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DIE Zusammenfassung aller Anekdoten vom Ritt um die Welt

 

Seit Oktober 2017 veröffentlichte ich hier unter "News" in unregelmäßigen Abständen einige Anekdoten von meinem Ritt um die Welt.

Sie sind oft aufgerufen und gelesen worden, doch aufgrund der manchmal langen Pausen blieben sie ziemlich unzusammenhängend.

Auf wiederholten Wunsch meiner geschätzten Leserschaft sollen sie nun hier geordnet zusammengefasst werden.

Bitte beachte aber, dass diese Anekdoten nur einen kleinen Teil aller Erlebnisse und Ereignisse wiedergeben können, denn bei einem Abenteuer dieser Art, das niemals vorgeplant sein konnte, brachte jeder einzelne Tag in viereinhalb Jahren Reisezeit, irgendeine mehr oder weniger spannende Gefahr. Deshalb wurde das nach Tagebuchaufzeichnungen entstandene Buch "Mit zwei Pferden um die Welt" bemerkenswert umfangreich.

Beim Lesen dieser Anekdoten wünsche ich allen Lesern viel Vergnügen und hoffe, den Wunsch nach dem Gesamtabenteuer zu wecken:

 

1.

Mittagsrast neben der Straße, die sich in Polen nahe der weißrussischen Grenze nach Süden zieht. Ein Ortspolizist kontrolliert unsere Pässe. Das erschreckt meinen Begleiter Pawel, einen alkoholsüchtigen Ukrainer. Er muss wohl auf irgendwelchen Fahndungslisten stehen. Der Polizist fragt nach Waffen. Ich verneine und deute auf mein Seitenmesser am Gürtel. Er verlangt die Aushändigung und fragt erneut nach Schusswaffen. Pawels Nerven sind dünn, er gibt zu, dass ich im Gepäck eine Schreckschusspistole habe. Nun muss ich auch die rausrücken. Mit Waffen und Pässen fährt er davon.

 

Ich muss Pawel beruhigen, er gerät in Panik. Er will zurück in die Ukraine flüchten. Doch ohne Pass? Mit zitternden Händen steckt er sich eine Zigarette nach der anderen an.

Ein weiterer Polizist kommt auf einem Motorrad. Straßenpolizei diesmal. Auch er verlangt die Pässe.

Wir erklären, dass sein Kollege von der Ortspolizei sie in den nahen Ort mitgenommen hat. Er bleibt bei uns, bis der Ortspolizist mit einem Waffenspezialisten anrückt. Ich hoffe, dass nun alles geklärt ist und ich meine Ausrüstung zurückbekomme. Aber weit gefehlt. Ein Jeep mit vier Grenzpolizisten stoppt oben auf der Straße, einer mit einer Maschinenpistole im Anschlag.

 

Pawel zittern die Knie. Die Polizisten diskutieren miteinander, ich kann nichts verstehen. Die Grenzpolizisten schütteln grinsend ihre Köpfe und ziehen ab, genau wie der Straßenpolizist mit seinem Motorrad. Der Ortspolizist macht immer noch ein grimmiges Gesicht, ist unerbittlich. Er glaubt, einen großen Fang gemacht zu haben. Dann kommt ein Auto mit drei Zivilisten. Der Ortspolizist übergibt ihnen unsere Papiere und die Waffen und besteht auf Durchsuchung unseres Planwagens.

Das Trio ist von der Kriminalpolizei und ganz offensichtlich von dem Gehabe des Ortspolizisten genervt. Sie merken längst, dass wir harmlos sind, müssen nun aber das Spiel mitmachen. Im Wagen entdecken sie meine Reservemunition und die Signalpatronen. Alles kommt in einen Beutel und ich muss mitkommen. Ich bin verhaftet...

Sie bringen mich über 30 Kilometer entfernt auf das Kommissariat von Wlodawa. Unterwegs schimpfen sie auf den Ortspolizisten, der ihnen so viel unnütze Arbeit bescherte. Es werden Protokolle geschrieben, die Munition gezählt und die Klingenlänge des Messers festgestellt. Ich muss das Konfiszierungs-Protokoll unterschreiben und der Hauptkommissar zieht die Waffen ein. Sie wären in Polen genehmigungspflichtig und ich hätte sie an der Grenze zum Eintrag in meine Papiere vorlegen müssen.

 

Hoffentlich kann ich wenigstens bald zurück, ich mache mir Sorgen um die Tiere und die Ausrüstung. Vielleicht ist Pawel längst über alle Berge in seiner Panik und hat alles einfach stehen lassen?

Sie bringen mich ins Justizgebäude. Ein Richter, zwei Beisitzerinnen und ein Dolmetscher warten schon. Ich muss auf der Anklagebank Platz nehmen. Der Richter verliest meine Personalien und fragt mich nach Familie, Beruf und Einkünften. Ein Polizist ist Ankläger und stellt die Strafforderung: 120 Zloty und Konfiszierung der Waffen. Als man mich auffordert, Stellung zu nehmen, gestehe ich freimütig meine Schuld. Ich habe nicht gewusst, dass diese Waffen in Polen genehmigungspflichtig seien, aber ich hätte mich besser informieren müssen. Gleichzeitig bitte ich um Milde, denn bald käme ich in Länder, in denen ich sicherlich größeren Gefahren ausgesetzt sein würde.

Dann berichte ich von meinem Vorhaben und auch davon, wie freundlich ich überall in Polen aufgenommen wurde und wie gastfreundlich und hilfsbereit die Menschen hier seien.

Der Dolmetscher hört sehr aufmerksam zu und übersetzt sehr genau, denn deutlich kann ich Mitgefühl in den Gesichtern des Gremiums erkennen. Der Polizist macht einen gedrückten Eindruck und ihm ist die Angelegenheit sichtlich unangenehm.

 

Man bittet ihn und mich, den Raum zu verlassen, damit das Gericht beraten kann. Nach fünf Minuten werden wir hereingerufen. Alle erheben sich für den Richterspruch: “Der Angeklagte ist schuldig nach Paragraph... Das Strafmaß: 2 Zloty, um dem Paragraphen gerecht zu werden! Angesichts der außergewöhnlichen Umstände sind die Waffen wieder auszuhändigen.”

Ich bin sprachlos. Dann bitte ich noch einmal ums Wort und gestehe, wie gerührt ich bin angesichts von so viel Menschlichkeit, die mir hier in Polen widerfährt. Mir bricht vor Erleichterung die Stimme und deutlich kann ich Tränen der Rührung in den Augen der Beisitzerinnen sehen. Zum Abschied drücke ich allen die Hand und bedanke mich herzlich. Dann werde ich auf das Kommissariat zurückgebracht und man händigt mir die ‚Waffen’ aus. Ich solle sie aber nicht am Körper tragen und in Polen nicht benutzen. Ich solle sie versteckt halten, denn nachträglich in meine Papiere eintragen könne man sie leider nicht, das gehe nur an der Grenze.

Ich bin besorgt um meine Pferde und bitte den Hauptkommissar, mich gegen Taxigebühr zurückzufahren. Er erklärt sich bereit, doch müsse er erst seiner Frau Bescheid geben und die hat gerade das Essen fertig. Meine Ungeduld wächst ins Unerträgliche, aber ich darf nicht unhöflich sein. Ich bin zum Essen eingeladen und endlich gehen wir zum Auto. Sein kleiner Sohn kommt mit.

Als wir den Rastplatz erreichen, weicht mir alles Blut aus dem Gesicht. Keine Pferde, kein Wagen, kein Pawel. Ich bitte den Kripo-Chef, zu jenem Bauern hinüberzufahren, dem die Wiese gehört, vielleicht wisse der etwas. Auf seinem Hof sehe ich schon von Weitem zwei dunkle Pferde stehen. Panca und Puschkin, denke ich, doch als wir heran sind, entdecke ich den Irrtum. Aber der Bauer kann uns Auskunft geben: Pawel musste alles aufs Ortsrevier bringen. Schnell fahren wir dorthin, ich zittere vor Aufregung. Und sehe endlich auf dem Grundstück des Polizeireviers den Wagen und voller Erleichterung Panca und Puschkin weiden. Aber von Pawel keine Spur. Hat er tatsächlich das Weite gesucht? Ohne Pass?

Der Hauptkommissar und sein Sohn verabschieden sich in Freundschaft und von Bezahlung der Fahrt will er nichts wissen. Er hat meine Ängste miterlebt und fühlt mit mir.

Dann mache ich mich auf die Suche nach Pawel. Der Bahnhof ist geschlossen. Auch in keiner Bar entdecke ich ihn. Endlich sehe ich ihn in Begleitung eines jungen Mannes die Straße überqueren. Sie gehen zum Revier, denn sein Begleiter ist Straßenpolizist und wohnt im Gebäude. Pawel berichtet von seinen Befürchtungen, ich würde vielleicht für mehrere Tage eingesperrt werden. Der Straßenpolizist hatte ihm geholfen, die Pferde einzuspannen und in die Stadt zu bringen.

Am nächsten Morgen erhalte ich die Pässe aus der Hand des Urhebers dieses unangenehmen Erlebnisses. Er zeigt keinerlei Reue ob seiner völlig übertriebenen Aktion.

 

 

2.

Ich war gewarnt worden vor der ausufernden Kriminalität in Osteuropa. Als Polizisten verkleidete Banditen in Polen z.B. - Denen begegnete ich nicht. In der Ukraine sollte es noch schlimmer sein und auch die Korruption, versteckt unter Beamten und Uniformträgern. Und je weiter ich dort nach Osten vorankam, um so heftiger wurden die Versuche, sich an meinen bescheidenen Mitteln zu bereichern

 Man hatte mich auch vor Gewalttaten gewarnt, wenn ich Forderungen ignorieren würde. Morde für wenig Geld seien an der Tagesordnung. Eine Leiche verschwinden zu lassen, ist leicht. Nachforschungen der Polizei wären äußerst nachlässig. Einige Freunde in Deutschland sagten beim Abschied: "Dich sehen wir garantiert nie wieder". Aber ich wollte meinen Traum einfach nicht aufgeben.

In der Westukraine baute ich abends die Elektrokoppel für die Pferde - hinter einem dünnen Baumgürtel neben einer Überlandstraße. Ein Streifenwagen mit drei Polizisten entdeckte uns. Sie kamen herunter und verlangten die Pässe. Aber sie waren freundlich und als sie meinen Plan hörten, rieten sie mir, lieber in das nächste Dorf zu fahren. Hier würden uns bewaffnete Banditen bedrohen.

Im Dorf spürten wir sofort eine große Hilfsbereitschaft. Der Bürgermeister wies uns einen Platz im Luzerneacker der Kolchose zu: Panca und Puschkin standen bald inmitten der 1-Meter hohen Luzerne und fraßen sich die Bäuche rund. Dann besuchte uns die wahrscheinlich komplette Dorfbevölkerung. Jeder brachte ein Geschenk: Eier, Speck, Brot, Gemüse, Kartoffeln. Ich war überwältigt. Als wir am nächsten Morgen wieder durch das Dorf fuhren, standen sie vor ihren Häusern, winkten und waren stolz, etwas Deutsch zu kennen: "Auf-wiederrr-sähen!"

In einem anderen Dorf ein paar Tage später wies man uns den großen Dorfplatz zu. Ich saß noch auf dem Kutschbock, als ein alter Mann zu mir kam und in gebrochenem Deutsch nach Speck fragte. Ich hatte noch einen Würfel, den bot ich ihm an. "Nein, nein", sagte er. "Komm mein Haus". Und er führte mich an den Rand des Platzes, wo seine Lehmhütte stand. Drinnen bestand der Fußboden ebenfalls aus festgestampftem Lehm, es war sehr sauber und ordentlich in der Hütte. Er holte aus einem Regal an der Wand ein großes Glas voller Speckwürfel und reichte es mir. Ich erschrak und wollte es nicht annehmen, denn diese Menschen waren sehr arm. Seine Frau reichte mir obendrein noch ein großes, selbstgebackenes Brot. Aber sie bestanden darauf, dieses Geschenk anzunehmen und er erklärte mir den Grund: "Im Krieg war ich in Deutschland und arbeitete auf einem Bauernhof. Die Leute waren immer freundlich zu mir und ich brauchte nie hungern, obwohl sie auch nicht viel hatten in dieser Zeit. Nun kann ich endlich meine Dankbarkeit zeigen."

In der Ostukraine aber, die heute so umkämpft ist, war alles anders. Hier lebten Russen, die sich als Herren fühlten und die Westukrainer verachteten. Man spürte es bei jeder Begegnung, sah es in jedem Gesicht. Besonders die Jugend war frech und ungezügelt. Als wir am Straßenrand die Reste einer frisch geschlachteten Kuh sahen, wurde mir unheimlich. Der abgetrennte Kopf und die Füße lagen neben der Kette, an der die Kuh fest war. Arme Bauern ohne eigenes Land ließen ihre meist einzige Kuh an der Straßenböschung weiden, jeden Tag an einer neuen Stelle. Nun hatten diese Leute wahrscheinlich keine Milch mehr für ihre Kinder. Iwan erklärte mir, dass es keinerlei Sozialhilfen und kaum Rente gab. Das erwirtschaftete Geld des Staates verschwand in den Taschen der oberen Schicht.

Und an der Grenze zu Russland hier im Donbas wurde auch ich Opfer der uniformierten Geldgier: meine letzten Grivna musste ich opfern, um weiter zu dürfen. Iwan war sehr erbost. Er war Westukrainer, die Abzocker aber russischstämmig. Später im fernen Sibirien wurde er sogar als "ukrainski Swinja" beschimpft: ukrainisches Schwein.

