Ein weiterer Erinnerungspunkt beim Ritt um den Erdball

6. Anekdote

 

Im westlichen Kasachstan gibt es weder Bäume noch Sträucher in der endlos erscheinenden Steppe. Und auch keine Hügel oder gar Berge. Der Horizont ist rundum ein gerader Strich. Wochenlang wandern wir in dieser öden Landschaft und es ist Frühling. Plötzlich tauchen rote Punkte im riesigen, grünen Teppich auf: wilde Tulpen zeigen sich und täglich werden es mehr. Bald auch gelbe, gelb-rote und andere Farben. Dann sogar ganze Büschel von blauen Irisblüten. Manchmal erhebt sich bei unserer Wanderung ein Duft von geknickten Kräutern, der mich an Thymian und Majoran erinnert. Ich staune über diese Vegetation. Hier also ist der Ursprung dieser Blumen und Kräuter? Und sicher noch vieler weiterer, die sich in den nächsten Wochen und Monaten zeigen.

 

 

Irgendwelche Zivilisationen sind über lange Zeit rar. Selten ein Dorf, Städte erst später in der nördlichen Mitte des riesigen Landes. Stattdessen manchmal eine "Totschka": Außenstationen von Kolchosen, die zur Nutzung der menschenleeren Steppe errichtet wurden. Ackerbau zu betreiben, hat sich als zwecklos erwiesen. Nur Viehhaltung ist in manchen Regionen ein wenig erfolgreich: Rinder, Kamele, Schafe und Ziegen. Die betreibenden Familien sind in ihrer Abgeschiedenheit gastfreundlich und hilfsbereit. In der Nähe einer Totschka sind wir beschützt und fühlen uns sicher.

 

 

Im Herbst hatte ich meinen Pferden die Hufeisen abgenommen, damit sich die Hufe erholen konnten. Und barhuf startete ich im Frühjahr, um die Pferde erst wieder zu beschlagen, wenn es notwendig werden würde. Das war tatsächlich erst nach 2.800 Kilometern notwendig, denn der feinsandige Steppenboden mit seinen Gräsern minimierte den Abrieb des Hufhorns gewaltig und führte außerdem zu einer erstaunlichen Verhärtung.

 

 

Gespräche im Süden Russlands hatten mich auf das vorbereitet, was uns in Kasachstan erwarten würde. Ein Teil dieser Informationen war, dass es in diesen flachen Steppengebieten vor allem im Frühjahr oft heftige Ostwinde geben würde. Aber da ich nun wieder reitend unterwegs war, beunruhigte mich das nicht. Erst, als uns rollende Krautbüsche entgegen kamen, vom Ostwind getrieben, hüpfend wie Kängurus, doch erheblich schneller und vor den Pferden nicht stoppend, erkannte ich diese neue Gefahr. Es waren nicht einzelne Krautbüsche, die im Winter abgestorben und vom Wind losgerissen wurden, sondern hunderte /tausende - so weit das Auge reichte! Umkehren oder irgendwohin auszuweichen, war nicht möglich - sie kamen überall herangerauscht. Die Pferde gerieten in Panik und gingen durch. Ich saß auf einem und hatte das andere am Handseil. Sie jagten mit mir über die Steppe, sprangen immer wieder über jene Büsche hinweg, die vor ihren Hufen vorbeijagten. Aber sie blieben zusammen - nicht auszudenken was geschehen wäre, wenn sie unterschiedliche Richtungen genommen hätten - oder mich verloren! Endlich tauchte die nächste Totschka auf und davor stand mein Versorger, der vorausgefahren war. Hinter dem schützenden Fahrzeug stoppten die Pferde - wir waren in Sicherheit!

 

 

Hier wird in unregelmäßigen Abständen über jene Erlebnisse berichtet, die besonders in Erinnerung blieben. Es sind natürlich nur wenige. Das gesamte Abenteuer findet sich in dem Buch "Mit zwei Pferden um die Welt". Klicke für weitere Informationen auf der hp "www.weltumreiter.de" den Bottom "Bücher-DVD",und bedenke: Für die meisten und überraschenden Momente im Leben gibt es keine Bilder, denn in Paniksituationen an die Kamera zu denken, ist meist unmöglich.

 

01.05.2018 | 2312 Aufrufe