Zum Verständnis des Zirkus mit Tieren

 

Zirkusbranche und Zirkusfreunde haben Grund zum Feiern – denn dieses Jahr zählt ihre traditionsreiche Kulturform ihr 250-jähriges Jubiläum. Der Zirkus ist die einzige moderne Kulturgattung, in welcher die Präsentation von Tieren, ihre Bewegungsabläufe und Schönheit als darstellende Kunst gewürdigt werden und deren Geschichte von Anfang an mit der Dressur von Tieren verknüpft ist: 1768 eröffnete der Reitlehrer Philip Astley in London einen Veranstaltungsort mit runder Arena, in welchem er nachmittags Vorführungen mit Pferden zeigte, und ergänzte diesen im Laufe der Zeit mit einem Orchester, Clowns, Jongleuren und weiteren Artisten. Die Veranstaltungsform Zirkus war geboren.

Ende des 19. Jahrhunderts erweiterte Ernst Jakob Renz die Vorstellungen im Zirkus um andere Darbietungen mit Tieren, darunter Raubtierdressuren, die unter Zugrundlegung des Prinzips der humanen Raubtierausbildung seines Zeitgenossen Gottfried Claes Carl Hagenbeck erstmals in ihrer heutigen Form gelangen. Mit dieser Ausdifferenzierung der Zirkusprogramme setzte auch Spezialisierung und Professionalisierung auf der Grundlage von Erfahrungswerten in der Zirkustierhaltung ein.

Zu einer Spezialisierung kam es in Hinblick darauf, als sich bestimmte Tierarten in ihrer Lebensweise und Auffassungsgabe als besonders geeignet für diese erwiesen. Hieraus geht die bis heutige gültige Tatsache hervor, dass, anders als in frühen Wandermenagerien, im Zirkus nicht einfach „fremde Tiere“, sondern eigentlich immer dieselben, bestimmten exotischen Tierarten und Haustiere gehalten werden: So sind Pferde, Hunde, Raubtiere, Kamele, Lamas, Seelöwen und Elefanten bis heute die verbreiteten Tier-Vorstellungen in einem klassischen Zirkusprogramm.

Eine Professionalisierung fand dahingehend statt, als dass die heutige zoologisch erfolgreiche Pflege ausgewählter Tierarten im Zirkus freilich kein Zufallsprodukt, sondern ein Ergebnis tradierten Spezialwissens ist. Dass eine Tierhaltung als zoologisch erfolgreich bezeichnet werden kann, da die Tiere gesunde Nachkommen zur Welt bringen und ein die Verhältnisse in der Wildbahn übertreffendes Lebensalter erreichen, ist bei der Haltung sowohl von Haustieren als auch exotischen Tieren stets ein Ergebnis von Wissen und praktischen Fertigkeiten. Da dieses Wissen bei den Zirkusleuten über Generationen tradiert wird, verwundert auch nicht, dass oftmals bestimmte Tierhaltungen und Arten von Tiervorführungen über mehrere Generationen in derselben Familie „weitervererbt“ werden, wie beispielsweise die Pflege von afrikanischen Löwen in der bekannten Tiertrainer-Familie Lacey.

Der Zirkus in seiner heutigen Form unterscheidet sich aber auch in weiterer Hinsicht von den Wandermenagerien des 18./19. Jahrhunderts: Es geht nicht mehr darum, lebende Tiere auszustellen, sondern in den Proben und Vorstellungen eine Kultur der Interaktion zwischen Mensch und Tier sowie hautnahe Erlebnisse mit Tieren einer zunehmend naturfremden Gesellschaft zu vermitteln. Oftmals wöchentlich stattfindende Kontrollen am Gastspielort machen den Zirkus heute zur am strengsten kontrollierten Tierhaltungsform in Deutschland. Außengehege mit Weidezäunen, Badebecken, beheizte Innenräume und Stallzelte sorgen für einen hohen Standard der Zirkustierhaltung in Deutschland sowie anderen mitteleuropäischen Ländern wie Frankreich und der Schweiz.

Obwohl der intakte Zirkus mit Tieren über die Jahrhunderte schon oft für tot erklärt wurde, ist er gerade in diesen Ländern keine Randerscheinung, sondern nach wie vor ein Phänomen der Massenkultur. Hiervon zeugen die beeindruckenden, im Hunderttausender-Bereich liegenden Besucherzahlen der jüngsten Weihnachtszirkus-Produktionen sowie die durchschnittlich 1,1 Millionen Besucher allein des Circus Krone pro Jahr. Diese Entwicklung ist zu begrüßen, da gerade in der heutigen Zeit, in welcher der Umgang mit Tieren eben nicht mehr selbstverständlich und alltagsnah ist, der Zirkus als Kultureinrichtung authentische Erfahrungen der Partnerschaft von Mensch und Tier, des Tierverhaltens sowie des Wesens von Tieren vermitteln und somit Brücken zwischen Mensch und Tier schlagen kann.

Dies gilt umso mehr in einer Gesellschaft, in welcher an die Stelle praktischen Tierwohls und realen Erfahrungen mit Tieren ein vernunftferner und inhumaner Aktivismus, der letztlich dem Tier nicht gerecht wird und dem Menschen feind ist, zu treten droht. Nicht von Problemen des Tierschutzes im Zirkus, sondern von der Problematik der eben beschrieben Zeiterscheinung zeugt auch die Präsenz der Zirkusgegner vor dem Eingang des Circus Krone an diesem Samstag. Deshalb waren am 03.03. auch Mitglieder der Gesellschaft der Circusfreunde Deutschlands, Sektion München, im Eingangsbereich des Circus Krone zugegen, um – mit Unterstützung des Aktionsbündnis „Tiere gehören zum Circus“ – auf die soeben beschrieben Zusammenhänge sowie den hohen Standard der Tierhaltung und Tierausbildung im Zirkus in Deutschland, die übrigens bundesweit einheitlich geregelt ist, aufmerksam zu machen. Denn es gäbe keinen größeren Schaden für den europäischen Zirkus, die Nachfolger von Philip Astley und Ernst Jakob Renz, sowie letztlich auch für die betroffenen Tier-Individuen, wenn das 250-jährige Zirkusjubiläum mit einem Verbot zusammenfallen würde und der vollständige Zirkus nur noch eine wehmütige, lediglich auf Fotografien gegenwärtige Erinnerung wäre.

Geschrieben von: Bernhard Eisel


Löwenmann Baluga und sein Freund Martin Lacey jr. im Circus Krone (Foto: Dirk Candidus). Aus dem Artikel: "Es geht nicht mehr darum, lebende Tiere auszustellen, sondern in den Proben und Vorstellungen eine Kultur der Interaktion zwischen Mensch und Tier sowie hautnahe Erlebnisse mit Tieren einer zunehmend naturfremden Gesellschaft zu vermitteln." 

 


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