1. Fortsetzung zu: "Schon davon gehört?"

Die Hilfsbereitschaft der Landbevölkerung

Hatte ich schon quer durch Deutschland überall viel Hilfsbereitschaft erfahren, so war es in Polen nicht anders. Von Aggressionen gegen Deutsche spürte ich fast nichts. Stattdessen stellte man uns spontan Weideplätze zur Verfügung, spendierte Kraftfutter und kiloweise frisch gepflückte Erdbeeren, denn es war Erdbeerzeit, während wir Polen von West nach Ost durchquerten.

("Wir" bedeutet: Panca, Puschkin, ich und ein alkoholsüchtiger Ukrainer als Helfer.)

 

Lehrer baten uns in Schulen, um den Kindern von unserem Abenteuer zu erzählen und als der Planwagen einen neuen Bremszylinder benötigte, bekamen wir ihn kostenlos von einem Schrottplatz, auf dem noch ein 'Trabi' stand. Die hydraulische Bremse des Planwagens entstammte einem Trabant.

 

Als wir unser Nachtlager an einer Gemeinschafts-Wasserstelle außerhalb eines Dorfes aufschlagen durften, wurde ein lustiges Gelage daraus. Die Frau des Besitzers befahl ihrem Mann, meinen Pferden einen ordentlichen Haufen frischer Luzerne zu spendieren und für mich deckte sie den Tisch mitten in der Koppel mit deftigen, selbstgemachten und heißen Würsten (nie aß ich schmackhaftere) und selbstgebackenem Brot. Natürlich gehörte auch Bier und Wodka dazu und nach und nach umringte uns die halbe Dorfbevölkerung, denn schnell hatte sich herumgesprochen, dass ein deutscher Abenteurer ihr Dorf besuchte. Sogar eine Lehrerin kam mit ihrer Schulklasse und ich durfte mich in das Klassenbuch eintragen.

 

Manchem Weidebesitzer spendierte ich für seine Großzügigkeit eine Flasche Wodka. Einer war dabei, dessen Frau ihn wohl verlassen hatte. Vielleicht lag es daran, dass er allzu oft mit zwielichtigen Kumpanen dem Wodka zusprach, was mir aber nicht bekannt war. Da geriet ich ungewollt in ein wenig ansprechendes Gelage: in dem düsteren Raum saßen drei Männer, deren Augen man ansehen konnte, dass sie wohl schon viele Stunden feierten. Das Fenster des Raumes in diesem Bauernhäuschen war so schmutzig, dass nur noch wenig Licht eindringen konnte. So war der fettige Schmutzfilm auf dem kreisenden Trinkglas kaum zu sehen. Und ich musste natürlich mittrinken! Vorsichtshalber schloss ich die Augen und redete mir ein, dass Wodka ja auch ein Desinfektionsmittel sei...

13.01.2022 | 1312 Aufrufe