Anekdote vom Ritt um die Welt

 

Ich fühlte eine riesengroße Erleichterung, endlich in einem "westlichen Staat" angekommen zu sein. Willkür durch überhebliche Uniformträger und Korruption lagen hinter uns. Südkorea, Japan, die USA und zuletzt die Niederlande voraus, allesamt demokratisch geprägt. Und dann diese freundlichen Menschen hier. Überall lächelnde Gesichter - und unaufdringliche Zurückhaltung. So waren meine ersten Eindrücke von Südkorea.

Bis ich die unnachgiebige Härte von verschiedenen Beamten zu spüren bekam. Beamte, die sich ohne "Wenn und Aber" an ihre Gesetze und Vorschriften halten und unter denen zu jener Zeit das Volk zu leiden hatte, wie ich aus verschiedenen Nachrichten der damaligen Zeit wusste. Ermessensspielräume schienen sie nicht zu kennen - Gesichtsverlust fürchteten sie mehr als Menschlichkeit zu zeigen. Was sie einmal entschieden hatten, durfte auf keinen Fall rückgängig gemacht werden, und wenn es noch so unsinnig war.

 

Bereits am Stammtisch des "KhanBräu" in Ulan Bator war ich gewarnt worden: "In China und Südkorea wirst du kein Verständnis bei den Behörden für dein verrücktes Abenteuer finden. Und Pferde sind für sie kein Grund für Nachgiebigkeit, wie vielleicht sonst auf der Welt."

Für China hatte sich diese Warnung bestätigt, aber dieses Land hatten wir ja nun endlich hinter uns. Und Südkorea sollte wohl erheblich leichter zu überstehen sein - dachte ich.

Die Quarantänezeit sollte neun Tage betragen. Am zweiten Tag kam ein Veterinär, um meinen Pferden Blut abzunehmen. Ein Veterinär, der große Angst vor Pferden hat? Sie mussten einzeln in eine stählerne Zwangsbox, in der sie sich nicht bewegen konnten. Obwohl der Veterinär meinen freundschaftlichen und distanzlosen Umgang mit Panca und Puschkin erlebt hatte, bestand er auf dieser Zwangsmaßnahme. Na gut - meine Pferde und ich lächelten darüber.

 

 

Am dritten Tag kam er mit seltsamer Blässe im Gesicht zu mir und achtete ängstlich auf einen Abstand von drei Schritten. Mit ausgestrecktem Arm hielt er mir das Bluttestergebnis hin und erklärte auf Englisch, dass in Puschkins Blut der Ateriitis-Virus entdeckt wurde, der den Pferdebestand Koreas gefährden würde. Dieses Pferd müsse also innerhalb von zwei Wochen in sein Ursprungsland verbracht werden, oder es werde getötet und verbrannt. Und weiter, dass eine Rückführung des Pferdes nach Europa unmöglich sei, weil es zwischen den Staaten keine entsprechende Vereinbarung gäbe. Also töten und verbrennen...!

 

Wer meine seelische Nähe zu meinen Pferden kennt, wird mein Entsetzen, das mich kurzzeitig regelrecht lähmte, verstehen. Als ich wieder denken konnte, erinnerte ich ihn an die internationale Gepflogenheit, nach einem positiven ersten Test, einen erneuten mit neuem Blut in einem anderen Labor durchführen zu lassen. Auf mein Drängen willigte man schließlich auf einen weiteren Test ein, doch eine erneute Blutentnahme wurde strikt verweigert: "Für einen einzelnen Reisenden ändern wir nicht unsere Bestimmungen, schließlich gehört unser System zu den besten der Welt. Verwechslungen oder Verunreinigungen des entnommenen Blutes sind bei uns nicht möglich! Im Übrigen darf dieses Pferd aufgrund dieses Testergebnisses in kein anderes Land der Welt. Außerdem haben wir ihren Interviewtermin mit der hiesigen Zeitschrift abgesagt. Ab sofort haben sie Presseverbot!"

 

Ich hatte die Deutsche Botschaft in Seoul um Hilfe gebeten. Das bescherte mir wenigstens zeitlichen Aufschub. Noch heute bin ich den Mitarbeitern der Botschaft unendlich dankbar. Sie setzten sich für mich und meine Pferde mit aller Kraft ein, doch ihr Einfluss hatte Grenzen. Die erneute Blutentnahme konnten sie nicht erreichen und die wäre bestimmt genauso erfolglos, denn man schien sich längst festgelegt zu haben. Ob wirklich ein Virus gefunden worden war und ob der zweite Test wirklich erfolgte? Meine gewaltigen Ängste konnten diese Menschen bestimmt nicht begreifen. Es handelte sich doch nur um ein Tier...

 

Weshalb handelten sie so gefühllos? Vielleicht weil ich mit meinen Pferden gegen ihren Willen in ihr Land durfte? Oder weil sie den nagelneuen Verbrennungsofen mit einem meiner Pferde testen wollten? Eines ihrer kürzlich aus Kanada importierten Rinder dafür zu opfern, war ihnen bestimmt zu teuer und jene Schweine, die hier ebenfalls gelandet waren, hatten ja viel kleinere Körper, also waren wohl kein optimales Versuchsobjekt.

 

Das zweite Testergebnis kam. Nun hieß es plötzlich, dass in Puschkins Blut nicht der Arteriitis-Virus selbst, sondern Antikörper desselben gefunden wurden. Ich war nur einen kleinen Augenblick erleichtert - was sollten schließlich Antikörper anrichten, die sowieso nur über einen Geschlechtsakt übertragen werden können. Puschkin ist ein Wallach und auf dem Weg nach Pusan wären wir mit Sicherheit damals keinem koreanischen Pferd begegnet: es gab damals kaum Pferde im Land und wenn, dann nur in ein oder zwei Reitclubs nahe Seoul oder mongolische Pferde auf der Insel Cheju. Aber der Veterinär beteuerte, dass jenes ursprüngliche Urteil also vollstreckt werden müsse...

 

 

Meine letzte Hoffnung war die amerikanische Botschaft. Die Amerikaner hatten viel größeren Einfluss als Schutzmacht dieses "demokratischen" Staates. Und tatsächlich: nach sechs weitgehend schlaflosen Wochen erhielt ich ein Einreisepermit für meine Pferde und mich für die USA. In Los Angeles wollte man selbst den Gesundheitszustand meiner Pferde feststellen, zum Entsetzen des Leiters des koreanischen Quarantäneservice. Schließlich überreichte er mir persönlich die Ausreisepapiere und entschuldigte sich für die Unannehmlichkeiten, die ich in seinem Land erfuhr...

 

Übrigens ist der Arteriitis-Virus so harmlos, dass er nirgendwo sonst beachtet wird. Seine Auswirkungen beschränken sich ausschließlich auf Pferde und gleichen lediglich einer leichten Grippe bei Menschen, die nach kurzer Zeit von selbst geht. Deshalb gibt es auch keine Medikation. Er wird noch nicht einmal in den USA oder Europa beachtet. Ob Puschkin ihn und seine Antikörper jemals hatte, wurde nie festgestellt...

17.06.2019 | 452 Aufrufe