"Straßenräuber" 5. Erlebnisbericht vom Ritt um die Welt

 Seit der Winterpause in Südrussland sitze ich wieder im Sattel. Die Rücksichtslosigkeit der osteuropäischen Autofahrer war oft haarsträubend - nun kann ich meist neben den Straßen oder querfeldein reiten. Zur optimalen Versorgung der Pferde lasse ich etappenweise ein Fahrzeug mit Hänger vorausfahren. Der Russe Ljoscha steuert es. Er ist jung und stark und prahlt mit seinen Kräften, die uns bestimmt bei Begegnungen mit "Recketts" helfen werden.

 

Organisierte Straßenräuber nennen sich so. Sie stoppen Autos, denn wer ein Auto fährt, muss Geld haben. Sie treten in Gruppen mit bis zu fünf Personen auf und behaupten, das Geld für soziale Zwecke zu benötigen. Aber jeder weiß, dass sie es für Wodka und Drogen brauchen.

 

Hinter Orsk finden wir einen guten Rastplatz direkt neben einer Asphaltstraße. Eine große Grasfläche ist unterhalb der Böschung, die koppele ich ein. Hier wollen wir einen Ruhetag einlegen. Aber seltsam unruhig sind die Pferde. Am nächsten Tag erfahre ich, dass in der Nähe vor kurzem ein Mann mit durchschnittener Kehle aufgefunden wurde. Haben die Pferde das gespürt? Vielleicht noch das Blut gewittert? Oder spüren sie die Gefahr durch Straßenräuber, die hier sehr rührig sind? Noch am Abend besuchen uns zwei. Ljoscha ist seltsam zurückhaltend. Iwan, der Ukrainer, der als Dolmetscher dienen soll, erklärt ihnen aber, dass ich Journalist bin und über meine Erlebnisse in Deutschland berichten werde. Das hilft. Auch bei den nächsten zwei, die uns in der Nacht besuchen.

 

Am nächsten Tag aber sind es vier, die auf der anderen Straßenseite einen LKW-Konvoi stoppen. Tatsächlich gelingt es ihnen, von den acht Kraftfahrern Rubel im Wert von 120 DM zu erpressen. Das konnte nur mit Waffengewalt gelingen. Dann kommen sie nach und nach zu uns herüber. Ihr Anführer ist besonders aggressiv und steht sichtbar unter Drogen. Er will sich nicht abweisen lassen. Ljoscha versteckt sich hinter dem Auto. Iwan ist leichenblass, bleibt aber tapfer stehen, weicht nicht zurück. Ich dränge mich dazwischen. Jetzt bin ich das Ziel. Er zischt mich wütend an. Seine Nasenspitze an meiner, spritzen mir seine zerkauten Sonnenblumenkerne ins Gesicht: "Rubel! Dawai!" Ich sage:"Njet". Immer wieder. Er geht zu meinem Auto, möchte die Tür öffnen. Wieder stelle ich mich dazwischen. Er schäumt, droht zu explodieren. Ich weiß, dass ich seine Aggressivität nicht erwidern, die Augen nicht senken, keinen Schritt zurückweichen darf. Ich bete, dass endlich ein Streifenwagen auftauchen möge. Aber es kommt keiner. Endlich taucht ein PKW auf. Ich gehe zur Straße, um ihn zu stoppen. Da geben sie endlich auf: seine drei Begleiter ziehen ihn zu ihrem Lada, der angeschoben werden muss. Jetzt kommt auch Ljoscha hinter dem Auto hervor.

 

Weil wir noch eine Nacht hier bleiben wollen, fahre ich mit Iwan in die Stadt auf ein Polizeirevier und bitte um Schutz. Ob ich denn keine Waffe habe, wollen die Polizisten wissen. Ich erinnere mich an die Verhaftung in Polen und verneine. Hätte ich diese Schreckschusspistole gezogen, würde ich diesen Überfall bestimmt nicht überlebt haben. Wir nennen das Fahrzeugkennzeichen, doch sie sagen, es handele sich um ein Fahrzeug aus einem anderen Bezirk, da können sie nichts machen. Und zusätzliche Streifen fahren können sie auch nicht, weil das Geld dazu fehlt. In der nächsten Nacht kommen sie trotzdem gegen Mitternacht. Dann sitzen sie zwei Stunden in meinem Auto und ich erfahre bei deutschem Bier, dass ihnen der Oberanführer sogar namentlich bekannt ist und wenn der uns stoppen würde, gäbe es keine andere Möglichkeit, als doch zu bezahlen. Hier wurde sehr deutlich, dass die Polizei nicht daran interessiert ist, die Recketts zu bekämpfen. Warum, ist natürlich klar: sie bekommen ihren Anteil!

nichts wie weg!

endlich in Sicherheit!

Hier wird in unregelmäßigen Abständen über jene Erlebnisse berichtet, die besonders in Erinnerung blieben.
Es sind natürlich nur wenige. Das gesamte Abenteuer findet sich in dem Buch "Mit zwei Pferden um die Welt".
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26.03.2018 | 1775 Aufrufe