Diese Wahl war keine Qual!

 

Um geeignete Pferde für mein großes Abenteuer zu finden, wälzte ich sehr intensiv ein bebildertes Buch über Pferderassen. Dabei war mir klar, dass es zwei sein müssten, weil Pferde Herdentiere sind, die sich nur dann wirklich wohlfühlen können, wenn wenigstens ein Artgenosse in nächster Nähe ist. Eines meiner wichtigsten Ziele war es schließlich, meinen so wichtigen Begleitern die gemeinsame Reise so angenehm wie möglich zu machen.

 

Also legte ich bei der Wahl großen Wert auf Widerstandsfähigkeit, natürliche Gesundheit mit möglichst großer Immunstärke und Leichtfuttrigkeit. Das Alter der Tiere sollte unter 10 Jahren liegen, weil es eine mindestens dreijährige Reise werden würde (tatsächlich wurden es wegen unvorhersehbarer Widerstände viereinhalb Jahre).

 

Im Rassebuch stieß ich auf "Huzulen", die seit Jahrhunderten als Tragtiere in den unzugänglichen und zunächst weglosen, dichtbewaldeten Bergen der heute rumänischen Karpaten eingesetzt wurden. Ihre von Pferdekennern euphorischen Beurteilungen ließen mich aufhorchen und ich ging auf die Suche. Schließlich fand ich wie durch eine Fügung ein Geschwisterpaar dieser hochinteressanten Rasse und kaufte sie spontan: den Wallach "Puschkin", 7 Jahre alt, und seine Schwester "Panca", 5 Jahre alt.

 

Ein altes Buch fiel mir in die Hand, in dem ein österreichischer Offizier um 1900 diese Rasse beschrieb und mich endgültig von der Richtigkeit meiner Entscheidung überzeugte:

 

Oberstleutnant a.D. Ernst Hackl schrieb in seinem Buch „Bergtarpan der Waldkarpaten“:

 

Wenn du versucht bist, ihn nicht ernst zu nehmen und gute Nerven hast, dann lasse dich einige Tage – und Nächte werden daraus von selbst - durchs Gebirge von ihm tragen: den schwarzen Czeremosz aufwärts zum Baltagul, auf den Ladescul, den Pop Iwan, über Hänge, Wildbäche, Urwald und Sumpf, bis der Steig am Bergrutsch abreißt und dich das Grausen angeht.

Wenn du´s nicht verträgst, da hinunter zu schauen über das rieselnde Geröll, und nicht nachten willst im Urwald, mit ein paar rotglühenden Lichtern, mache die Augen zu und lasse es seine Sache sein, wie er das macht, da tastend hinüber zu kommen. Nur störe ihn nicht. Sobald er drüben gelandet ist mit dir und deinem Angstschweiß, mit einem Ruck am Rande in dem Augenblick, wo unter seinem 4. Huf das Geröll hinunter donnert und er befriedigt prustend stehen bleibt - nimmst du ihn ernst, sehr ernst, und gibst ihm, wenn er´s mag, dein letztes Stück Brot. Du wirst ihn nicht mehr dressieren nach den Regeln der Reitkunst und, wie sie glaubt, dass er den Kopf zu stellen hat, wie sie ihn lehren will, dass er sein Gleichgewicht zu finden hat.

Brückenlos im Finstern durch 19 brausende Furten, bis Baltagul läßt du ihm seinen Willen, auch wenn er mitten im reißenden Fluß stehen bleibt, umdreht und wendet und wieder wendet, sodass du nicht mehr weißt, wo die Ufer, wo rechts, wo links, ob´s vorwärts oder rückwärts geht...er bringt dich verlässlich zur Unterkunft. Trotz Nacht. Aber zwinge ihn nicht gegen sein besseres Wissen, er kennt seine Heimat und ihre Tücken. Du nicht. Und wenn du es anders machst, brichst du ihm das Bein und Dir das Genick.“

 

Ich weiß, dass jede/r Pferdebesitzer/in sein eigenes Pferd liebt und es für etwas Besonderes hält. Und natürlich ist es das auch. Wenn ich hier die "Huzulen" so hervorhebe, dann soll es keineswegs eine Minderbewertung anderer Pferderassen sein. Jede Rasse hat seine besonderen Eigenschaften und eignet sich für bestimmte Aufgaben besser als andere. Der "Huzul" wird also bestimmt nie ein hochgradiges Springpferd sein, oder eine Dressur gegen z.B. speziell gezüchtete Warmblüter gewinnen. Dafür gehört er zu den besonderen Wanderreitpferden und ist aufgrund seiner Urgesundheit das ideale Pferd für Langzeit- und Abenteuerritte. Es ist nur zu wünschen, dass der Mensch in seiner Sucht nach Einmischung in die natürlichen Verhältnisse der Fortpflanzung, die Eigenschaften dieser Rasse nicht schwächt, wie er es schon bei so vielen Rassen tat.

11.09.2021 | 94 Aufrufe