1. Fortsetzung zu: "Schon davon gehört...?"

Rührende Begegnungen in der Westukraine!

Die Westukraine ist sehr ländlich. Dörfer liegen weit auseinander und haben meist einen großen, freien Platz in ihrer Mitte. Er steht jedem Dorfbewohner zur Verfügung. Es ist Grünfläche mit einem großen Teich mittendrin. Darin tummeln sich Enten und Gänse und rundum grasen Ziegen, Schafe, Rinder und manchmal auch Pferde: ohne Einzäunung und meist sogar unangepflockt. Mehrmals kam es vor, dass sich freilaufende Pferde uns anschließen wollten, und selbst in gehobbeltem Zustand verfolgten. Ich hatte viel zu tun, sie abzuwehren. Vielleicht wären sie uns sonst bis nach Sibirien gefolgt.

Stoppten wir unsere Fahrt in einem Dorf, um dort die Nacht zu verbringen, strömte meist die halbe Bevölkerung zu uns. Männer, Frauen und natürlich auch Kinder. Sie waren immer freundlich und nicht selten brachten sie frisches Grünfutter für meine Pferde, denn viele Kolchosen waren noch in Betrieb. Grüner Hafer, gehäckselter Mais, frische Luzerne. Panca und Puschkin schwelgten in Gaumengenüssen.

Für uns Menschen bestand das Abendessen meist aus dem, was hierzulande üblich war: weißer Schweinespeck, Weißbrot und Zwiebeln. Und zum Abschluss meistens ein tüchtiger Schluck Wodka. Gerade begann ich, an das Abendessen zu denken, denn die Pferde waren versorgt, da kam ein alter Mann aus der Nachbarschaft und sprach mich auf gebrochenem Deutsch an: "Hast du Speck?" Ein Würfel war noch in meinem Glas, morgen würde ich neuen kaufen müssen. Also reichte ich dem Mann das Glas. Doch er wehrte ab: "Nein, nein. Komm mein Haus!"

Und ich folgte ihm in seine Lehmhütte. Von einem Regal nahm er ein großes Glas, das bis oben mit weißen Speckwürfeln gefüllt war und reichte es mir. Ich wollte ablehnen, denn dieser Mann war arm. Aber er bestand darauf, es mir zu schenken, denn er war im Krieg in Deutschland und arbeitete auf einem Bauernhof in Bayern. Die Deutschen waren immer freundlich zu ihm und er musste niemals hungern. Deshalb wollte er mir nun als Ausgleich eine Freude machen. Ich war sehr gerührt und umarmte ihn. Da kam seine Frau und drückte mir noch ein großes, selbstgebackenes Brot in die Arme. Nie werde ich diese Begegnung vergessen und ich bitte jeden Tag alle Götter und Geister, dieses sympathische Volk vor den Bedrohungen aus dem Osten zu schützen...

30.01.2022 | 563 Aufrufe