21. Anekdote vom historischen und noch immer einmaligen Ritt um die Welt.

 

Die Ausreise aus Südkorea wurde vorbereitet. Nicht Richtung Japan, wie geplant und anschließend nach Westkanada. Diese Staaten waren uns wegen des koreanischen Quarantäneergebnisses versperrt und in Kanada herrschte inzwischen tiefer Winter. Der November neigte sich ja seinem Ende. Nur die USA kam noch infrage und dort ausschließlich Los Angeles, weil es hier die einzige Quarantänestation an der Westküste gab.

 

Das Übersetzen über den Pazifik per Schiff wäre möglich und die billigere Variante. Aber dabei müssten die Pferde wohl 3 Wochen in einem Container stehen - bei vielleicht heftigen Bewegungen des Schiffes. Ich musste an die Importrinder aus Kanada denken, die ich in der koreanischen Quarantänestation sah. Sie mussten die Überfahrt in maßgerecht angefertigten Bretterboxen stehen - konnten sich nie legen, noch nicht einmal den Kopf drehen - keinen Schritt nach vorn oder hinten oder seitwärts machen. Und das zwei bis drei quälende Wochen lang! Das wollte ich meinen Pferden nicht zumuten. Deshalb entschied ich mich für die leider sehr teure Variante - im Transportflugzeug.

 

Ein LKW rollte auf das Gelände der Quarantänestation. Auf seiner Ladefläche war ein Stahlcontainer mit ausgeschnittenen Fenstern festgezurrt. Als Aufstiegshilfe für die Pferde gab es zusammengenagelte Bretter mit quergenagelten Leisten - damit die Hufe Halt finden konnten. Diese behelfsmäßige Konstruktion wurde an das Heck des LKW gelehnt - sehr steil - sehr hoch. Kein Pferd würde hier freiwillig hinaufklettern. Ich führte zuerst Puschkin heran und redete ihm gut zu. Den Einstieg in unterschiedliche Pferdeanhänger hatte er nie verweigert. Doch dieser hier? Er wusste, dass er dort hinauf soll - und drehte ab. Ich versuchte es erneut. Er zögerte. Ein Koreaner kam mit einer 4 Meter langen Stange, mit der er ihn treiben wollte. Eine kürzere zu nehmen, war ihm zu gefährlich. Puschkin sah, dass ich dem Mann verärgert diese Stange wegnahm und fortwarf. War das der Anlass, ihn allen Mut zusammennehmen zu lassen und mit zwei gewaltigen Sätzen hinaufzuspringen? "Was mein Bruder kann, kann ich auch", dachte wohl Panca und sprang ihm nach.

Auf dem Flughafen wartete schon ein Flug-Pferde-Container. Er wurde auf das Niveau der LKW-Ladefläche angehoben. Über einen schmalen Laufsteg marschierten meine Pferd ohne zu zögern hinüber. Dort standen sie nebeneinander wie in einem Straßentrailer, getrennt durch eine Stange. Gepolsterte Brust und Heckstangen gab es auch, das kannten sie längst. Ein Heuballen vor sich - nun konnte passieren was wollte. Meine Nähe gab ihnen alles Vertrauen.

Erst, als der Container zum Flugzeug gezogen wurde, hochgehoben und schließlich hineingerollt, musste ich sie allein lassen. Aber nicht lange, denn ich durfte als einziger Passagier ebenfalls mitfliegen und während des Fluges meine Pferde besuchen, so oft ich wollte. Ich tat es immer wieder und sah jedesmal zwei völlig entspannte Pferde, die trotz der Finsternis im riesigen Frachtraum und der nahen Geräusche der Triebwerke dieses "Jumbo Jet" ruhig das Heu fraßen.

Wir überquerten Südkorea, das Japanische Meer, dann Japan und schließlich den Nord-Pazifik. Einchecken in die USA geschah in Anchoridge-Alaska. Wir landeten bei heftigem Schneetreiben. Ich musste zum Immigration-Service und beweisen, dass ich nicht illegal einwandern wollte, also über eigene Geldmittel verfügte. Aber "oh Schreck!" - ich hatte mein Geld im Versorger vergessen, der mit dem Schiff nach Los Angeles gebracht werden sollte. Ich konnte also nicht beweisen, dass ich mich aus eigenen Mitteln versorgen konnte. Wie atmete ich auf, als ich Verständnis bei diesen Beamten fand. Beamte, die auch mal ein Auge zudrücken konnten, hatte ich schon lange nicht mehr erlebt. Hier glaubte man meinen Beteuerungen.

In Höhe des allseits bekannten Schriftzuges "Hollywood" schwebten wir über Los Angeles ein. Wieder wartete ein LKW, auf dessen Ladefläche der Container gehoben wurde. Auf der Fahrt zur hiesigen Quarantänestation durfte ich zu meinen Pferden in den Container. In der vorderen Fensteröffnung konnte jeder nun drei Köpfe sehen: eines Mannes und seiner zwei geretteten Pferde.

 

Vier Tage sollte hier die Quarantänezeit betragen. Jeder weiß, dass die Quarantänebestimmungen der USA streng sind. Doch irgendwie spürte ich keinerlei Angst vor dem Ergebnis...

08.07.2019 | 298 Aufrufe