Aber keine Angst. Auch in Russland erlebte ich viel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. In den Dörfern überall. Leider selten in Städten.

3

Das Jahr geht zu Ende, die Tage sind kurz geworden. Jeden Tag wird es kühler und fast jeden Tag regnet es. Eine Zeit, in der man sich nach Ruhe und Geborgenheit sehnt. Jetzt sind wir schon fast sieben Monate unterwegs. Auf der Landstraße zwischen Don und Wolga finden wir kaum noch Möglichkeiten, eine lukrative Koppel für die Pferde zu bauen. Nur Wälder oder riesige Felder, die abgeerntet und umgepflügt sind - keine Wiesenflächen mehr. Wolgograd ist nicht mehr weit.

Die Dämmerung setzt schon ein und noch immer kein geeigneter Platz. Rechts und links der Straße hohe Bäume und dahinter ein tiefer Straßengraben. Da - endlich: eine Zufahrt über den linken Graben. Ein rot-weißer Schlagbaum ist da, doch steht er offen. Ein Schild mit kyrillischer Aufschrift besagt: "Militärisches Sperrgebiet! Betreten verboten." Aber dahinter erstreckt sich Weideland.

Iwan weigert sich, dorthin zu fahren, er fürchtet sich. Ich tue es trotzdem. Hundert Meter hinter der Weide ist eine Mauer um ein riesiges Gelände und dahinter sind die Dächer von Kasernen zu sehen. "Schnell Koppel aufbauen - wenn die steht, lässt man uns vielleicht ungeschoren", sage ich und nie waren wir bei dieser Arbeit schneller. Kaum sind die Pferde frei und genießen das üppige Gras, da öffnet sich das große Tor in der Mauer und zwei Soldaten kommen im Stechschritt mit geschultertem Gewehr herüber. Der Kommandant befiehlt uns zu sich.

Ich sage: "Iwan, geh Du. Mein Russisch ist zu schwach." Iwan ist leichenblass. Sie nehmen ihn in die Mitte und führen ihn ab. Nach einer halben Stunde bringen sie ihn genauso zurück und Iwan sagt: Bis um sieben morgen früh dürfen wir bleiben, dann beginnen Schießübungen und wir müssen verschwunden sein. Na gut - da ist es zwar noch dunkel, doch nicht mehr lange. Wir machen im Planwagen Tee für das Abendessen.

Plötzlich wird die vordere Plane angehoben, ein großer Mann und eine kleine Frau in Zivil stehen davor. Der Mann sagt: "Ich Kommandir. Bitte komm mein Haus." Im Schein einer Taschenlampe führen sie mich auf das Kasernengelände. Der wachhabende Soldat steht stramm. Das Haus des Kommandanten ist von einem riesigen Tarnnetz abgedeckt. Drinnen ist es warm und gemütlich. Der Vater von Boris Nikolajewitsch schaut mit strengem Blick. Er mag keine Deutschen, vielleicht hat er den wahnsinnigen Krieg hier kennengelernt. Er zieht sich zurück. Der Kommandant legt ein geschliffenes Glas vor mich auf den Tisch. Es hat die Größe und Form eines Kuhhorns, hat keinen Griff und keinen Fuß. Ich soll es in die Hand nehmen. Dann schüttet er Wodka hinein. Er ist gnädig, füllt es nur zur Hälfte: etwa einen halben Liter. Einem Russen würde er bestimmt den ganzen Liter einfüllen. Dann sagt er: "Tradizija Rossija. Neuer Gast muss Rog austrinken. Na sdarowje."

Ich rede mir ein, dass es Wasser sei und schaffe es tatsächlich, ohne abzusetzen. Boris Nikolajewitsch ist zufrieden und ich froh, dass seine Frau sofort beginnt, den Tisch zu decken. Viele fette und reichliche Speisen helfen mir, zu überleben. Und tatsächlich kann ich noch gerade gehen, als ich wieder flankiert von neuen Freunden, im Licht der Taschenlampe um Mitternacht zurückgebracht werde. Von Aufbruch um sieben ist nicht mehr die Rede.

Ich denke gern an diese Leute zurück, die misstrauisch aber neugierig auf die Öffnung ihres Landes nach Westen waren. Leider haben die jetzigen Machthaber aus Angst, sie könnten auf der Welt nur die Zweitgrößten sein, die Zukunft dieses weitgehend symphatischen Volkes (Nein, nicht wegen Wodka!) für Jahrzehnte, vielleicht sogar für mehrere Generationen, verbaut.

 

4

Seit der Winterpause in Südrussland sitze ich wieder im Sattel. Die Rücksichtslosigkeit der osteuropäischen Autofahrer war oft haarsträubend - nun kann ich meist neben den Straßen oder querfeldein reiten. Zur optimalen Versorgung der Pferde lasse ich etappenweise ein Fahrzeug mit Hänger vorausfahren. Der Russe Ljoscha steuert es. Er ist jung und stark und prahlt mit seinen Kräften, die uns bestimmt bei Begegnungen mit "Recketts" helfen werden.

 

Organisierte Straßenräuber nennen sich so. Sie stoppen Autos, denn wer ein Auto fährt, muss Geld haben. Sie treten in Gruppen mit bis zu fünf Personen auf und behaupten, das Geld für soziale Zwecke zu benötigen. Aber jeder weiß, dass sie es für Wodka und Drogen brauchen.

 

Hinter Orsk finden wir einen guten Rastplatz direkt neben einer Asphaltstraße. Eine große Grasfläche ist unterhalb der Böschung, die koppele ich ein. Hier wollen wir einen Ruhetag einlegen. Aber seltsam unruhig sind die Pferde. Am nächsten Tag erfahre ich, dass in der Nähe vor kurzem ein Mann mit durchschnittener Kehle aufgefunden wurde. Haben die Pferde das gespürt? Vielleicht noch das Blut gewittert? Oder spüren sie die Gefahr durch Straßenräuber, die hier sehr rührig sind? Noch am Abend besuchen uns zwei. Ljoscha ist seltsam zurückhaltend. Iwan, der Ukrainer, der als Dolmetscher dienen soll, erklärt ihnen aber, dass ich Journalist bin und über meine Erlebnisse in Deutschland berichten werde. Das hilft. Auch bei den nächsten zwei, die uns in der Nacht besuchen.

 

Am nächsten Tag aber sind es vier, die auf der anderen Straßenseite einen LKW-Konvoi stoppen. Tatsächlich gelingt es ihnen, von den acht Kraftfahrern Rubel im Wert von 120 DM zu erpressen. Das konnte nur mit Waffengewalt gelingen. Dann kommen sie nach und nach zu uns herüber. Ihr Anführer ist besonders aggressiv und steht sichtbar unter Drogen. Er will sich nicht abweisen lassen. Ljoscha versteckt sich hinter dem Auto. Iwan ist leichenblass, bleibt aber tapfer stehen, weicht nicht zurück. Ich dränge mich dazwischen. Jetzt bin ich das Ziel. Er zischt mich wütend an. Seine Nasenspitze an meiner, spritzen mir seine zerkauten Sonnenblumenkerne ins Gesicht: "Rubel! Dawai!" Ich sage:"Njet". Immer wieder. Er geht zu meinem Auto, möchte die Tür öffnen. Wieder stelle ich mich dazwischen. Er schäumt, droht zu explodieren. Ich weiß, dass ich seine Aggressivität nicht erwidern, die Augen nicht senken, keinen Schritt zurückweichen darf. Ich bete, dass endlich ein Streifenwagen auftauchen möge. Aber es kommt keiner. Endlich taucht ein PKW auf. Ich gehe zur Straße, um ihn zu stoppen. Da geben sie endlich auf: seine drei Begleiter ziehen ihn zu ihrem Lada, der angeschoben werden muss. Jetzt kommt auch Ljoscha hinter dem Auto hervor.

 

Weil wir noch eine Nacht hier bleiben wollen, fahre ich mit Iwan in die Stadt auf ein Polizeirevier und bitte um Schutz. Ob ich denn keine Waffe habe, wollen die Polizisten wissen. Ich erinnere mich an die Verhaftung in Polen und verneine. Hätte ich diese Schreckschusspistole gezogen, würde ich diesen Überfall bestimmt nicht überlebt haben. Wir nennen das Fahrzeugkennzeichen, doch sie sagen, es handele sich um ein Fahrzeug aus einem anderen Bezirk, da können sie nichts machen. Und zusätzliche Streifen fahren können sie auch nicht, weil das Geld dazu fehlt. In der nächsten Nacht kommen sie trotzdem gegen Mitternacht. Dann sitzen sie zwei Stunden in meinem Auto und ich erfahre bei deutschem Bier, dass ihnen der Oberanführer sogar namentlich bekannt ist und wenn der uns stoppen würde, gäbe es keine andere Möglichkeit, als doch zu bezahlen. Hier wurde sehr deutlich, dass die Polizei nicht daran interessiert ist, die Recketts zu bekämpfen. Warum, ist natürlich klar: sie bekommen ihren Anteil!

nichts wie weg!

endlich in Sicherheit!

 

5

Im westlichen Kasachstan gibt es weder Bäume noch Sträucher in der endlos erscheinenden Steppe. Und auch keine Hügel oder gar Berge. Der Horizont ist rundum ein gerader Strich. Wochenlang wandern wir in dieser öden Landschaft und es ist Frühling. Plötzlich tauchen rote Punkte im riesigen, grünen Teppich auf: wilde Tulpen zeigen sich und täglich werden es mehr. Bald auch gelbe, gelb-rote und andere Farben. Dann sogar ganze Büschel von blauen Irisblüten. Manchmal erhebt sich bei unserer Wanderung ein Duft von geknickten Kräutern, der mich an Thymian und Majoran erinnert. Ich staune über diese Vegetation. Hier also ist der Ursprung dieser Blumen und Kräuter? Und sicher noch vieler weiterer, die sich in den nächsten Wochen und Monaten zeigen.

 

 

Irgendwelche Zivilisationen sind über lange Zeit rar. Selten ein Dorf, Städte erst später in der nördlichen Mitte des riesigen Landes. Stattdessen manchmal eine "Totschka": Außenstationen von Kolchosen, die zur Nutzung der menschenleeren Steppe errichtet wurden. Ackerbau zu betreiben, hat sich als zwecklos erwiesen. Nur Viehhaltung ist in manchen Regionen ein wenig erfolgreich: Rinder, Kamele, Schafe und Ziegen. Die betreibenden Familien sind in ihrer Abgeschiedenheit gastfreundlich und hilfsbereit. In der Nähe einer Totschka sind wir beschützt und fühlen uns sicher.

 

 

Im Herbst hatte ich meinen Pferden die Hufeisen abgenommen, damit sich die Hufe erholen konnten. Und barhuf startete ich im Frühjahr, um die Pferde erst wieder zu beschlagen, wenn es notwendig werden würde. Das war tatsächlich erst nach 2.800 Kilometern notwendig, denn der feinsandige Steppenboden mit seinen Gräsern minimierte den Abrieb des Hufhorns gewaltig und führte außerdem zu einer erstaunlichen Verhärtung.

 

 

Gespräche im Süden Russlands hatten mich auf das vorbereitet, was uns in Kasachstan erwarten würde. Ein Teil dieser Informationen war, dass es in diesen flachen Steppengebieten vor allem im Frühjahr oft heftige Ostwinde geben würde. Aber da ich nun wieder reitend unterwegs war, beunruhigte mich das nicht. Erst, als uns rollende Krautbüsche entgegen kamen, vom Ostwind getrieben, hüpfend wie Kängurus, doch erheblich schneller und vor den Pferden nicht stoppend, erkannte ich diese neue Gefahr. Es waren nicht einzelne Krautbüsche, die im Winter abgestorben und vom Wind losgerissen wurden, sondern hunderte /tausende - so weit das Auge reichte! Umkehren oder irgendwohin auszuweichen, war nicht möglich - sie kamen überall herangerauscht. Die Pferde gerieten in Panik und gingen durch. Ich saß auf einem und hatte das andere am Handseil. Sie jagten mit mir über die Steppe, sprangen immer wieder über jene Büsche hinweg, die vor ihren Hufen vorbeijagten. Aber sie blieben zusammen - nicht auszudenken was geschehen wäre, wenn sie unterschiedliche Richtungen genommen hätten - oder mich verloren! Endlich tauchte die nächste Totschka auf und davor stand mein Versorger, der vorausgefahren war. Hinter dem schützenden Fahrzeug stoppten die Pferde - wir waren in Sicherheit!

 

 

Hier wird in unregelmäßigen Abständen über jene Erlebnisse berichtet, die besonders in Erinnerung blieben. Es sind natürlich nur wenige. Das gesamte Abenteuer findet sich in dem Buch "Mit zwei Pferden um die Welt". Klicke für weitere Informationen auf der hp "www.weltumreiter.de" den Bottom "Bücher-DVD",und bedenke: Für die meisten und überraschenden Momente im Leben gibt es keine Bilder, denn in Paniksituationen an die Kamera zu denken, ist meist unmöglich.

 

6

Im östlichen Norden Kasachstans beleben endlich wieder Bäume die flache Steppenlandschaft: sibirische Birken in Gruppen auf riesigen Acker- und Weideflächen. Es ist Hochsommer und heiß. Wo die Gräser hoch stehen, gibt es sogar silbriges Grün, doch meist ist alles längst vertrocknet und gelb-braun - bis zum Horizont. Und plötzlich erheben sich in der Ferne Rauchwolken in breiter Front: Steppenbrand. Und der stetige Wind treibt das lodernde Feuer auf uns zu. Das Band der asphaltierten Straße nebenan wird es bestimmt nicht aufhalten können. Ich treibe die Pferde an und hoffe, bis zum Abend dem Flächenbrand entkommen zu können. Bestimmt wird es eine schlaflose Nacht werden, denn diese Feuer zeigen sich fast täglich irgendwo am Horizont. Manchmal reiten wir stundenlang über schwarze Aschereste und der Brandgeruch beißt in der Nase. Nur gut, dass abends der Wind einschläft und hoffentlich das Feuer stoppt.

