Für alle, die weder meine Lichtbildershow sehen konnten, noch das Buch "Mit zwei Pferden um die Welt" gelesen haben:

Ein lückenloser Bericht ist hier natürlich nicht möglich, den gibt es ausschließlich in dem umfangreichen Buch, das es sowohl als Print-Ausgabe, aber auch als Ebook und Hörbuch gibt.

Einzelheiten dazu unter www.weltumreiter.de , klick dort auf 'Bücher-DVD'.

 

  1. Bericht: Ich war gewarnt worden vor der ausufernden Kriminalität in Osteuropa. Als Polizisten verkleidete Banditen in Polen z.B. - Denen begegnete ich nicht. In der Ukraine sollte es noch schlimmer sein und auch die Korruption, versteckt unter Beamten und Uniformträgern. Und je weiter ich dort nach Osten vorankam, um so heftiger wurden die Versuche, sich an meinen bescheidenen Mitteln zu bereichern.

           Man hatte mich auch vor Gewalttaten gewarnt, wenn ich Forderungen ignorieren würde. Morde für wenig Geld seien an der Tagesordnung. Eine Leiche verschwinden zu lassen, ist leicht. Nachforschungen der Polizei wären äußerst nachlässig. Einige Freunde in Deutschland sagten beim Abschied: "Dich sehen wir garantiert nie wieder". Aber ich wollte meinen Traum einfach nicht aufgeben.

In der Westukraine baute ich abends die Elektrokoppel für die Pferde - hinter einem dünnen Baumgürtel neben einer Überlandstraße. Ein Streifenwagen mit drei Polizisten entdeckte uns. Sie kamen herunter und verlangten die Pässe. Aber sie waren freundlich und als sie meinen Plan hörten, rieten sie mir, lieber in das nächste Dorf zu fahren. Hier würden uns bewaffnete Banditen bedrohen.

Im Dorf spürten wir sofort eine große Hilfsbereitschaft. Der Bürgermeister wies uns einen Platz im Luzerneacker der Kolchose zu: Panca und Puschkin standen bald inmitten der 1-Meter hohen Luzerne und fraßen sich die Bäuche rund. Dann besuchte uns die wahrscheinlich komplette Dorfbevölkerung. Jeder brachte ein Geschenk: Eier, Speck, Brot, Gemüse, Kartoffeln. Ich war überwältigt. Als wir am nächsten Morgen wieder durch das Dorf fuhren, standen sie vor ihren Häusern, winkten und waren stolz, etwas Deutsch zu kennen: "Auf-wiederrr-sähen!"

In einem anderen Dorf ein paar Tage später wies man uns den großen Dorfplatz zu. Ich saß noch auf dem Kutschbock, als ein alter Mann zu mir kam und in gebrochenem Deutsch nach Speck fragte. Ich hatte noch einen Würfel, den bot ich ihm an. "Nein, nein", sagte er. "Komm mein Haus". Und er führte mich an den Rand des Platzes, wo seine Lehmhütte stand. Drinnen bestand der Fußboden ebenfalls aus festgestampftem Lehm, es war sehr sauber und ordentlich in der Hütte. Er holte aus einem Regal an der Wand ein großes Glas voller Speckwürfel und reichte es mir. Ich erschrak und wollte es nicht annehmen, denn diese Menschen waren sehr arm. Seine Frau reichte mir obendrein noch ein großes, selbstgebackenes Brot. Aber sie bestanden darauf, dieses Geschenk anzunehmen und er erklärte mir den Grund: "Im Krieg war ich in Deutschland und arbeitete auf einem Bauernhof. Die Leute waren immer freundlich zu mir und ich brauchte nie hungern, obwohl sie auch nicht viel hatten in dieser Zeit. Nun kann ich endlich meine Dankbarkeit zeigen."

In der Ostukraine aber, die heute so umkämpft ist, war alles anders. Hier lebten Russen, die sich als Herren fühlten und die Westukrainer verachteten. Man spürte es bei jeder Begegnung, sah es in jedem Gesicht. Besonders die Jugend war frech und ungezügelt. Als wir am Straßenrand die Reste einer frisch geschlachteten Kuh sahen, wurde mir unheimlich. Der abgetrennte Kopf und die Füße lagen neben der Kette, an der die Kuh fest war. Arme Bauern ohne eigenes Land ließen ihre meist einzige Kuh an der Straßenböschung weiden, jeden Tag an einer neuen Stelle. Nun hatten diese Leute wahrscheinlich keine Milch mehr für ihre Kinder. Iwan erklärte mir, dass es keinerlei Sozialhilfen und kaum Rente gab. Das erwirtschaftete Geld des Staates verschwand in den Taschen der oberen Schicht.

Und an der Grenze zu Russland hier im Donbas wurde auch ich Opfer der uniformierten Geldgier: meine letzten Grivna musste ich opfern, um weiter zu dürfen. Iwan war sehr erbost. Er war Westukrainer, die Abzocker aber russischstämmig. Später im fernen Sibirien wurde er sogar als "ukrainski Swinja" beschimpft: ukrainisches Schwein.

Aber keine Angst. Auch in Russland erlebte ich viel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. In den Dörfern überall. Leider selten in Städten.

28.01.2018 | 4733 Aufrufe