1. Anekdote vom Ritt um die Welt

Eine glückliche Pferdemutter und ihr Sohn

Ob es Ähnliches wohl schon einmal gegeben hat: eine deutsche Stute wird nach zweijährigem Fernritt von einem mongolischen Steppenhengst in der Mongolei gedeckt und bekommt nach einem Flug über den Pazifik in Kalifornien einen Sohn?

Ich staune selbst und kann gar nicht oft genug zur Koppel gehen, auf der Panca mit Temujin ist, und Puschkin gleich daneben. Genau wie das Abpumpen der ersten Muttermilch (damit kein Tropfen dieser Milch mit den so wichtigen Abwehrstoffen verloren geht) und das erstmalige Füttern aus der Flasche, hält man auf dieser Ranch alle anderen Pferde zur Sicherheit für das Neugeborene auf Abstand. Ich bin zwar sicher, dass von Puschkin keine Gefahr drohte, aber meine Pferdeerfahrung ist eben weit geringer als die von Ellen. Vielleicht hatte man ja negative Erfahrungen bei diesen hochgezüchteten Vollblütern gemacht. Bei Pferden wie diesen meist im Herdenverband aufgewachsenen Huzulen habe ich ganz anderes erlebt: ein Hengst mit zwölf Stuten war auf der großen Weide den ganzen Tag unterwegs, um nach und nach jede seiner Stuten mit ihrem Neugeborenen zu kontrollieren und zu überwachen. Er würde auch das kleinste und schwächste seiner Nachkommen mit aller Macht beschützen.

Tatsächlich macht Puschkin ganz den Eindruck, als fühlte er sich als der Vater des Kleinen. Immer steht er ganz nah an den Koppelstangen, um ihn zu beschnuppern und sich von ihm in die Beine zwicken zu lassen. Dabei macht er tatsächlich ein deutlich glückliches Gesicht. Und der Kleine wird jeden Tag agiler und frecher. Von seiner Mutter entfernt er sich nie mehr als fünf Meter und kaum sieht mich Panca zur Koppel kommen, da führt sie ihn mit einem stolzen Lächeln zu mir. So kann ich ihn schon nach wenigen Stunden überall berühren, bald sogar ein Halfter anlegen und ihn sogar von seiner Mutter wegführen - solange sie allerdings in Sichtweite bleibt.

Es ist eine berauschende Freude für mich, täglich viele Stunden mit meinen Pferden in unglaublicher Vertrautheit zu verbringen. Wir sind eine Familie und es macht mich glücklich, dass sie mich für ein Familienmitglied halten. Vielleicht verstehen viele Pferdebesitzer nicht, weshalb ich sooo sanft mit meinen Pferden umgehe: sie dürfen ihre Köpfe an mir reiben, unterwegs auch mal ein paar Halme oder Zweige abrupfen. Ich stoße sie niemals zurück oder reiße sie hoch - schimpfe sie höchstens mit einem Lächeln. Sie danken es mir mit unendlicher Zuneigung - die meinen Seelenfrieden stärkt und damit auch meine Gesundheit.

Inzwischen weiß man ja: das harmonische Zusammenleben mit Haustieren stärkt das Immunsystem des Menschen. Auch mit Pferden ist es so, wenn der Mensch nur bereit ist, ihre Nähe zuzulassen und sie nicht nur als Sportgerät anzusehen. Ist dies das Geheimnis dafür, dass ich bei diesem nicht ungefährlichen, viereinhalbjährigen Abenteuer nicht ein einziges Mal krank wurde?

21.09.2019 | 172 Aufrufe