Warum zeigen sich eigentlich immer wieder diese Feuer in der Landschaft? Entstehen sie selbst durch die Brennglaswirkung weggeworfener Wodkaflaschen? Oder sind sie absichtlich gelegt, um neuer Vegetation eine Starthilfe zu geben? Den Birkengruppen schaden sie jedenfalls nicht. Deren Füße werden nur ein wenig geschwärzt. Aber vielleicht will man damit die extreme Mückenplage bekämpfen?

Ja, Mücken sind wirklich hier in Sibirien von besonderer Bedeutung. Wo das Steppengras hoch steht, steigen sie in gewaltigen Wolken auf, wenn irgendwelche Warmblüter hindurch stapfen. Und wenn tagsüber Wolken den Himmel bedecken und der Sonne den Blick auf die Erde verwehren, dann sind sie täglich vierundzwanzig Stunden aktiv und fordern überall Blutzoll. Wenn wir dann wandernd unterwegs waren, schützten sich meine Pferde selbst: sie galoppierten pausenlos - stundenlang! Ich staunte über ihre Kondition, die ich bis dahin offensichtlich weit unterschätzt hatte. An vier Tagen hintereinander legten sie täglich über sechzig Kilometer zurück. Dann beendete endlich die Sonne diese Qual und erst am Abend begann sie erneut.

Ich hatte von dieser Plage in Sibirien gehört und deshalb verschiedene Insektenschutzmittel mitgenommen. Leider war keines darunter, dass länger als dreißig, höchstens sechzig Minuten wirksam war. Deshalb griff ich zu Mitteln, die hierzulande in Extremfällen eingesetzt werden: innerhalb der Nachtkoppel entzündete ich ein kleines Rauchfeuer mit getrockneten Kuhfladen, die überall zu finden waren. Brannten sie zu schnell und entwickelten zu wenig Rauch, dann feuchtete ich die Fladen an - und weil Wasser immer knapp werden konnte - mit einem gezielten Urinstrahl. Der sanfte Abendwind trieb den Qualm flach über die Steppe und die Pferde lernten schnell, dass sie im Rauch vor den Plagegeistern geschützt waren und konnten friedlich dösen.

Hier wird in unregelmäßigen Abständen über jene Erlebnisse berichtet, die besonders in Erinnerung blieben. Es sind natürlich nur wenige von vielen. Das gesamte Abenteuer findet sich in dem Buch "Mit zwei Pferden um die Welt". Klicke für weitere Informationen auf der hp "www.weltumreiter.de" den Bottom "Bücher-DVD",

und bedenke: Für die meisten und überraschenden Momente im Leben gibt es keine Bilder, denn in Paniksituationen an die Kamera zu denken, ist meist unmöglich.

 

7

Im Nordosten Kasachstans, nicht mehr weit vor der russisch-sibirischen Grenze habe ich endlich die letzte kasachische Stadt hinter mir. Wieder ist die Besiedlung sehr dünn und hier zu reiten, ohne Zäune oder andere Behinderungen, nur die wechselvolle Landschaft rundum, ist herrlich. Selten ein lärmendes Auto in der Nähe, kein Flugzeug am Himmel - nur die Stimmen der Natur, das Trommeln der Pferdehufe auf festem Boden, das Knarren des Sattels und das Klirren des Zaumzeugs - wie schön kann doch das Leben sein. Dann ein Bach mit Süßwasser und die Pferde saufen sich satt, gehen anschließend weit im Bach entlang.

Plötzlich taucht ein berittener Hirte auf. Er ist neugierig, denn ich bin völlig anders gekleidet und ausgerüstet als ein Kasache. Wir kommen ins Gespräch. Mit meinem dürftigen Russisch geht es gerade so, seine Einladung zu seiner Familie entgegenzunehmen.

Die lebt nicht weit entfernt an meinem Weg. Ein einsamer Viehzüchterhof mit Pferchen für die vielen Tiere, die ringsum in der hügeligen Steppe weiden. Ich werde herzlich aufgenommen und bewirtet. Panca und Puschkin dürfen in dem riesigen Pferch das reichliche Gras abfressen. Ein Schaf wird geschlachtet und die Fleischteile gekocht: Nomadentradition. Dazu köstliches Brot aus dem Lehmofen im Hof, Tee aus dem Samowar, Sahne und Kefir. Die Familie ist glücklich über die Abwechslung und heute darf ich nicht weiter.

Ein halber Tag vergeht ohne weiteres Vorankommen. Aber was macht das schon? Ich will ja nicht hetzen, sondern Länder und Menschen kennenlernen.

Und als ich am nächsten Morgen Abschied nehme, kommt eine Einladung zum weit größeren Rest seiner Familie im fünfzig Kilometer entfernten Dorf. Dort leben die Brüder dieses Mannes mit ihren Familien und sein Vater, der am Abend seinen 60. Geburtstag feiert. Ich müsse unbedingt an dem Fest teilnehmen, denn es werden auch kasachische Reiterspiele stattfinden, sagt Shanbek.

Beim Galopprennen der Jüngsten gewinnt jenes Bürschchen von 10 Jahren, dass mit seinem Pferd am fleißigsten trainierte. Der Siegerpreis ist ein weißes Pferd und ein riesiger Teppich.

Es folgen berittene Kämpfe um eine frisch geköpfte Ziege und paarweise Bemühungen, den Gegner an seinem Hosengürtel aus dem Sattel zu zerren.

Am Abend beginnt die Geburtstagsfeier. Ein Festzelt ist im Hof aufgebaut und an verschiedenen Tischen nehmen 200 Gäste Platz. Die Tische biegen sich unter der Last diverser Speisen und Getränke. Mehrere Rinder und Schafe mussten ihr Leben lassen. Kasachen sind Muslime. Deshalb darf der veranstaltende Sohn zwei Frauen haben, die sich erstaunlich gut miteinander verstehen. Er bittet mich an seinen Tisch, zehn Personen sitzen ringsum, Frauen und Männer gemischt, wie an allen anderen Tischen auch. Eine große, dampfende Platte mit einem Berg aus Teigfladen, verschiedenen Fleischteilen, Sauergemüse und Soße wird in die Mitte des Tisches gestellt. Es ist Bischbarmak, ein Traditionsgericht (übrigens auch mit Pferdefleisch) und der Start für viele weitere Köstlichkeiten. Mit den Händen wird es gegessen, jeder ringsum greift sich von der Platte, nachdem er den rechten Ärmel hochgekrempelt hat. Mein Gastgeber ist sehr rücksichtsvoll: eine seiner Frauen reicht mir einen Teller und Messer und Gabel.

Trotz ihres hier nicht so strengen Glaubens verschmäht niemand alkoholische Getränke: Wein, Kognak und Wodka rinnen in Strömen. Mein Problem ist, dass jeder mit mir anstoßen möchte: ich muss gar als besonderer Gast von Tisch zu Tisch gehen und mindestens überall ein Glas leeren. Gott sei Dank sind die Wodkagläser nicht so groß wie nebenan in Russland. Und einen Ausgleich gibt es auch: Musik spielt auf und jede Frau (und das sind sehr viele), möchte unbedingt mit mir tanzen. Hoffentlich hinterlasse ich keinen allzu schlechten Eindruck dabei, denn ich halte mich für einen miserablen Tänzer. Die Männer dieser Frauen beobachten argwöhnisch ihre übermütigen Frauen, doch irgendwelche Streitigkeiten bleiben aus. Jedenfalls heute bei dieser Feier...

Mitternacht ist längst vorbei, als alles nach draußen in den Hof drängt. Zeit für mich, ein wenig wankend Abschied zu nehmen und den Rest der Nacht im Versorger in einen bleiernen Schlaf zu fallen. Am Morgen bin ich froh, die Pferde wieder satteln zu können und mit ihnen weiter nach Osten zu ziehen...

 

8

Die uralte Landkarte aus Sowjetzeiten zeigt, dass die einzige Straße zum russisch-mongolischen Grenzübergang im Altaigebirge oft nicht reitbar sein kann. Eng zwischen gewaltigen Felsen ohne Ausweichmöglichkeiten vor beängstigendem Straßenverkehr - für die Pferde kann das nur viele Tage andauernden Horror bedeuten. Und wie rücksichtslos russische Trucker sein können, habe ich oft genug erlebt. Also suchte ich eine Alternative, um diesen Straßenabschnitt zwischen der Hauptstadt des Altaisky Kraj, Gorno Altaisk und Tashanta möglichst lange zu umgehen. Nach vielen Gesprächen mit Einheimischen stellte sich heraus, dass es eine Möglichkeit weiter südlich gibt. Das bedeutete zwar einen großen Umweg, doch Sicherheit war mir wichtiger.

So kamen wir durch abgelegene Dörfer, in denen bestimmt noch nie ein westlicher Europäer war. Bunte Fähnchen hingen überall an bestimmten Bäumen, meist auf Höhen und Pässen. Also müssen die Bewohner dieser Region Buddhisten sein, denn das sind Gebetsfahnen. Riesige Wälder aus starkem Nadelholz bieten das ausschließliche Baumaterial der Häuser aller Dörfer. Auf den meisten Grundstücken steht innerhalb der Latteneinzäunung ein Blockhaus und nebenan ein sechseckiges Gebäude mit rundem Dach, dass auffallend niedrig ist. Es gleicht in seiner Form einem Nomadenzelt.

Die Dorfstraße ist breit, aber unbefestigt. Da stehen drei Frauen, sie winken scheu lächelnd. Ich reite zu ihnen und reiche ihnen nacheinander die Hand. Schnell verlieren sie ihre Scheu, eine greift in die Zügel Puschkins und führt uns zu ihrem Haus.

Im Vorgarten wächst Gras, dort darf ich die Pferde freilassen.

Dann werde ich in diese seltsame, zeltartige Hütte geführt. Sie ist in die Erde eingelassen. Dadurch ist es innen angenehm kühl und dunkel. Fliegen oder gar Mücken gibt es hier nicht. Es ist die Sommerbehausung.

Bei Kefir und Hartkäse erzählt die Frau, dass sie "Altaiskij" sind. Sie wären weder Kasachen noch Mongolen. Dem Aussehen nach wohl ein Mischvolk. Dass sie mich und Iwan den Ukrainer mit ins Haus nehmen, während die Männer in den Wäldern bei der Arbeit sind, ist ungewöhnlich und erklärt wohl ihre anfängliche Scheu. Auch hier zeigt sich wieder, dass Freundlichkeit, Aufgeschlossenheit und uneingeschränkte Akzeptanz ohne überhebliche Selbstdarstellung viel Vertrauen schafft und manche Türen öffnet. Was wäre dieses Abenteuer ohne die vielen Begegnungen mit so unterschiedlichen Menschen, die mit Sicherheit nicht weniger berechtigt sind als wir Westeuropäer, diesen Planeten zu bevölkern...

9

Die letzten hundert Kilometer bis zur mongolischen Grenze muss ich doch noch in der oft erschreckenden Enge gewaltiger Felsen auf der Asphaltstraße reiten. Ausweichmöglichkeiten sind selten. Nur gut, dass der Schwerlastverkehr gering ist. 50 Kilometer vor dem Grenzort Tashanta ist die Kreisstadt Kosh Agac. Hier beginnt militärisches Sperrgebiet. Weiter dürfen wir nur mit einer Sondergenehmigung von der Polizei. Der Polizeipräsident ist korrupt und beschlagnahmt meinen Reisepass. Erst, wenn ich 500.000 Rubel (100 $) zahle, bekomme ich ihn wieder. Seine Sekretärin erklärt heimlich, dass jeder Ausländer eine 'Strafe' zahlen müsse. Alle Proteste bei verschiedenen Würdenträgern der Stadt helfen nicht. Uniformträger haben die größere Macht. Nach mehreren Tagen zahle ich und darf zur Grenze reiten. Doch der General der Grenztruppen im fernen Tschita verweigert hier die Ausreise: kein internationaler Grenzübergang. Ich erfahre, dass er aber schon mehrmals Ausnahmen zuließ. Also knüpfe ich wieder Verbindungen mit wichtigen Persönlichkeiten der Region.

Wenn die Verzweiflung am größten ist, hilft nur stures Weitersuchen nach einer Lösung. Und das Schicksal bereitet mir tatsächlich eine Lösung, als ich mich bereits am Ende sehe: weitab in den Bergen, an einem spirituellen Platz, wollen die heimischen Kasachen den russischen Generälen ein Picknick bereiten. Der widerspenstige General ist auch eingeladen. Ich fahre dorthin und werde von den Kasachen freundlich aufgenommen. Sie kennen mein Problem und hoffen mir helfen zu können.

Eine Nomadenjurte wird aufgebaut und zwei Schafe nach muslimischem Ritual geschlachtet. Ein fröhliches Lagerleben beginnt, mit gekochtem Hammelfleisch, Kumis und Wodka, traditionellen Gesängen in der Jurte, wobei ich gefordert bin, deutsche Lieder zu singen. Ohje, ohje. Aber verweigern wäre äußerst schädlich.

