1. Fortsetzung zu: "Schon davon gehört..."

Nicht immer gibt es nur Freude bei der Begegnung mit Menschen...

Es war eigentlich mein Plan, über Belarus nach Moskau zu fahren. Aber in jener Zeit war es unmöglich, ein Visum zu bekommen. Deshalb wollte ich es auf Anraten meines alkoholsüchtigen Ukrainers über die Ukraine versuchen, um vielleicht in Kiew ein Visum für Russland zu bekommen.

Also schwenkten wir nach Süden und fuhren auf den Landstraßen parallel zur weißrussisch-ukrainischen Grenze weiter. Die verstärkten Polizeistreifen entlang von Grenzen waren nicht zu übersehen, aber zunächst blieben wir unbehelligt. Ein Planwagen mit zwei Pferden davor wurde wohl nicht als kriminelle Bedrohung empfunden.

Doch gerade hatten wir eine Kleinstadt durchquert und hinter ihr einen guten Rastplatz direkt neben der Straße gefunden, änderte sich das überraschend. Ein besonders pflichtbewusster Dorfpolizist glaubte wohl, endlich mal einen großen Fang zu machen, kam mit strenger Mine zu uns und verlangte die Pässe. Der Ukrainer begann zu zittern. Heute bin ich sicher, dass er längst straffällig geworden sein muss. Und als der Polizist nach Waffen fragte, verplapperte er sich. Ich musste mein Seitenmesser vorzeigen und schließlich auch meine Schreckschusspistole. Harmlose Waffen also, die dieser Polizist wohl als gefährlich ansah und mitsamt der Pässe beschlagnahmte.

Außerdem forderte er Verstärkung an. Erst kam ein Waffenspezialist, dann vier Grenzpolizisten mit Maschinenpistolen im Anschlag und schließlich noch drei Kriminalpolizisten in Zivil. Alle belächelten heimlich den Dorfpolizisten, der ihnen völlig unnötige Arbeit bescherte, aber sie mussten das Spiel mitmachen: ich wurde verhaftet, und nach Wlodawa gebracht. Dort gibt es das zuständige Gericht.

Ob ich wollte oder nicht, ich musste meine Pferde und die Ausrüstung in der Obhut eines kriminellen Alkoholikers zurücklassen. Dies war das bisher schlimmste, angsteinflößende Erlebnis. Auf dem Schnellgericht in Wlodawa stellte die Polizei die Forderung nach einer Strafe von 120 Zloty wegen illegaler Einfuhr der Waffen und ihre Konfiszierung.

Mein unterwürfiges Schuldeingeständnis und der Beteuerung, in den folgenden, weit gefährlicheren Staaten dadurch schutzlos zu werden, veranlassten den Richter zu einem äußerst humanen Schuldspruch: 2 Zloty Geldstrafe, um dem Paragraphen gerecht zu werden, und Aushändigung der Waffen aufgrund der besonderen Umstände!

Ich war sehr gerührt und bedankte mich ausführlich für so viel Menschlichkeit. Zwei Beisitzerinnen hatten Tränen in den Augen! Und ich wurde kostenlos zu meinen Pferden zurückgebracht und fand sie im Garten mit viel Gras hinter dem Polizeikommissariat. Der Dorfpolizist aber versuchte vergeblich, seine Enttäuschung zu verbergen und musste uns schließlich zerknirscht unsere Pässe zurückgeben.

Das Gute an dieser Aktion war, dass wir ab sofort entlang der Grenze unter hilfreicher Überwachung der Grenzpolizei standen, denn natürlich war man überall über diesen unrühmlichen Vorfall unterrichtet.

17.01.2022 | 1338 Aufrufe