichtert mein Gewissen.

Endlich kommt mein Versorger, ich führe Puschkin in den Hänger. Er scheint zu ahnen, dass es jetzt wieder zu Panca geht und hat es mit dem Einsteigen sehr eilig. Aber die Strecke nach Davis ist viel länger, als ich erwartete: die zurückgelegten Kilometer ziehen sich erstaunlich langsam dahin - endlich begreife ich, dass es ja nicht Kilometer, sondern Meilen sind! Erst in der Nacht erreichen wir Davis. Aber Panca ist nicht mehr da. Weil auch hier völlige Gesundheit festgestellt wurde, durfte sie zu Pferdefreunden nach Winters in der Nähe. Die Leiterin der Station verrät mir aber ein Geheimnis: "wussten Sie, dass ihre Stute 'pregnant' ist?" Ich hatte es geahnt. Bei der Abreise aus Ulan Bator stand Panca auffällig nah bei der Herde des freilaufenden Leithengstes und Puschkin hatte sichtbar seinen Widerstand aufgegeben. Jetzt hieß es warten, bis die Niederkunft erfolgt war und wer weiß, wie lange noch danach. So nahm ich das Angebot von Ellen B. Jackson an, der Besitzerin der "Victory Rose Ranch" in Vacaville. Hier hatte ich täglich zweimal 150 Vollblüter zu füttern. Dafür erhielten meine Pferde einen eigenen, riesigen Paddock und bestes Futter, das ich allerdings schnellstens rationieren musste, denn schon in Winters hatte Puschkin einen Leibesumfang bekommen, der auch bei ihm eine Schwangerschaft vermuten ließ.

08.09.2019 | 86 Aufrufe