Am nächsten Tag kommt der Bus mit vielen Offizieren und Generälen unterschiedlicher Waffengattungen. Enttäuschung: der ersehnte General ist nicht dabei. In der Jurte stehen jetzt viele Tischchen mit Speisen und Getränken, rundherum kleine Hocker. Die russischen Militärs werden willkommen geheißen und erhalten eine schicke Kasachenkappe. Ich auch. Dann beginnt das Ritual der Trinksprüche.

 

Das ist russische Tradition: minutenlange Reden der wichtigsten Persönlichkeiten mit anschließendem Leeren eines randvollen Wodkaglases. Viele Trinksprüche - viele Wodkagläser. Verweigern gilt nicht. Wer verweigert oder vom Hocker fällt, ist ein Schwächling und ist es nicht wert, Hilfe zu erhalten.

Kasachische Trachten und Gesänge stimmen die Russen milde.

Ein pensionierter General ist dabei, der Deutsch spricht und jenen General persönlich kennt. Er verspricht mir, ihn anzurufen: drei Tage später gibt der General in Tschita nach: Wodka sei Dank!

 

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Schon lange war ich neugierig auf die Mongolei. Das Land der Nomaden - das Land der Pferde. Jetzt war es endlich soweit. Ich darf hinein! Allerdings ohne den ukrainischen Piloten und den russischen Fahrer des Versorgers. Aber im mongolischen Grenzort Ulaan Bayshant, 26 km von Tashanta entfernt, soll ein mongolischer Fahrer auf mich warten. Bis dort muss ich selbst fahren. Aber reiten und fahren geht nicht. Also muss einiges aus dem Hänger zurückbleiben - nicht alle 16 Fässer passen ins Auto. Dann werden die Pferde verladen und ich fahre sehr erleichtert durch das Niemandsland.

 

Über den letzten Pass - die Mongolei tut sich vor mir auf! Welch ein seltsames Gefühl - welch eine seltsame Ausstrahlung dieses friedliche Land verbreitet! Ich fühle mich unendlich erleichtert.

Der neue Fahrer ist schon abgereist. Zu lange musste er vergeblich auf mich warten - zu lange saß ich auf russischer Seite fest. Aber da ist der leitende Offizier der mongolischen Grenzwächter. Er und seine Familie nehmen sich meiner an. Ich darf am Rande des Dorfes kampieren, seine Kinder bewachen mein Camp und verteidigen es gegen kasachische Kinder, die aufdringlich sind und auf Gelegenheiten lauern, etwas zu stehlen. Enkhe, Boldra und Ulaana bringen mir Nahrung und leisten mir jeden Abend Gesellschaft, denn nach ihrer Meinung ist ein einsamer Mensch unglücklich und unglücklich darf ein Gast ihres Volkes nicht sein.

Nicht weit von meinem Camp ist das Wasserloch, aus dem den ganzen Tag über die Bewohner ihr Trinkwasser schöpfen und mühsam in ihre Hütten oder Jurten karren. Manche tragen es auf dem Rücken in einer ledernen Tierhaut.

Meine Pferde grasen in einer riesigen Koppel, die ich oft verlege, weil das Gras ringsum von den Yaks und anderen Tieren des Dorfes kurzgefressen ist.

Baiaraa der Vater, bemüht sich auch um einen neuen Fahrer aus Ulaanbataar. Dazu fahren wir mehrmals in seinem Jeep in die nächste Stadt, in der es ein Postamt mit Telefon gibt. Nach neun Tagen trifft er endlich ein: tagelang saß er dafür auf der Ladung eines offenen LKW. Das ist hier meist die einzige Mitfahrgelegenheit. Und wieder ist es ein Fahrer mit einem Problem: Alkohol! Wie damals Pawel 2, lauert er auf jede Gelegenheit, an Kumis oder Wodka zu kommen.

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Durch die Mongolei zu reiten, ist wie ein schöner Traum. Weil dieser Teil Asiens sehr hoch liegt, darf man fast in jeder Nacht einen unglaublichen Sternenhimmel bewundern. Keine Industrie verschmutzt mit Staub, Abgasen oder künstlichem Licht die Atmosphäre. Die Luft ist so sauber, wie sicherlich nur noch in wenigen Gebieten auf unserer Erde. Auch die Vogel- und Insektenwelt ist noch in Ordnung, denn es gibt zumindest in der südlichen Hälfte des riesigen Landes keine Landwirtschaft mit dem Einsatz von Giften zur Wachstumsförderung oder Unkrautbekämpfung. Und in der nördlichen Hälfte sind es nur wenige kleine Flächen, die bewirtschaftet werden können.

 

Also sind es lediglich Nutztierherden, die freilaufend durch das Land ziehen, begleitet von ihren meist nomadisierenden Besitzern mit ihren Filzzelten. Ein Land, das etwa viermal so groß ist wie die Bundesrepublik Deutschland, bevölkert von lediglich 2,5 Millionen Menschen, von denen mehr als die Hälfte in den wenigen Städten und Siedlungen leben. So begegnen dem Wanderer auf seinem Weg durch das Land selten Menschen und wenn, dann sind es fast nur Viehzüchter, die mit einem einäugigen Fernglas auf einem Hügel sitzen, um ihre Herden zu bewachen. Ihre geschickten, kleinen Pferde grasen gesattelt in der Nähe und warten darauf, dass ihr Besitzer einen Wolf bemerkt, der Ziegen oder Schafe bedroht. Dann springt er in den Sattel und rast in fliegendem Galopp zum Ort der Bedrohung.

 

Bemerkt dieser Hirte aber einen einsamen Reiter mit Sattel- und Handpferd, noch dazu völlig fremdartig gekleidet und ausgerüstet, dann ist seine Neugier geweckt. Auch dann kommt er angaloppiert, fragt nach dem Woher und Wohin. Weil er davon ausgeht, dass dieser Fremdling wahrscheinlich nicht Mongolisch versteht, versucht er es auf Russisch - schließlich musste in der Zeit der Sowjets auch in diesem 'Bruderstaat' Russisch gelernt werden. Viele von ihnen hatten nur wenig Wissen um die Entfernung zu meiner Heimat, ahnten aber bestimmt, dass es sehr, sehr weit sein musste. Und dann kommt natürlich sofort die Einladung zu seiner Familie irgendwo in den Bergen. Sind die Jurten der Familie nah, dann nehme ich die Einladung gern an und lasse mich mit Buttertee und gekochtem, fettem Hammelfleisch bewirten. Liegen sie aber zu weit abseits meines Weges, lehne ich dankend ab. Nicht selten jagen sie dann schnell nach Hause und kommen mit der ganzen Familie auf Pferden und verschiedenen Fahrzeugen zu mir, um mir wenigstens einen Begrüßungstrunk zu reichen: Airag, die vergorene Stutenmilch, das Bier der Nomaden.

12.

Der Winter kommt früh in der Mongolei

und er ist lang und hart. Ich wusste, dass die Durchschnittstemperatur in den Monaten Januar und Februar -42,5° Celsius betragen soll. Die Tiere der Nomaden vertragen es, wenn sie genug Futter finden. Heu oder Kraftfutter als Zugabe haben die Nomaden nicht. Deshalb überleben in manchen Wintern nicht alle ihrer Tiere. Meine Pferde sind zwar Huzulen, die auch mehr ertragen als unsere europäischen Züchtungen, doch wohl kaum solche Extreme. Irgendein Risiko wollte und durfte ich nicht eingehen. Deshalb musste ich ein sicheres Winterquartier für Panca und Puschkin finden. Das war sicherlich nur in oder um die Hauptstadt Ulan Bator möglich. Doch von der russischen Grenze im Altai bis nach Ulan Bator hatten wir noch fast 2.000 km vor uns. Dafür standen uns gerade mal 2 Monate zur Verfügung, und mit Unterbrechungen ist immer zu rechnen. Bereits mit Beginn des September soll der Winter beginnen.

Zur Eile treiben wollte ich nur, wenn es brenzlig werden sollte. Schließlich konnte es unterwegs keine großen Erholungspausen geben und täglich 50 Kilometer vertrugen die Pferde allemal. Die Mongolen wunderten sich zwar, warum ich die Pferde nicht vorantrieb. Sie tun es schließlich unentwegt. Im Schritt sah ich selten einen Mongolen reiten. Meistens Galopp, manchmal Trab und diese Gangarten immer im Sattel stehend. Ich probierte das einmal in einem Mongolensattel und schwor mir hinterher, es niemals mehr zu versuchen. Für mich war dieser harte, enge Sattel ein Folterinstrument. Na ja, Mongolen haben ihre Extremitäten seit ihrer Kindheit an ihn gewöhnt. Ich dagegen war mit einem bequemen Westernsattel unterwegs. Als den ein Mongole ausprobierte, sagte er mit verächtlichem Lächeln: "Man sitzt wie auf einem Motorrad!"

Zunächst wollte ich also den Ritt durch diese offensichtliche Freiheit genießen. Wo kann man schließlich ohne irgendwelche von Menschen gemachten Hindernisse durch die Landschaft reiten? Ohne wirkliche Straßen - nur Pisten in Steppenland - und meist nur mit zwei oder drei Fahrzeugen pro Tag darauf. Viel öfter dafür Kamelherden ohne Bewachung. Die wandern oft sehr weit weg von den Jurten ihrer Besitzer. Aber noch immer fürchteten sich meine Pferde vor diesen Tieren, obwohl sie sich friedlich und völlig entspannt und harmlos verhielten.

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Mongolen sind dankbar für jede Abwechslung in ihrem Leben,

schließlich bekommen sie nicht oft Besuch und erfahren selten irgendwelche Neuigkeiten. Dies ist auch ein Grund für ihre Gastfreiheit. Jeder Nomade benötigt irgendwann fremde Hilfe und Gastfreundschaft, wenn er manchmal tagelang in die nächste Stadt oder Siedlung unterwegs ist. Nur dort kann er Dinge kaufen, die er nicht selbst herstellen kann und nur dort gibt es medizinische Hilfe.

Eine Einladung abzulehnen, wenn es keinen triftigen Grund gibt, sollte man unbedingt vermeiden. Allzu leicht könnte man den freundlichen und wissbegierigen Gastgeber verletzen. Verletzen könnte man ihn auch, wenn man versucht, ihn als westlicher Ausländer zu belehren. Bezüglich der Tierhaltung zum Beispiel und der Behandlung von Verletzungen und Krankheiten. Diese Nomaden haben ein über Jahrhunderte gewachsenes Wissen und waren immer auf sich allein gestellt. Veterinäre gab es nicht. Aber sie hatten Kräuter, deren geheimnisvolle Kräfte sie genau kannten. Als Heilmittel im Verdauungstrakt helfen zum Beispiel auch die fermentierten Mageninhalte von Murmeltieren, die sie ohnehin gern jagen und deren Fleisch für sie eine Delikatesse ist. Oder den Urin der noch nicht geschlechtsreifen Jungen, der eine wunderbare Hilfe bei geschwollenen Hufgelenken ist. Versucht ein westlicher Besucher, so einen Nomaden zu belehren, wird der nichts erwidern und nur still lächeln. Überhebliche Ratschläge wird er aber niemals befolgen.

Oft habe ich unterwegs in diesen genialen Filzzelten Salztee oder Airag getrunken, Fragen beantwortet, auf dem Kuhfladenfeuer gekochte Innereien oder Ziegen- und Hammelfleisch von den Knochen geschnitten. Viele Freundschaften wurden ganz nebenbei geschlossen und manchmal wurde ich mit einem Milchopfer für die Götter verabschiedet mit dem Ziel, meine Reise gesund zu überstehen. Ich bin unendlich dankbar für diese Erfahrungen, die mein Leben sehr bereicherten.

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Die Wüste Gobi reicht von Süden her bis an den Rand des Changai-Gebirges,

jene Gebirgskette, welche die Mongolei in eine nördliche Region mit viel Wasser und Vegetation, und eine trockene, südliche Region teilt. Will man das Land in der west-östlichen Richtung durchqueren so wie ich, wählt man mit Pferden besser den südlichen Weg. Denn hier ist man von Stechmücken weitgehend verschont.

Die hier lebenden Viehzüchter müssen mit ihren Filzzelten und allen Tieren bis zu zwölfmal pro Jahr den Standort wechseln, um ihren Tieren genügend Futter zu bieten. Wasser finden sie an nur ihnen bekannten Wasserlöchern, und manchmal muss es aus großer Tiefe heraufgezogen werden. Oder sie finden eine freie Fläche an einem der wenigen Flüsse, die ihr Wasser aus dem Gebirge heraus nach Süden schicken. Bis ans Meer reichen diese Flüsse nicht, sondern versickern bald irgendwo in der Gobi.

Die nördliche Gobi ist zumeist eine Steinwüste und die hier dürftig wachsenden Pflanzen bestehen nur an wenigen Stellen aus Gräsern. Meist ist es hartes und dorniges Gestrüpp. Eigentlich nur als Futter für Ziegen und Kamele geeignet. Alle anderen Tiere müssen aber ebenfalls damit zurecht kommen und auch meine Pferde knabberten es durchaus gern. Um aber tägliche Distanzen von cá 50 km zu laufen, bietet es zu wenig Energie. Deshalb war es wichtig, ein Versorgungsfahrzeug mitzuführen, in dem bis zu 600 Liter Wasser, Kraftfutter und auch Heu verstaut war.

