Ein weiterer Erinnerungspunkt vom Ritt um den Erdball : 7. Anekdote

Im östlichen Norden Kasachstans beleben endlich wieder Bäume die flache Steppenlandschaft: sibirische Birken in Gruppen auf riesigen Acker- und Weideflächen. Es ist Hochsommer und heiß. Wo die Gräser hoch stehen, gibt es sogar silbriges Grün, doch meist ist alles längst vertrocknet und gelb-braun - bis zum Horizont. Und plötzlich erheben sich in der Ferne Rauchwolken in breiter Front: Steppenbrand. Und der stetige Wind treibt das lodernde Feuer auf uns zu. Das Band der asphaltierten Straße nebenan wird es bestimmt nicht aufhalten können. Ich treibe die Pferde an und hoffe, bis zum Abend dem Flächenbrand entkommen zu können. Bestimmt wird es eine schlaflose Nacht werden, denn diese Feuer zeigen sich fast täglich irgendwo am Horizont. Manchmal reiten wir stundenlang über schwarze Aschereste und der Brandgeruch beißt in der Nase. Nur gut, dass abends der Wind einschläft und hoffentlich das Feuer stoppt.

Warum zeigen sich eigentlich immer wieder diese Feuer in der Landschaft? Entstehen sie selbst durch die Brennglaswirkung weggeworfener Wodkaflaschen? Oder sind sie absichtlich gelegt, um neuer Vegetation eine Starthilfe zu geben? Den Birkengruppen schaden sie jedenfalls nicht. Deren Füße werden nur ein wenig geschwärzt. Aber vielleicht will man damit die extreme Mückenplage bekämpfen?

Ja, Mücken sind wirklich hier in Sibirien von besonderer Bedeutung. Wo das Steppengras hoch steht, steigen sie in gewaltigen Wolken auf, wenn irgendwelche Warmblüter hindurch stapfen. Und wenn tagsüber Wolken den Himmel bedecken und der Sonne den Blick auf die Erde verwehren, dann sind sie täglich vierundzwanzig Stunden aktiv und fordern überall Blutzoll. Wenn wir dann wandernd unterwegs waren, schützten sich meine Pferde selbst: sie galoppierten pausenlos - stundenlang! Ich staunte über ihre Kondition, die ich bis dahin offensichtlich weit unterschätzt hatte. An vier Tagen hintereinander legten sie täglich über sechzig Kilometer zurück. Dann beendete endlich die Sonne diese Qual und erst am Abend begann sie erneut.

Ich hatte von dieser Plage in Sibirien gehört und deshalb verschiedene Insektenschutzmittel mitgenommen. Leider war keines darunter, dass länger als dreißig, höchstens sechzig Minuten wirksam war. Deshalb griff ich zu Mitteln, die hierzulande in Extremfällen eingesetzt werden: innerhalb der Nachtkoppel entzündete ich ein kleines Rauchfeuer mit getrockneten Kuhfladen, die überall zu finden waren. Brannten sie zu schnell und entwickelten zu wenig Rauch, dann feuchtete ich die Fladen an - und weil Wasser immer knapp werden konnte - mit einem gezielten Urinstrahl. Der sanfte Abendwind trieb den Qualm flach über die Steppe und die Pferde lernten schnell, dass sie im Rauch vor den Plagegeistern geschützt waren und konnten friedlich dösen.

Hier wird in unregelmäßigen Abständen über jene Erlebnisse berichtet, die besonders in Erinnerung blieben. Es sind natürlich nur wenige von vielen. Das gesamte Abenteuer findet sich in dem Buch "Mit zwei Pferden um die Welt". Klicke für weitere Informationen auf der hp "www.weltumreiter.de" den Bottom "Bücher-DVD",

und bedenke: Für die meisten und überraschenden Momente im Leben gibt es keine Bilder, denn in Paniksituationen an die Kamera zu denken, ist meist unmöglich.

 

08.05.2018 | 1812 Aufrufe