Die kleine große Freiheit

Geht das? Pferde zaunlos weiden zu lassen?

 

Es geht. Wird aber nicht ohne Weiteres zur Nachahmung empfohlen.

Ich habe, wie wohl die meisten von uns Pferdehaltern, nicht gerade Überfluß an Weide für meine geliebten Vierbeiner, die ich seit 1995 am Haus halte.

Zwar sind es inzwischen nur noch zwei kleine Stuten, die zwei Hektar Land zu ihrer Verfügung haben; aber dort wächst ja auch Vieles, was für Pferde ungenießbar oder einfach nicht schmackhaft genug ist. Bäume und Sträucher nehmen auch reichlich Platz ein.

Kurzum, Weide gibt es nie genug. Finden meine verwöhnten Ladies.

Und weil direkt vor dem Koppeltor verführerisches Grünzeug wächst, habe ich sie gehobbelt und draußen grasen lassen. ( Das Hobbeln ist eine praktische Sache, wenn es keine Anbindemöglichkeiten unterwegs gibt. 

 

Nun war der Sommer 2018 extrem regenarm, und der letzte grüne Halm war frühzeitig im Jahr gefressen, ohne daß etwas nachwuchs.

Und jetzt kommt die Schafweide ins Spiel, die an die Ostseite meines Koppelzauns grenzt. Die war nämlich auch im Frühherbst noch grün!!Und der nette Besitzer, der seine Schafe auf eine andere Weidefläche verbracht hatte, bot mir an, meine Pferde dort grasen zu lassen.

Natürlich war ich total glücklich über dieses Angebot.

Aber dann wurde mir klar, daß ich das Grundstück nicht würde einkoppeln können. Nach einigem Nachdenken sagte ich mir:“Pferde sind nicht dumm. Und diese beiden schon mal gar nicht. Was sollte sie davon abhalten, auf dieser Weide zu bleiben und zu fressen? Nichts. Beide sind alte und erfahrene Pferde, die sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen. Ich vertraue ihnen.“

Lucky, die dreißigjährige, erblindete New Forest Stute bekam ein Stallhalfter um, die neunundzwanzigjäjrige Locki, genannt Püppa, blieb ohne; denn sie läuft der Älteren immer hinterher, wenn diese aus ihrem Blickfeld zu verschwinden droht.

Zwei Tage ging's gut. Ich holte sie nach gut zwei Stunden wieder ab, und es gab Kraftfutter.

Beim dritten Mal muß ich zu meiner Schande gestehen, daß ich die beiden auf der Schafweide vollkommen vergessen hatte. Der Anruf meiner Nachbarin: “Jutta, Deine Pferde laufen draußen rum", erinnerte mich daran.

Als ich aus dem Haus kam, war zunächst kein Pferdeschwanz zu sehen.  Schließlich sah ich etwas Blondes am Waldrand auf dem Acker, aus dessen Boden zartes Grün sproß.

Nach dieser Erfahrung hatten sie erstmal einige Tage Hausarrest, bis ich mir eingestand, daß ich sie einfach zu lange allein gelassen hatte.

Jetzt haben sie ihre feste Zeit von 13 h bis 17 h. Dann pfeife ich den Futterpfiff und sie heben immerhin ihre Köpfe, wohlwissend, daß ihre „Freizeit“ jetzt vorbei ist. Beileibe kommen sie nicht auf mich zu. Nein. Ich habe das Vergnügen zu ihnen zu laufen und dann Lucky an den Führstrick zu nehmen und zurück auf meine eigene Weide zu marschieren. Dort stelle ich die Pferde ab und sage:“Wartet," und schließe den Koppelzaun, danach gibt's eine Möhre, und Lucky nehme ich Halfter und Führstrick ab.

Im Gänsemarsch, ich, Püppa, Lucky, geht’s dann zurück. Kurz vorm Haus saust Püppa dann rechtsrum zu ihrer Futterschüssel, während Lucky mir bis zur Haustür folgt, wo ihr Abendessen auf sie wartet.

Dieses Ritual, das wir mit kleinen Abweichungen täglich zelebrieren, wird leider ein Ende finden, wenn im Frühjahr die Weide umgebrochen wird.

Aber im  Augenblick bin ich glücklich, meinen Stuten ein Stück selbstbestimmtes Leben bieten zu können (eben zaunlos).

 

Text und Photos: Hufflüsterin Jutta