Anekdote vom Ritt um die Welt

Das Jahr geht zu Ende, die Tage sind kurz geworden. Jeden Tag wird es kühler und fast jeden Tag regnet es. Eine Zeit, in der man sich nach Ruhe und Geborgenheit sehnt. Jetzt sind wir schon fast sieben Monate unterwegs. Auf der Landstraße zwischen Don und Wolga finden wir kaum noch Möglichkeiten, eine lukrative Koppel für die Pferde zu bauen. Nur Wälder oder riesige Felder, die abgeerntet und umgepflügt sind - keine Wiesenflächen mehr. Wolgograd ist nicht mehr weit.

              Die Dämmerung setzt schon ein und noch immer kein geeigneter Platz. Rechts und links der Straße hohe Bäume und dahinter ein tiefer Straßengraben. Da - endlich: eine Zufahrt über den linken Graben. Ein rot-weißer Schlagbaum ist da, doch steht er offen. Ein Schild mit kyrillischer Aufschrift besagt: "Militärisches Sperrgebiet! Betreten verboten." Aber dahinter erstreckt sich Weideland.

              Iwan weigert sich, dorthin zu fahren, er fürchtet sich. Ich tue es trotzdem. Hundert Meter hinter der Weide ist eine Mauer um ein riesiges Gelände und dahinter sind die Dächer von Kasernen zu sehen. "Schnell Koppel aufbauen - wenn die steht, lässt man uns vielleicht ungeschoren", sage ich und nie waren wir bei dieser Arbeit schneller. Kaum sind die Pferde frei und genießen das üppige Gras, da öffnet sich das große Tor in der Mauer und zwei Soldaten kommen im Stechschritt mit geschultertem Gewehr herüber. Der Kommandant befiehlt uns zu sich.

              Ich sage: "Iwan, geh Du. Mein Russisch ist zu schwach." Iwan ist leichenblass. Sie nehmen ihn in die Mitte und führen ihn ab. Nach einer halben Stunde bringen sie ihn genauso zurück und Iwan sagt: Bis um sieben morgen früh dürfen wir bleiben, dann beginnen Schießübungen und wir müssen verschwunden sein. Na gut - da ist es zwar noch dunkel, doch nicht mehr lange. Wir machen im Planwagen Tee für das Abendessen.

              Plötzlich wird die vordere Plane angehoben, ein großer Mann und eine kleine Frau in Zivil stehen davor. Der Mann sagt: "Ich Kommandir. Bitte komm mein Haus." Im Schein einer Taschenlampe führen sie mich auf das Kasernengelände. Der wachhabende Soldat steht stramm. Das Haus des Kommandanten ist von einem riesigen Tarnnetz abgedeckt. Drinnen ist es warm und gemütlich. Der Vater von Boris Nikolajewitsch schaut mit strengem Blick. Er mag keine Deutschen, vielleicht hat er den wahnsinnigen Krieg hier kennengelernt. Er zieht sich zurück. Der Kommandant legt ein geschliffenes Glas vor mich auf den Tisch. Es hat die Größe und Form eines Kuhhorns, hat keinen Griff und keinen Fuß. Ich soll es in die Hand nehmen. Dann schüttet er Wodka hinein. Er ist gnädig, füllt es nur zur Hälfte: etwa einen halben Liter. Einem Russen würde er bestimmt den ganzen Liter einfüllen. Dann sagt er: "Tradizija Rossija. Neuer Gast muss Rog austrinken. Na sdarowje."

              Ich rede mir ein, dass es Wasser sei und schaffe es tatsächlich, ohne abzusetzen. Boris Nikolajewitsch ist zufrieden und ich froh, dass seine Frau sofort beginnt, den Tisch zu decken. Viele fette und reichliche Speisen helfen mir, zu überleben. Und tatsächlich kann ich noch gerade gehen, als ich wieder flankiert von neuen Freunden, im Licht der Taschenlampe um Mitternacht zurückgebracht werde. Von Aufbruch um sieben ist nicht mehr die Rede.

              Ich denke gern an diese Leute zurück, die misstrauisch aber neugierig auf die Öffnung ihres Landes nach Westen waren. Leider haben die jetzigen Machthaber aus Angst, sie könnten auf der Welt nur die Zweitgrößten sein, die Zukunft dieses weitgehend symphatischen Volkes (Nein, nicht wegen Wodka!) für Jahrzehnte, vielleicht sogar für mehrere Generationen, verbaut.

          

12.03.2018 | 1397 Aufrufe