Nur wenige Sanddünen findet man im Norden der Gobi und wo sie zu überqueren sind, haben die Pferde wenig Freude. Dieses Geläuf behagt ihnen nicht, denn im feinen Treibsand sinken sie ein und an den Hängen der Dünen beginnt der Sand zu fließen. Aber auch diese Erfahrung bereicherte ihr Wissen, wie so Vieles, das sie unterwegs auf dem weiten Weg um den Erdball erlebten. Wirkliche Strapazen waren es nicht, denn wenn ich spürte, dass sie keine Lust mehr zum Wandern hatten oder müde wurden, beendete ich irgendwo den Ritt und versorgte sie mit allem, was sie auf der jedesmal ausgesteckten Elektrokoppel nicht finden konnten. So verloren sie keine Substanz, waren immer gut genährt und ihre Kondition war extrem gewachsen. Und endlich war Ulan Bator erreicht: am 3. September 1997. Mithilfe mongolischer Freunde fand ich ein besonders sicheres Winterquartier: den mongolischen Staatszirkus inmitten der Hauptstadt.

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Mit wichtigen Hinweisen für eventuelle Nachahmer:

 

Wer solche oder ähnliche Extremreisen plant, sollte wissen, dass es nicht nur schöne Erlebnisse geben wird. In Ländern mit armen Bevölkerungsschichten muss es zwangsläufig zu unschönen Begegnungen kommen. Schon die Ausrüstung weckt Begehrlichkeiten. Aber auch die Erkenntnis, dass der Reisende reich sein muss, weil er sich so etwas leisten kann. Der Wunsch, sich in irgendeiner Weise ein bisschen des Reichtums zu erobern, ist oft größer als das Wissen von der eigenen Unmoral.

 

Was mich überraschte, war die Erkenntnis, dass es besonders in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion zu einer Art Volkssport geworden ist, sich heimlich oder sogar in aggressiver Weise anzueignen, was dem anderen gehört. Und zwar nicht nur von Reisenden, sondern sogar von Nachbarn oder Freunden. Oft hinterhältig und ohne Gewissensbisse. Liegt es daran, dass diese Völker seit Jahrhunderten unterdrückt waren? Dass sie nach dem Ende der bisherigen Staatsmacht auch endlich mal an die Spitze der Gesellschaft wollen? Vor allem reich sein wollen - wie es bisher nur die Führer des Volkes waren? Nach dem Ende der Union scheinen Dämme gebrochen zu sein. Wer schon immer von einem besseren Leben träumte, erkannte endlich eine Chance, nun selbst zur Spitze zu streben.

 

Die Armen aus der zivilen Schicht begnügten sich mit dem Stehlen unbeaufsichtigter Ausrüstungsgegenstände. Oder sie schlossen sich unter Führung des Stärksten und Durchsetzungsfähigsten zu Banden zusammen, die sogar vor den Augen der Polizei Autobesitzer auf der Straße stoppten und unter Gewaltandrohung Geld erpressten. Sie nannten sich 'Recketts'. Auch ich wurde von ihnen bedrängt und befand mich am Rande der Vernichtung. Hilfe durch die Polizei suchte ich vergeblich. Sie kannten das Problem, sogar den Namen des Anführers, und rieten mir zu bezahlen, um mit heiler Haut davon zu kommen. Dass sie selbst von diesen Machenschaften profitierten, war offensichtlich.

 

Es war nicht die einzige Begegnung mit Recketts auf dem langen Weg durch die Ukraine, Russland und Kasachstan. Noch häufiger aber war die unverhüllte Bereitschaft von Uniformierten mitten in diesen Ländern und an ihren Grenzen, dubiose Gebühren zu erheben. Sie legten umfangreiche Listen vor, auf denen angebliche Gebühren in erstaunlich hohen Summen aufgeführt sind für Versäumnisse, die der Reisende angeblich begangen hat. Protestiert er dagegen, verschwindet die Liste wieder in der Schublade und die Forderung wird kleiner. Was dann endlich gezahlt wird, verschwindet natürlich in der eigenen Tasche.

 

Heute frage ich mich, ob es jene Gauner in Zivil oder in Uniform tatsächlich an die Spitze schafften und sich auf betrügerische Weise zu Millionären und sogar Milliardären machten: zu Oligarchen, die weiterhin ihr eigenes Volk betrügen, indem sie ihr Kapital im Ausland deponieren: unter den Augen der nicht weniger korrupten Führung ihrer Staaten.

 

Wenn mich solche Erlebnisse auch sehr erschreckten und ich oft in Sorge war, genug Kraft zum Durchhalten zu haben, bereue ich dennoch diese Reise nicht. Der Grund ist die weitaus größere Befriedigung, überall auf Menschen gestoßen zu sein, die das Gegenteil darstellten. Es sind meistens die Ärmsten, die frei sind von Hinterhältigkeit, die bereit sind, das letzte Stück Brot mit dem zu teilen, der sie in mit Freundlichkeit und Verständnis achtet - der mit offenem Herzen auf sie zugeht.

 

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Ulaanbataar war also erreicht. Ich hatte einen zweimonatigen Ritt durch das Land der Nomaden hinter mir. Ein Traumritt! Nirgends sonst spürte ich so viel Freiheit. Keine von Menschen gemachten Hindernisse - keine Verbote. Und dann diese Menschen, die nichts als ihre Tiere, ihre Filzzelte und kaum technische Ausrüstungen haben - dabei aber zufriedener als alle Millionäre sind - die gern mit Dir teilen, ohne irgendeine Gegenleistung zu erwarten...

 In der Stadt war es anders. Hier lebten Menschen, die teilweise die Reichtümer des Westens erlebt hatten und also mit verdorbenen Charakteren gesegnet waren. Binderja, der in Deutschland studiert hatte und das Geld unterschlug, das für die von ihm vermittelten Helfer vorgesehen war. Und der zusammen mit dem Zirkusdirektor in krimineller Weise zusätzliches Geld von mir erpresste. Natürlich wollte ich so schnell wie möglich diese Stadt hinter uns bringen, wieder hinaus in die Freiheit gelangen.

Aber das nächste Land war China, durch das wir mussten. Es nördlich über Ostsibirien zu umgehen, wäre wegen riesiger Sumpfgebiete nur im Winter möglich, wenn alles hartgefroren ist. Also mit Pferden unmöglich. Und die chinesischen Behörden sträubten sich. In Deutschland gelang es nicht, eine Durchreisegenehmigung zu bekommen. Also folgte der Versuch, sie in Ulaanbataar zu erringen. Die deutsche Botschaft unterstützte mich hilfreich. Sogar mit einer offiziellen Verbalnote. Trotzdem vergingen weitere Monate, bis ich endlich ein chinesisches Visum für mich in der Hand hatte. Und ein mongolisches Gesundheitspapier für die Pferde zur Überschreitung der Grenze.

 

Als ich aber an der chinesisch-mongolischen Grenze vor dem Schlagbaum stand, wurde ich zurückgewiesen. Das Gesundheitspapier war abgelaufen und für das Begleitfahrzeug war auch eine Genehmigung nötig. Das gelang erst nach weiteren drei Wochen mit Hilfe der deutschen Botschaft in Peking. Und es kostete viel Geld: möglichst viele Dollar zu verdienen, war also auch in China eine große Leidenschaft. Hier allerdings nicht durch Raub, Erpressung oder Korruption, sondern ganz legal durch die Administrationen. Außerdem wollten sie über jeden meiner Schritte informiert sein - ein Guide musste also mitreisen: ein sehr selbstbewusster Mann mit tadellosen Kenntnissen der deutschen Sprache. Luo Junping hieß er und sagte bei unserer Ersten Begegnung: "nenne mich Paul, das ist dasselbe". Seine Behauptung - im Brustton vollster Überzeugung vorgetragen - werde ich nie vergessen: "China ist die wirkliche Führungsnation auf der Erde, und eines Tages wird China die Welt allein beherrschen!"

 

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Grenzüberschreitungen waren fast immer erschreckende Kämpfe gegen von Menschen gemachten Hindernissen. Schlimmer als an der russisch-mongolischen Grenze könne es nicht werden, dachte ich. Aber dann kam die Einreise nach China, und wieder gab es eine Steigerung. Und nun stand ich am Fährhafen von Tanggu, des Hafenviertels von Tianjin. Hier erwartete mich ein zermürbender Kampf. Die Zollbehörde im Hafen verlangte gegen den Willen der oberen Zollbehörde in Peking 'Vollverzollung' für alle mitgeführte Ausrüstung. Und das chinesische Fährbüro für die koreanische Fähre forderte eine viel zu hohe Summe für die Passage. Bald erkannte ich, dass hierbei 'Paul' seine Finger im Spiel hatte. Er wollte mitverdienen.

Als die Zollbehörde endlich ein Einsehen hatte, wollte die südkoreanische Quarantänebehörde unsere Einreise verhindern. Sie fürchtete das Einschleppen von Pferdekrankheiten, obwohl es in Südkorea so gut wie keine Pferde gab. War ich schon von den vielfältigen Hilfen der deutschen Botschaften in Ulaanbataar und Peking angenehm überrascht, so steigerte sich diese Erkenntnis von jener in Seoul. Mit ihrer Hilfe gelang es schließlich, nach drei Wochen voller Kampf und Ängsten, das Gelbe Meer zu überqueren.

 

Innerhalb dieser drei Wochen gab es aber noch Begebenheiten, über die ich heute schmunzeln kann. Damals aber nicht: Ganz nah am Hafen von Tanggu gab es einen cá 4 m breiten Grünstreifen Zwischen einer Mauer und einer Autostraße. Außer zwischen den Schienen des dahinterliegenden Rangiergeländes gab es nirgendwo Gras. Ich koppelte den Streifen ein und stellte den Versorger dazu. Die Pferde waren zufrieden, ich auch. Aber dann kam die 'Immigration-Police'. Um Mitternacht zwangen sie mich, in ein Hotel umzuziehen. Mehrere Gebäude innerhalb eines umfangreichen, ummauerten Geländes. Vor der großen Freitreppe des Hauptgebäudes entließ ich die Pferde nach kurzer Fahrt mit Polizeieskorte. Sie freuten sich über den gepflegten Rasen und die saftigen Büsche ringsum. Dann kam der Hoteldirektor und fiel fast in Ohnmacht. Die Pferde mussten in einen hinteren Winkel des Geländes, wo hohes Schilf stand. Das schmeckte ihnen auch. Mir war klar, dass die Pferde nachts wandern würden und verließ deshalb sehr früh das Hotel wieder. Da sah ich, was zu befürchten war: die gepflegte Rasenfläche war verwüstet, die Sträucher zerrupft - und auf der großen Freitreppe lag ein dicker Äpfelhaufen, wie auch an vielen anderen Stellen des Hotelgeländes. Deshalb flüchtete ich schnell mit aller Ausrüstung in den Hafen und hoffte, endlich auf die Fähre zu dürfen - leider schon wieder vergeblich...

 

18

"Quickly - quickly!" hatte der koreanische Seeoffizier erregt gerufen, als er per Handy die Nachricht aus Südkorea bekam, dass ich endlich an Bord dürfe. Es war fünf Minuten vor dem Ablegetermin. Hastig bezahlte ich die Passage, rannte zum Versorger, sprang hinter das Steuer und fuhr das Gespann über die stählerne Rampe in den Bauch des Schiffes. Direkt hinter uns hob sich die Rampe und schloss den Laderaum des großen Schiffes. Zwei Männer sicherten das Gespann mit den Pferden darin mithilfe starker Spanngurte. Dann führten sie mich eine riesige Treppe hinauf zum Passagierdeck. Die Koreaner bis hinauf zum Kapitän, hatten meinen verzweifelten, dreiwöchigen Kampf zur Genehmigung der Überfahrt miterlebt. Nun wurde ich zum Essen eingeladen: gebratene Hühnchenschenkel mit Kimtschi. Dann bekam ich eine komfortable Kabine mit Dusche. Die koreanischen Passagiere wohnten während der 24-stündigen Überfahrt gemeinsam in zwei riesengroßen Räumen, in denen wohl hunderte Matratzen auf dem Boden lagen.

Mein Schicksal hatte sich herumgesprochen, denn wer an Bord meinen Weg kreuzte, lächelte mich mitleidig an und nicht wenige verneigten sich sogar vor mir. Ich ging zur Brücke hinauf und wurde eingeladen, den Steuerstand zu betreten. Sogar das Ruderrad durfte ich bedienen. Die See war spiegelglatt - das Schiff machte kaum Bewegungen. Dann waren die ersten vier Stunden vergangen und ein Offizier begleitete mich hinab zu meinen Pferden. Ich hatte darum gebeten, sie alle vier Stunden besuchen, füttern und tränken zu dürfen. Sie standen völlig ruhig und entspannt. Das Gewummer der schweren Maschine störte sie nicht und die Finsternis hier unten nutzten sie wohl für ausgiebige Schläfchen.

Nach 24 Stunden legte das Schiff in Inchon an. Ich fuhr das Gespann aus dem Bauch des Schiffes heraus. Dann kamen Zöllner, alles zu untersuchen. Beanstandungen hatten sie nicht. Auf uns wartete nun die Quarantänestation. Aber dieses Fahrzeug mit deutschem Nummernschild durfte nicht auf koreanischen Straßen gefahren werden. Also wurde es von zwei Polizeifahrzeugen eskortiert. Dann rollten wir auf ein großes, ummauertes Gelände mit vielen Stallgebäuden. Gleich hinter dem Eingang mussten wir durch ein Desinfektionsbad rollen und das gesamte Gespann wurde von allen Seiten besprüht. "Na also!", dachte ich. "Warum dann dieses Theater mit der Einreiseverweigerung?" Ganz hinten in diesem Gelände mit Rinder- und Schweineställen befinden sich die Pferdeställe. Das sind bestimmt fast hundert Boxen, doch alle leer. Man hatte sie für die längst zurückliegenden Olympischen Spiele gebaut und seither vielleicht nicht mehr genutzt.

