1.   12. Anekdote vom Ritt um die Welt

Kasachische Gastfreundschaft

Die dünne Besiedlung des Landes im Norden Kasachstans gibt einem Reisenden zu Pferd ein unglaubliches Freiheitsgefühl. Nur selten trifft man auf Menschen. Die unendliche Steppe ist weitgehend leer, nur bevölkert von Tieren aller Art. Neben vielen Vogelstimmen sind es nur die Schrittgeräusche der Pferde, ihr gelegentliches Schnaufen, das Knarren des Sattels und leise Klirren der Beschläge. Ich bin umgeben von Frieden und reite durch riesige Blumenbeete: im Frühling blüht die Steppe. Tulpen in allen Farben und Iris in ganzen Büschen bis zum Horizont.

Endlich ein berittener Hirte, der eine große Schafherde bewacht. In einem Gespräch erklärt er mir den Weg zum einsamen Hof seiner Familie. Dort können wir eine Rast einlegen. Ein Schaf wird geschlachtet und sein Fleisch gekocht: eine Delikatesse, denn die Tiere fraßen nur die besten Gräser und Kräuter.

Am nächsten Tag beginnt eine große Feier im 50 km entfernten Dorf. Dort sollten wir unbedingt eine Rast einlegen, denn sein Vater wird 60. Ich erlebe ein Fest mit kasachischen Reiterspielen und sitze am Abend in einem Zelt, zusammen mit 200 Gästen des Jubilars. Es gibt fremdartige Musik einer Kapelle und viele Lobreden auf den Jubilar. Die Tische biegen sich unter exotischen Speisen. Bishbarmak wird aus der Hand von der großen Platte gegessen. Mir reicht man verständnisvoll einen Teller und ein Besteck.

Die Stimmung steigt, es wird getanzt und gesungen. Als Ehrengast muss ich von Tisch zu Tisch gehen und überall mit unterschiedlichen Alkoholika anstoßen. Alle Frauen wollen auch mit mir tanzen, reißen mich hin und her. Viele sind unverheiratet und würden gern nach Deutschland auswandern! Glutaugen verfolgen jeden meiner Schritte. Am nächsten Morgen bin ich froh, unbeschadet weiter reiten zu können - noch lange nicht nüchtern zwar, aber meine Pferde schützen mich ja vor dem Absturz...

23.02.2022 | 27161 Aufrufe