Nach 30 Stunden darf ich endlich meine Pferde entladen. Die sind inzwischen sehr genervt. Als ich die Heckklappe öffne, geht Puschkin hinten ein wenig in die Knie und hebt mit seinem Hintern das Gestänge aus. Er will jetzt endlich raus! Panca schnell noch zu befreien, ist nun leicht. Neugierig schauen sie sich um und lassen sich widerstandslos in das Stallgebäude führen. Getrennt müssen sie zwar stehen, können sich aber über den Stallgang hinweg sehen. Das akzeptieren beide. Ich bin sehr erleichtert, denn jetzt sind wir endlich wieder auf demokratischem Boden und vor uns liegen nur noch demokratische Staaten...

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Ich fühlte eine riesengroße Erleichterung, endlich in einem "westlichen Staat" angekommen zu sein. Willkür durch überhebliche Uniformträger und Korruption lagen hinter uns. Südkorea, Japan, die USA und zuletzt die Niederlande voraus, allesamt demokratisch geprägt. Und dann diese freundlichen Menschen hier. Überall lächelnde Gesichter - und unaufdringliche Zurückhaltung. So waren meine ersten Eindrücke von Südkorea.

Bis ich die unnachgiebige Härte von verschiedenen Beamten zu spüren bekam. Beamte, die sich ohne "Wenn und Aber" an ihre Gesetze und Vorschriften halten und unter denen zu jener Zeit das Volk zu leiden hatte, wie ich aus verschiedenen Nachrichten der damaligen Zeit wusste. Ermessensspielräume schienen sie nicht zu kennen - Gesichtsverlust fürchteten sie mehr als Menschlichkeit zu zeigen. Was sie einmal entschieden hatten, durfte auf keinen Fall rückgängig gemacht werden, und wenn es noch so unsinnig war.

 

Bereits am Stammtisch des "KhanBräu" in Ulan Bator war ich gewarnt worden: "In China und Südkorea wirst du kein Verständnis bei den Behörden für dein verrücktes Abenteuer finden. Und Pferde sind für sie kein Grund für Nachgiebigkeit, wie vielleicht sonst auf der Welt."

Für China hatte sich diese Warnung bestätigt, aber dieses Land hatten wir ja nun endlich hinter uns. Und Südkorea sollte wohl erheblich leichter zu überstehen sein - dachte ich.

Die Quarantänezeit sollte neun Tage betragen. Am zweiten Tag kam ein Veterinär, um meinen Pferden Blut abzunehmen. Ein Veterinär, der große Angst vor Pferden hat? Sie mussten einzeln in eine stählerne Zwangsbox, in der sie sich nicht bewegen konnten. Obwohl der Veterinär meinen freundschaftlichen und distanzlosen Umgang mit Panca und Puschkin erlebt hatte, bestand er auf dieser Zwangsmaßnahme. Na gut - meine Pferde und ich lächelten darüber.

 

 

Am dritten Tag kam er mit seltsamer Blässe im Gesicht zu mir und achtete ängstlich auf einen Abstand von drei Schritten. Mit ausgestrecktem Arm hielt er mir das Bluttestergebnis hin und erklärte auf Englisch, dass in Puschkins Blut der Ateriitis-Virus entdeckt wurde, der den Pferdebestand Koreas gefährden würde. Dieses Pferd müsse also innerhalb von zwei Wochen in sein Ursprungsland verbracht werden, oder es werde getötet und verbrannt. Und weiter, dass eine Rückführung des Pferdes nach Europa unmöglich sei, weil es zwischen den Staaten keine entsprechende Vereinbarung gäbe. Also töten und verbrennen...!

 

Wer meine seelische Nähe zu meinen Pferden kennt, wird mein Entsetzen, das mich kurzzeitig regelrecht lähmte, verstehen. Als ich wieder denken konnte, erinnerte ich ihn an die internationale Gepflogenheit, nach einem positiven ersten Test, einen erneuten mit neuem Blut in einem anderen Labor durchführen zu lassen. Auf mein Drängen willigte man schließlich auf einen weiteren Test ein, doch eine erneute Blutentnahme wurde strikt verweigert: "Für einen einzelnen Reisenden ändern wir nicht unsere Bestimmungen, schließlich gehört unser System zu den besten der Welt. Verwechslungen oder Verunreinigungen des entnommenen Blutes sind bei uns nicht möglich! Im Übrigen darf dieses Pferd aufgrund dieses Testergebnisses in kein anderes Land der Welt. Außerdem haben wir ihren Interviewtermin mit der hiesigen Zeitschrift abgesagt. Ab sofort haben sie Presseverbot!"

 

Ich hatte die Deutsche Botschaft in Seoul um Hilfe gebeten. Das bescherte mir wenigstens zeitlichen Aufschub. Noch heute bin ich den Mitarbeitern der Botschaft unendlich dankbar. Sie setzten sich für mich und meine Pferde mit aller Kraft ein, doch ihr Einfluss hatte Grenzen. Die erneute Blutentnahme konnten sie nicht erreichen und die wäre bestimmt genauso erfolglos, denn man schien sich längst festgelegt zu haben. Ob wirklich ein Virus gefunden worden war und ob der zweite Test wirklich erfolgte? Meine gewaltigen Ängste konnten diese Menschen bestimmt nicht begreifen. Es handelte sich doch nur um ein Tier...

 

Weshalb handelten sie so gefühllos? Vielleicht weil ich mit meinen Pferden gegen ihren Willen in ihr Land durfte? Oder weil sie den nagelneuen Verbrennungsofen mit einem meiner Pferde testen wollten? Eines ihrer kürzlich aus Kanada importierten Rinder dafür zu opfern, war ihnen bestimmt zu teuer und jene Schweine, die hier ebenfalls gelandet waren, hatten ja viel kleinere Körper, also waren wohl kein optimales Versuchsobjekt.

 

Das zweite Testergebnis kam. Nun hieß es plötzlich, dass in Puschkins Blut nicht der Arteriitis-Virus selbst, sondern Antikörper desselben gefunden wurden. Ich war nur einen kleinen Augenblick erleichtert - was sollten schließlich Antikörper anrichten, die sowieso nur über einen Geschlechtsakt übertragen werden können. Puschkin ist ein Wallach und auf dem Weg nach Pusan wären wir mit Sicherheit damals keinem koreanischen Pferd begegnet: es gab damals kaum Pferde im Land und wenn, dann nur in ein oder zwei Reitclubs nahe Seoul oder mongolische Pferde auf der Insel Cheju. Aber der Veterinär beteuerte, dass jenes ursprüngliche Urteil also vollstreckt werden müsse...

 

 

Meine letzte Hoffnung war die amerikanische Botschaft. Die Amerikaner hatten viel größeren Einfluss als Schutzmacht dieses "demokratischen" Staates. Und tatsächlich: nach sechs weitgehend schlaflosen Wochen erhielt ich ein Einreisepermit für meine Pferde und mich für die USA. In Los Angeles wollte man selbst den Gesundheitszustand meiner Pferde feststellen, zum Entsetzen des Leiters des koreanischen Quarantäneservice. Schließlich überreichte er mir persönlich die Ausreisepapiere und entschuldigte sich für die Unannehmlichkeiten, die ich in seinem Land erfuhr...

 

Übrigens ist der Arteriitis-Virus so harmlos, dass er nirgendwo sonst beachtet wird. Seine Auswirkungen beschränken sich ausschließlich auf Pferde und gleichen lediglich einer leichten Grippe bei Menschen, die nach kurzer Zeit von selbst geht. Deshalb gibt es auch keine Medikation. Er wird noch nicht einmal in den USA oder Europa beachtet. Ob Puschkin ihn und seine Antikörper jemals hatte, wurde nie festgestellt...

 

20

Die Ausreise aus Südkorea wurde vorbereitet. Nicht Richtung Japan, wie geplant und anschließend nach Westkanada. Diese Staaten waren uns wegen des koreanischen Quarantäneergebnisses versperrt und in Kanada herrschte inzwischen tiefer Winter. Der November neigte sich ja seinem Ende. Nur die USA kam noch infrage und dort ausschließlich Los Angeles, weil es hier die einzige Quarantänestation an der Westküste gab.

 

Das Übersetzen über den Pazifik per Schiff wäre möglich und die billigere Variante. Aber dabei müssten die Pferde wohl 3 Wochen in einem Container stehen - bei vielleicht heftigen Bewegungen des Schiffes. Ich musste an die Importrinder aus Kanada denken, die ich in der koreanischen Quarantänestation sah. Sie mussten die Überfahrt in maßgerecht angefertigten Bretterboxen stehen - konnten sich nie legen, noch nicht einmal den Kopf drehen - keinen Schritt nach vorn oder hinten oder seitwärts machen. Und das zwei bis drei quälende Wochen lang! Das wollte ich meinen Pferden nicht zumuten. Deshalb entschied ich mich für die leider sehr teure Variante - im Transportflugzeug.

 

Ein LKW rollte auf das Gelände der Quarantänestation. Auf seiner Ladefläche war ein Stahlcontainer mit ausgeschnittenen Fenstern festgezurrt. Als Aufstiegshilfe für die Pferde gab es zusammengenagelte Bretter mit quergenagelten Leisten - damit die Hufe Halt finden konnten. Diese behelfsmäßige Konstruktion wurde an das Heck des LKW gelehnt - sehr steil - sehr hoch. Kein Pferd würde hier freiwillig hinaufklettern. Ich führte zuerst Puschkin heran und redete ihm gut zu. Den Einstieg in unterschiedliche Pferdeanhänger hatte er nie verweigert. Doch dieser hier? Er wusste, dass er dort hinauf soll - und drehte ab. Ich versuchte es erneut. Er zögerte. Ein Koreaner kam mit einer 4 Meter langen Stange, mit der er ihn treiben wollte. Eine kürzere zu nehmen, war ihm zu gefährlich. Puschkin sah, dass ich dem Mann verärgert diese Stange wegnahm und fortwarf. War das der Anlass, ihn allen Mut zusammennehmen zu lassen und mit zwei gewaltigen Sätzen hinaufzuspringen? "Was mein Bruder kann, kann ich auch", dachte wohl Panca und sprang ihm nach.

Auf dem Flughafen wartete schon ein Flug-Pferde-Container. Er wurde auf das Niveau der LKW-Ladefläche angehoben. Über einen schmalen Laufsteg marschierten meine Pferd ohne zu zögern hinüber. Dort standen sie nebeneinander wie in einem Straßentrailer, getrennt durch eine Stange. Gepolsterte Brust und Heckstangen gab es auch, das kannten sie längst. Ein Heuballen vor sich - nun konnte passieren was wollte. Meine Nähe gab ihnen alles Vertrauen.

Erst, als der Container zum Flugzeug gezogen wurde, hochgehoben und schließlich hineingerollt, musste ich sie allein lassen. Aber nicht lange, denn ich durfte als einziger Passagier ebenfalls mitfliegen und während des Fluges meine Pferde besuchen, so oft ich wollte. Ich tat es immer wieder und sah jedesmal zwei völlig entspannte Pferde, die trotz der Finsternis im riesigen Frachtraum und der nahen Geräusche der Triebwerke dieses "Jumbo Jet" ruhig das Heu fraßen.

Wir überquerten Südkorea, das Japanische Meer, dann Japan und schließlich den Nord-Pazifik. Einchecken in die USA geschah in Anchoridge-Alaska. Wir landeten bei heftigem Schneetreiben. Ich musste zum Immigration-Service und beweisen, dass ich nicht illegal einwandern wollte, also über eigene Geldmittel verfügte. Aber "oh Schreck!" - ich hatte mein Geld im Versorger vergessen, der mit dem Schiff nach Los Angeles gebracht werden sollte. Ich konnte also nicht beweisen, dass ich mich aus eigenen Mitteln versorgen konnte. Wie atmete ich auf, als ich Verständnis bei diesen Beamten fand. Beamte, die auch mal ein Auge zudrücken konnten, hatte ich schon lange nicht mehr erlebt. Hier glaubte man meinen Beteuerungen.

In Höhe des allseits bekannten Schriftzuges "Hollywood" schwebten wir über Los Angeles ein. Wieder wartete ein LKW, auf dessen Ladefläche der Container gehoben wurde. Auf der Fahrt zur hiesigen Quarantänestation durfte ich zu meinen Pferden in den Container. In der vorderen Fensteröffnung konnte jeder nun drei Köpfe sehen: eines Mannes und seiner zwei geretteten Pferde.

 

Vier Tage sollte hier die Quarantänezeit betragen. Jeder weiß, dass die Quarantänebestimmungen der USA streng sind. Doch irgendwie spürte ich keinerlei Angst vor dem Ergebnis...

 

21

Überraschungen in Kalifornien
In einer blitzsauberen Quarantänestation mit sehr kompetenter und freundlicher Besatzung von Los Angeles wird den Pferden sofort Blut abgenommen (ohne Zwangsbox), Nasen- und Ohrensekret abgetupft. Dann werden sie mit einer Desinfektionslösung eingesprüht. (Oh Schreck - besprühen mögen wir gar nicht!) Aber anschließend werden sie belohnt: mit leckerem Alfalfaheu (Luzerneheu) in frisch und dick eingestreuten Boxen. Dann muss ich die Station verlassen. Auf die Idee, mich auch Einsprühen und in eine Box sperren zu lassen, kam ich nicht. Wäre bestimmt auch nicht möglich. Und von Heu mag ich auch nicht besonders gern leben.
Nach zwei Tagen erhalte ich das Testergebnis: beide Pferde sind kerngesund! Tief in meinem Inneren hatte ich es immer gewusst. Wer zwei Jahre lang durch die Welt wandert und nicht ein einziges Mal wirklich krank wurde (außer einer Verwurmung und einer schwachen Kolik), der kann nicht so krank sein, dass er andere Pferdebestände anstecken kann, von denen sowieso keine vorhanden sind!

Aber nun kommt dennoch eine schwere Zeit für uns Drei. Panca muss als fortpflanzungsfähige Stute zur Beobachtung in ein staatliches Tierhospital. Deshalb wird sie nach Davis gebracht, hunderte Meilen weiter nördlich, nämlich nahe Sacramento. Puschkin bleibt allein in der Station und dort ist kein anderes Pferd. Mein Hotel befindet sich einige Kilometer von der Station entfernt. Um das gesamte Flughafengelände muss ich herumlaufen. Und noch weit vor der Station höre ich Puschkin rufen. Sein Gewieher klingt schmerzhaft. Er vermisst Panca - es möchte mir das Herz zerreißen! Gern würde ich ihn besuchen und beruhigen, doch ich darf nicht mehr hinein.

Aber schnell finde ich verständnisvolle Pferdefreunde, die eine Lösung haben: Puschkin kommt umgehend in die Sunset-Ranch im Canyon neben dem Berg mit dem "Hollywood"-Sign. Hier hat er viele Pferde um sich. Sofort ist er beruhigt. Ich finde auf dem Sunset-Boulevard ein billiges Motel und kann Puschkin täglich besuchen. J.J. ist der Leiter der Ranch und leiht mir einen Sattel, denn mein Versorger mit aller Ausrüstung ist noch immer auf dem Pazifik unterwegs. So kann ich mit Puschkin täglich in den ausgedörrten Bergen Südkaliforniens reiten. Das macht ihn zufrieden und erleichtert mein Gewissen.

Endlich kommt mein Versorger, ich führe Puschkin in den Hänger. Er scheint zu ahnen, dass es jetzt wieder zu Panca geht und hat es mit dem Einsteigen sehr eilig. Aber die Strecke nach Davis ist viel länger, als ich erwartete: die zurückgelegten Kilometer ziehen sich erstaunlich langsam dahin - endlich begreife ich, dass es ja nicht Kilometer, sondern Meilen sind! Erst in der Nacht erreichen wir Davis. Aber Panca ist nicht mehr da. Weil auch hier völlige Gesundheit festgestellt wurde, durfte sie zu Pferdefreunden nach Winters in der Nähe. Die Leiterin der Station verrät mir aber ein Geheimnis: "wussten Sie, dass ihre Stute 'pregnant' ist?" Ich hatte es geahnt. Bei der Abreise aus Ulan Bator stand Panca auffällig nah bei der Herde des freilaufenden Leithengstes und Puschkin hatte sichtbar seinen Widerstand aufgegeben. Jetzt hieß es warten, bis die Niederkunft erfolgt war und wer weiß, wie lange noch danach. So nahm ich das Angebot von Ellen B. Jackson an, der Besitzerin der "Victory Rose Ranch" in Vacaville. Hier hatte ich täglich zweimal 150 Vollblüter zu füttern. Dafür erhielten meine Pferde einen eigenen, riesigen Paddock und bestes Futter, das ich allerdings schnellstens rationieren musste, denn schon in Winters hatte Puschkin einen Leibesumfang bekommen, der auch bei ihm eine Schwangerschaft vermuten ließ.

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Die Leiden eines Mannes beim "Vaterwerden"

Ellen erlebt jedes Jahr die Geburt vieler Pferde. Sie hat mehrere Vollblut-Deckhengste und Stutenbesitzer nutzen diesen Service. Fünf Abfohlboxen sind mit Kameras ausgestattet und in der sechsten stehen die Monitore. Die Liege vor den Monitoren ist in jedem Frühjahr Ellens nächtlicher Schlafplatz für drei Monate. Ihre Erfahrung ist natürlich enorm und sie erkennt sofort, wenn eine Stute Probleme hat und weiß, wie sie ihr helfen kann. Ich warte aufgeregt auf Anzeichen bei Panca und bemühe Ellen mehrmals, wenn ich glaube, dass es nun so weit ist. Aber Ellen lacht nur belustigt. Der Juni hat bereits begonnen, als tatsächlich die ersten Tropfen an Pancas Zitzen zu sehen sind. Diesmal quartiert Ellen meine Stute in eine der Boxen und mich in die Monitor-Box ein. Aber schlafen kann ich überhaupt nicht. Meine Augen starren wie gebannt auf den Monitor und ich höre jedes Geräusch, das durch Panca verursacht wird.

Um Mitternacht sehe ich, dass sie sich legt, aber ojeh: viel zu nah an der Wand! Sie will sich wälzen, kann es so aber nicht. Ich springe zu ihr, um ihr zu helfen. Das ginge nur mit einem Strick. Ich laufe, einen zu holen. Als ich zurück bin, hat sich Panca aber bereits selbst befreit. Am Tage erzähle ich es Ellen mit blassem Gesicht und sie lacht wieder nur: "Deine Stute hat ihr Fohlen nur in die richtige Lage gebracht. Morgen Nacht wird es kommen."

Und tatsächlich: um Mitternacht beginnt Panca in der Box zu kreisen. Mit der Nase am Boden sucht sie den besten Platz. Plötzlich legt sie sich schwerfällig, aber vorsichtig. Und bleibt liegen! Ihre Augen weichen nicht mehr von ihrem Hinterteil! Ich laufe zu Ellen und scheuche sie aus dem Bett. Sie lacht wieder. Als wir bei Panca sind, zeigt sich unter ihrem Schweif bereits der Anfang der weißen Fruchtblase. Schnell sind in ihr bald die winzigen Vorderhufe zu sehen. Ellen lächelt: "alles okay!"

Um 00.25 am 6.6.99 erblickt Pancas Fohlen erstmalig das Licht der Welt. Panca lächelt zufrieden und sieht sehr glücklich aus. Gemeinsam trocknen wir den Kleinen ab: Panca mit ihrer Zunge, ich mit einem Handtuch (nein, nein,nicht umgekehrt!). Während Ellen zurück in ihr Haus geht, bleibe ich in der Box und erlebe die ersten Schritte dieses rabenschwarzen Hengstfohlens, dem ich den Namen "Temujin" gebe, denn ich weiß, dass er einen mongolischen Vater hat.

Alle Ängste sind von mir abgefallen und nun kann auch ich nur noch lächeln - und verbringe jede freie Minute bei den beiden, bis sie nach zwei Tagen auf eine der freien Koppeln kommen...

 

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Eine glückliche Pferdemutter und ihr Sohn

Ob es Ähnliches wohl schon einmal gegeben hat: eine deutsche Stute wird nach zweijährigem Fernritt von einem mongolischen Steppenhengst in der Mongolei gedeckt und bekommt nach einem Flug über den Pazifik in Kalifornien einen Sohn?

Ich staune selbst und kann gar nicht oft genug zur Koppel gehen, auf der Panca mit Temujin ist, und Puschkin gleich daneben. Genau wie das Abpumpen der ersten Muttermilch (damit kein Tropfen dieser Milch mit den so wichtigen Abwehrstoffen verloren geht) und das erstmalige Füttern aus der Flasche, hält man auf dieser Ranch alle anderen Pferde zur Sicherheit für das Neugeborene auf Abstand. Ich bin zwar sicher, dass von Puschkin keine Gefahr drohte, aber meine Pferdeerfahrung ist eben weit geringer als die von Ellen. Vielleicht hatte man ja negative Erfahrungen bei diesen hochgezüchteten Vollblütern gemacht. Bei Pferden wie diesen meist im Herdenverband aufgewachsenen Huzulen habe ich ganz anderes erlebt: ein Hengst mit zwölf Stuten war auf der großen Weide den ganzen Tag unterwegs, um nach und nach jede seiner Stuten mit ihrem Neugeborenen zu kontrollieren und zu überwachen. Er würde auch das kleinste und schwächste seiner Nachkommen mit aller Macht beschützen.

Tatsächlich macht Puschkin ganz den Eindruck, als fühlte er sich als der Vater des Kleinen. Immer steht er ganz nah an den Koppelstangen, um ihn zu beschnuppern und sich von ihm in die Beine zwicken zu lassen. Dabei macht er tatsächlich ein deutlich glückliches Gesicht. Und der Kleine wird jeden Tag agiler und frecher. Von seiner Mutter entfernt er sich nie mehr als fünf Meter und kaum sieht mich Panca zur Koppel kommen, da führt sie ihn mit einem stolzen Lächeln zu mir. So kann ich ihn schon nach wenigen Stunden überall berühren, bald sogar ein Halfter anlegen und ihn sogar von seiner Mutter wegführen - solange sie allerdings in Sichtweite bleibt.

Es ist eine berauschende Freude für mich, täglich viele Stunden mit meinen Pferden in unglaublicher Vertrautheit zu verbringen. Wir sind eine Familie und es macht mich glücklich, dass sie mich für ein Familienmitglied halten. Vielleicht verstehen viele Pferdebesitzer nicht, weshalb ich sooo sanft mit meinen Pferden umgehe: sie dürfen ihre Köpfe an mir reiben, unterwegs auch mal ein paar Halme oder Zweige abrupfen. Ich stoße sie niemals zurück oder reiße sie hoch - schimpfe sie höchstens mit einem Lächeln. Sie danken es mir mit unendlicher Zuneigung - die meinen Seelenfrieden stärkt und damit auch meine Gesundheit.

Inzwischen weiß man ja: das harmonische Zusammenleben mit Haustieren stärkt das Immunsystem des Menschen. Auch mit Pferden ist es so, wenn der Mensch nur bereit ist, ihre Nähe zuzulassen und sie nicht nur als Sportgerät anzusehen. Ist dies das Geheimnis dafür, dass ich bei diesem nicht ungefährlichen, viereinhalbjährigen Abenteuer nicht ein einziges Mal krank wurde?

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Zwangspause

Immer fürchtete ich mich vor Begegnungen mit freilaufenden Hengsten, die es in Kasachstan, Sibirien und vor allem in der Mongolei zuhauf gab. Jeder Hengst möchte die Zahl seiner Stuten vergrößern. (Kaum anders, als so mancher zweibeinige Hengst!). Manchmal war ich gezwungen, sie mithilfe einer Schreckschusspistole auf Abstand zu halten (hier meine ich die vierbeinigen). Mir war nämlich bewusst, dass eine Trächtigkeit Pancas mindestens zu einer erheblichen Verzögerung der Erdumrundung führen musste. Als es aber dennoch geschah, war es nur noch Neugier und gespannte Erwartungsfreude. Aber natürlich auch eine schmerzhafte Zwangspause. Schnell wurde mir bewusst, dass ich durch die USA nicht mit einem freilaufenden Fohlen unterwegs sein konnte. Auf schmalen Grünstreifen und Böschungen am Highway entlang? Begrenzt durch endlose Stacheldrahtzäune?

In Kalifornien gab es zu jener Zeit bereits die Vernetzung aller möglichen Interessengruppen mithilfe des Internet. Freizeitreiten war sehr verbreitet und manche von ihnen waren nebenbei auch Distanzreiter. Sie nahmen mich unter ihre Fittiche und ich erhielt vielfältige Unterstützung. Sogar einen Langzeit-Rastplatz für Panca und ihren Sohn. Die Idee war, zunächst mit Puschkin allein den Weg fortzusetzen.

In Carson City/Nevada gab es eine kleine Ranch, auf der Fjordys gezüchtet wurden. Drei Stuten hatten in diesem Jahr ebenfalls gefohlt. Panca und Temujin stachen durch ihre Färbung deutlich von den Fjordys ab, waren schnell akzeptiert und fühlten sich wohl. Mehrere Tage durfte ich es beobachten und rüstete endlich zum erneuten Aufbruch. Der Abschied von den beiden fiel mir nicht leicht, doch es gab keine Alternative.

Also durfte ich Puschkin endlich über die "Golden Gate Bridge" zum Strand des Pazifik bringen, wo ein Reporter und ein Fotograph des "San Francisco Cronicle" am "Point Reyes", nördlich von San Francisco, auf uns warteten. Eine Gruppe inzwischen befreundeter und berittener Begleiter führte uns nach Interview und Fotosession über Wege, die ich selbst nie gefunden hätte. Irgendwelche Wege auf Karten zu suchen (es gab noch keine satellitengestützten Navigationsgeräte in jener Zeit), musste ich vorläufig nicht mehr. Wir wurden weitergereicht und hatten durch Kalifornien und halb Nevada an jedem Tag ortskundige, berittene Begleiter. Sogar mein Versorger wurde jeden Tag an den jeweiligen Zielort gebracht. Und: ich ritt von Barbecue zu Barbecue. Und weil jeder wusste, dass ich aus Deutschland komme, gab es auch immer ein kaltes Bier für mich und für Puschkin beste Futterversorgung.

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ACHTUNG: nicht ganz jugendfrei,
aber auf vielfältige Bitten zahlreicher Zuhörer meiner Erzählungen - hinter 'vorgehaltener Hand', hier ausnahmsweise erzählt:

"Mit Puschkin im Puff" - ein pikantes Erlebnis vom Ritt um die Welt!

Wer etwas über das Abenteuer "Mit zwei Pferden um die Welt" weiß, kennt auch meine Pferde "Puschkin", seine Schwester "Panca", und seinen Neffen "Temujin". Für Panca und ihren eben erst geborenen Sohn (Ergebnis einer Liebesaffäre mit einem Mongolenhengst nahe Ulan Bator vom Vorjahr), hatte ich einen Warte-Platz in Carson City (Nevada) gefunden, denn mit einem Fohlen die USA zu durchqueren, war viel zu gefährlich. Also startete ich mit Puschkin am Strand des pazifischen Ozeans allein, um weiter nach Osten vorzudringen.

Erst, wenn Temujin nicht mehr auf seine Mutter angewiesen sein würde, sollte sie wieder an der Seite ihres Bruders wandern. Temujin würde später zur Ostküste in vier Etappen nachgeholt werden, wenn er dazu alt genug geworden ist. In Carson City konnte er so lange bleiben und war bestens innerhalb einer Norweger-Herde mit gleichaltrigen Spielgefährten aufgehoben.

Puschkin und ich überquerten das kalifornische Küstengebirge, die Tiefebene um Sacramento, dann die Sierra Nevada und besuchten noch einmal Panca mit ihrem Sohn. Danach ging es weiter durch immer trockenere Gebiete Nevadas. Bis in die kleine Stadt Fallon gab es jeden Tag einheimische Reiter, die uns tageweise begleiteten. Das war bequem, denn ich musste keine Wege suchen und wir ritten von Barbecue zu Barbecue. Jeden Abend eine kleine Feier - ich wurde verwöhnt wie nie zuvor. Und mein vierbeiniger Begleiter Puschkin ebenfalls. Bestes Futter überall - bald strotzte auch er vor Kraft. 

Mit nur einem Pferd unterwegs zu sein, war ein neues Erlebnis. Nun war ich Puschkins alleiniger Partner und er lehnte sich an mich wie ein Bruder. Wir wurden unzertrennlich: ein äußerst beglückendes Erlebnis.

Doch in Fallon endete die bequeme Zeit mit heimischen Begleitern. Jetzt lagen extreme Wüstengebiete vor uns. Heiß und trocken - ausgetrocknete Salzseen. Knirschend brachen Puschkins Hufe bei jedem Schritt durch die salzigen Krusten. Über dutzende Meilen kein Halm, den Puschkin fressen könnte und kein trinkbares Wasser. Nur wenige stinkende Pfützen am Rande der Highways aus hochgiftiger Brühe.

In Fallon hatte George ein kleines Hotel. Es war vor hundert Jahren eine Pony-Express-Station. Hier durften sich damals die Reiter erfrischen und die Pferde wechseln. Mir ging es nun ähnlich. Puschkin war in der Nähe bestens versorgt und untergebracht - ich saß an der Bar unter vielen Reliquien aus alter Zeit: Revolver und Büchsen an den Wänden - Patronengurte und durchlöcherte Cowboyhüte - ein mächtiger Büffelkopf direkt hinter mir. Und am Abend einige Männer neben mir, die von der Arbeit kamen und eisgekühltes Bier ohne Schaum tranken. Schlafen durfte ich in einem der kleinen Zimmer über der Bar, genau wie früher die erschöpften Pony-Express-Reiter.

Am Morgen erklärte mir George, wie es für Puschkin und mich weitergehen würde - irgendwelche Begleiter gab es ab jetzt nicht mehr, wir mussten uns allein durchlagen: "Du folgst dem Highway. Nebenan gibt es einen bequemen Serviceway und der Highway ist nur schwach befahren. Wo ein Cattleguard (für Pferde und Rinder nicht begehbares Sperrgitter auf der Autostraße) ist, gibt es für Dich nebenan ein Gate im Sperrzaun irgendeiner Ranch. Du kannst das Gate öffnen, darfst aber niemals vergessen, es hinter Dir wieder zu schließen. Die nächste Pony-Express-Station ist Middlegate. Bis dort sind es fast hundert Kilometer - eine gewaltige Tortour in der Wüstenhitze und keine Vegetation und kein Wasser. Ich empfehle Dir, auf etwa halber Strecke zu übernachten. Da gibt es am Highway ein Gebäude. Es ist das einzige auf dem Weg nach Middlegate. Für Dich und Dein Pferd ist es das beste, dort die heutige Tagestour zu beenden, glaube mir. Ich werde Dein Versorgungsfahrzeug dorthin bringen und es vor dem Haus abstellen. Dann melde ich Dich an. Und lass Dein Pferd unterwegs aus keiner Pfütze trinken!" 

Natürlich bin ich George für seine umfangreiche Hilfe sehr dankbar. Und diese Hilfe sollte noch weiter gehen: Während wir (Puschkin und ich) am nächsten Tag von diesem einsamen Haus auf dem Weg nach Middlegate sein würden, wollte er zusammen mit seiner Freundin sogar mein Versorgungsfahrzeug bis zur nächsten Pony-Express-Station bringen...

Es war heiß - sehr heiß! Und die Luft äußerst trocken. Sehr früh waren wir heute Morgen gestartet, und nun ist es bereits tiefer Nachmittag. Wie viele Gates hatte ich schon geöffnet und hinter uns wieder geschlossen? Ich hatte sie nicht gezählt. Wenn ich sie nicht aus dem Sattel öffnen und schließen konnte, stieg ich ab. Puschkin blieb einfach stehen. Er hatte es schnell gelernt. Er wartete, bis das Gate offen war, dann sagte ich: "Puschkin komm". Er ging hindurch und wartete auf der anderen Seite des Zaunes, bis ich wieder im Sattel saß. Dann marschierte er weiter.

 

Der Highway macht eine Biegung um einen langgestreckten Berg herum. Hinter der Biegung setzt er sich wieder schnurgerade fort. Und dort sehe ich tatsächlich in der Ferne ein weißes, flaches Gebäude. Rechts des Asphalt-Bandes. Als wir näher kommen, erkenne ich auch mein Versorgungsfahrzeug davor auf einer Parkbucht. Als wir noch näher sind, bleibt mir erst einmal der Mund vor Überraschung offen stehen: ein großes Schild mit eindeutiger Aufschrift ist zu sehen und eine rote Laterne hängt über dem Eingang des Hauses. "Ach du lieber Himmel - ein Puff!", geht es mir durch den Kopf. Das hatte George verschwiegen und damit hatte ich nicht gerechnet. Dann fällt mir ein: "Na klar. Nevada ist der einzige Bundesstaat, in dem so etwas hier in den Staaten erlaubt ist. Aber nicht in den Städten, sondern möglichst weit abseits in den Wüstengegenden." 

Ich stehe mit meinem Pferd vor dem Tor des Zaunes, der das Gebäude weiträumig umgibt. Ein Klingelknopf ist da. Ich drücke ihn zögernd. Die Haustür geht auf und ein Mädchen im knappsten Bikini kommt lächelnd heraus, uns beide hereinzulassen. Sie zeigt mir, wo ich mein Pferd lassen kann. Hinter dem Haus gibt es ein großes Wasserfass und Schatten. Ich sattele Puschkin ab und bringe einen Heuballen aus dem Versorger, während das Mädchen mein Pferd mit verzücktem Blick streichelt. Ich beneide ihn ein wenig - schließlich bin ich selbst weder Eunuch noch Wallach - und die Sehnsucht nach weiblichen Zärtlichkeiten hatte ich schon lange erfolgreich unterdrückt. Aber nun beschleunigt sich doch mein Herzschlag - jegliches Bemühen um Fassung schwindet bei diesem Lächeln und dem Anblick dieses fast unbekleideten Körpers.

 

Sie nimmt meine Hand und zieht mich in das Haus. Im Vorraum sind mehrere Sessel und Tische und Couches. Eine Bar dahinter mit einer Reihe Barhocker. Dort soll ich mich setzen. Was ich trinken möchte, sei für mich frei, sagt das Mädchen. Ich trinke ein Bier: eisgekühlt und ohne Schaum. Sie sitzt neben mir, ihr nacktes Knie berührt das meine - und ihr Lächeln ist eindeutig. Ich habe das Gefühl, dass sie genau weiß, was in mir vorgeht. Na klar, sie ist ein Profi.

 

Und sie heizt mich weiter an, als wir auf der Couch sitzen. Sie setzt sich so, dass noch mehr ihrer erbarmungslosen Weiblichkeit sichtbar wird. Ich ringe tapfer um Fassung, denn meine Reisekasse ist längst so leer, dass ich um jeden Dollar besorgt sein muss. Und nur die Getränke seien für mich frei, sagt sie. Einhundert Dollar will sie für ihre persönlichen Dienste. Das kann ich mir nicht erlauben. Verständnis für meine finanzielle Situation hat sie nicht. Da ist sie knallhart. Ich bitte um ihr Verständnis und frage, was sie denn tue, wenn sie mal keinen Mann hat.

Sie antwortet: "Dann nehme ich einen Vibrator."

"Aber dann lass mich doch heute Nacht Dein Vibrator sein!" Das lehnt sie entrüstet ab.

 

Also ziehe ich mich wieder an die Bar zurück und lasse ein sehr enttäuschtes Mädchen sitzen. Ich gebe zu, dass sie mir leid tut. Bestimmt zweifelt sie nun an ihrer weiblichen Anziehungskraft. "Aber das kann ich natürlich auch!", murmele ich trotzig und gehe zu Puschkin hinaus. Er steht vor einem der Fenster, aus dem inzwischen laute Musik und dazwischen seltsame, menschliche Laute hörbar sind. Gardinen gibt es nicht, so kann er deutlich sehen, welch seltsame Kämpfe dort auf dem Bett stattfinden. Was er wohl denkt? Ob er vielleicht ahnt, was dort geschieht - das sich so sehr von pferdischen Liebesspielen unterscheidet?

 

Nach einer schlaflosen Nacht sattele ich am Morgen Puschkin und wir brechen noch in der Dämmerung auf.
Wieder habe ich ein gefährliches Abenteuer unbeschadet überstanden...

 

 

Mit der 26. Anekdote enden meine Kurzberichte vom Ritt um die Welt!

Auch wenn der Ritt durch die USA von San Francisco nach Washington DC und weiter jenseits des Atlantik von Amsterdam bis zum Startpunkt im deutschen Rheingau weniger spektakulär, weil viel sicherer war, hatte er dennoch seine manchmal haarsträubenden Erlebnisse.

So zum Beispiel der Ritt über den Hoover-Dam zwischen Nevada und Arizona, wieder mal mit Polizeieskorte, die angsteinflößende Durchquerung eines engen Tunnelsystems in absoluter Finsternis, und die Bedrohung durch einen Puma in einem Nationalpark mit panikartiger Flucht meiner Pferde. Gut, dass ich längst sattelfest war und so diesen katapultähnlichen Start und dem anschließenden, rasenden Galopp im Sattel überstand.

Temujin hatte ich in vier Etappen zur Ostküste nachgeholt, und am Rande Washingtons mussten alle drei Pferde während einer dreißigtägigen Quarantänezeit ihre Gesundheit beweisen, damit sie, wiederum im Flugzeug, nach Europa einreisen durften. Auch hier zeigte sich die offensichtlich unerschütterliche Immunstärke dieser beeindruckenden Pferderasse.

Der Ritt am Rhein entlang war nur noch wegen der teilweisen, erschreckenden Verkehrsdichte eine Herausforderung. Allerdings gab es auch hier eine nicht vorausgesehene Überraschung: die TÜV-Plaketten des Versorgers und des Anhängers waren seit fünf Jahren abgelaufen, was den geübten Augen einer Polizeistreife nicht entging. Meine Beteuerungen fanden Verständnis und ohne Bakschisch-Forderungen durch die Beamten durfte ich die Reise fortsetzen , was in vielen Ländern, durch die ich gekommen war, undenkbar gewesen wäre. Der Einzug in unsere Heimatstadt war dafür allerdings ein triumphales Gänsehaut-Erlebnis.

Ein Ereignis kurz vor dem Ziel werde ich nie vergessen: wir trafen auf einen Waldweg, den wir vor mehr als viereinhalb Jahren oft als Trainingsstrecke benutzten. Puschkin blieb wie angewurzelt stehen und reagierte überhaupt nicht auf meine Antriebshilfen. Er hatte ganz eindeutig den Weg wiedererkannt! Nach so langer Zeit und so vielen ähnlichen Wegen rund um den Erdball! Dies ist ein bemerkenswerter Beweis für die beeindruckende Merkfähigkeit von Pferden.

Abschließend bitte ich um Verständnis für diesen Hinweis: natürlich streute ich diese Anekdoten mit dem Ziel, die Neugier jener Leserschaft zu wecken, die das Gesamtwerk noch nicht kennen. Es konnten in dieser Form nur wenige Stichpunkte sein. Was alles zwischen diesen Anekdoten geschah, ist nicht weniger spannend und oft spektakulär. Nicht ohne Grund ist das Buch "Mit zwei Pferden um die Welt" so umfangreich geworden und wie verschiedene Leser bestätigten (übrigens auch solche, die mit Pferden gar nichts zu tun haben), ist es eine spannende Abenteuer-Erzählung vom Anfang bis zum Ende. Manche lasen dieses Buch mehrmals, andere beteuerten, dass es sie aus Depressionen befreite und sie es immer zur Hand nahmen, wenn sie aus verschiedenen Gründen verzweifelt waren. Für mich sind dies riesengroße Komplimente und solche Zuschriften geben mir das Gefühl, dieses Abenteuer nicht für mich allein gemacht zu haben. Mein niemals endender Dank aber gilt meinen Pferden, deren stets ehrliche Zuneigung meinen Mut und meine Kraft zum Durchhalten entscheidend stärkten. "Danke Panca, danke Puschkin - dort oben im Pferdehimmel. Vielleicht werde ich bald wieder mit Euch zusammen sein! Danke auch Temujin, dessen Zuneigung unendlich ist und mich immer wieder von Neuem glücklich macht!"

 

29.11.2019 | 219 Aufrufe