Manfred S. Schulze
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"Seemannsgarn?"

- Hein Buddelkieks unglaubliches Abenteuer -

 

erzählt von Manfred S. Schulze, ist endlich veröffentlicht: als Printversion in hardcover: ISBN 978-3-944416-34-2 und als Ebook auf allen Portalen: ISBN 978-3-944416-35-9 als Hörbuch ebenfalls bald (in Arbeit): ungekürzte Autorenlesung: ISBN 978-3-944416-36-6.

"Ein alter Seemann lebt in seinen Erinnerungen und erzählt sein größtes Abenteuer: In der Mitte des vorigen Jahrhunderts wird sein Fischdampfer im Nordatlantik von einem brechenden Eisberg zertrümmert und in die Tiefe gerissen. Die Suche nach dem Schiff und seiner Besatzung bleibt erfolglos: 'Totalverlust'. Niemand konnte ahnen, dass es einer in höchster Not schaffte, sich auf das Eis zu retten. Aber damit war seine Not noch lange nicht beendet... Das Eis trieb nach Süden und begann zu tauen. Kurz vor dem Hungertod verschlug es ihn an die afrikanische Küste. Hier wurden Menschen zu rettenden Freunden, andere zur erneuten Bedrohung für ihn."

Eine Erzählung voller Spannung, Dramatik und Mystik und die Erkenntnis, dass es sich immer lohnt, niemals aufzugeben.

Bezugsquelle, Preise, Lieferbedingungen und Leseprobe im Internet unter: www.weltumreiter.de/Bücher-DVD

 

 

 

Leseprobe

           Jetzt war es wohl so weit. Jetzt nahte eine Katastrophe. Aufrecht und steif hatte Hein bisher auf seinem Platz gesessen, doch jetzt krümmt sich sein Rücken und er wirkt beinah zwergenhaft. Als wollte er sich ducken vor einer drohenden Gefahr.

 

           "Am nächsten Tag, es war wohl gegen Mittag. So genau weiß ich es nicht mehr. Die Tageszeiten zu beachten, hatten wir schon lange aufgegeben. Es war ja Sommer und es gab längst keinen Sonnenuntergang mehr nördlich vom Polarkreis. Immer stand die Sonne irgendwo am Himmel. Mal höher, mal tiefer. Wer keinen Kompass vor der Nase hatte, wusste auch nie, wo Norden oder Süden war, Osten oder Westen. Ringsum war immer nur Wasser. Mal ruhig und glatt und die Spiegelungen tanzten auf dem Wasser, dass man ganz blind wurde. Dann wieder kräuselig durch sanfte Winde, oder aufgewühlt von fernen oder nahen Stürmen. Es war eigentlich Hochseefischer-Alltag. Der letzte Fischgrund brachte kaum noch Fang, deshalb dampften wir auf zu einem anderen. Die Fischberge an Deck wurden allmählich kleiner und bestimmt würden die letzten Kabeljaus am nächsten Tag unter Deck sein. Da meldete der Ausguck: 'Ein Eisberg, er ist riesig.'

           'Wo?' will gleich der Kapitän wissen.

           'Zwei Strich Steuerbord.'

           Neugierig tritt der Kapitän auf der Brücke neben den Ausguck. Sofort kriegt sein Gesicht wieder diesen gierigen Blick und mit grinsender Fratze ruft er laut: 'Zwei Strich Steuerbord!'

           Der Rudergänger reagiert sofort und dreht das Steuerrad nach rechts, beobachtet den Kompass und geht nach wenigen Sekunden wieder zurück auf mittschiffs. Ich stehe am Bug und beobachte besorgt den langsam näher kommenden Eisriesen. Er ist wirklich riesig. Je näher wir kommen, um so deutlicher wird seine gewaltige Größe. Nicht sein Umfang ist es eigentlich, sondern vor allem seine Höhe.

           'Mach nicht wieder so ein Gesicht, Hein. Als hättest Du die Hosen voll. Du weißt doch, dass die Gegenmasse unter Wasser um ein Vielfaches größer ist und er deshalb überhaupt nicht kippen kann. Das mit dem Kippen sind doch alles nur Gerüchte', schreit der Kapitän von der Brücke runter.

           Ich habe darauf nicht geantwortet. Das war sowieso zwecklos. Andere Meinungen haben ihn nie interessiert. Er glaubte schon immer, alles besser zu wissen, als alle anderen. Aber ich hatte so ein unbestimmtes Gefühl in mir. Es war diesmal mehr als einfache Furcht. Schließlich wusste ich, dass dieses vielfache Gegenwicht unter Wasser ja in seinem Element schwamm, also wesentlich leichter war als seine Gesamtmasse. Und im Wasser zudem wie auf einem gut geschmierten Gleitlager ruhte. Kleine Schwingungen könnten sich leicht vergrößern und immer weiter pendeln, bis zum Kippen. Außerdem klangen mir immer noch Fietes Prophezeiungen in den Ohren.

           Noch weit vor dem Riesen ließ er das Netz wegfieren. Dann schleppten wir es ganz nah heran und liefen an der eisigen Flanke entlang. Wir waren so nah, dass wir unsere Köpfe ganz weit in den Nacken legen mussten, um seine Spitze zu sehen. Das Eis strahlte eine Kälte ab, dass wir an Deck schnell die dicksten Winterklamotten anziehen mussten. Und dann war es soweit. Der Ausguck meldete plötzlich, dass vor uns unter der Wasseroberfläche Eis zu sehen sei. Es schimmerte Türkis aus geringer Tiefe. Dort muss also dieser Riese einen Teil seiner Unterwassermasse wie ein Riff vorgelagert haben.

           Der Kapitän brüllt 'Dreh ab!'. Aber wir waren schon zu nah an diesem Riff. Der Aufprall war gewaltig. Es riss alle von den Beinen, die sich nicht gerade irgendwo festhalten konnten. Die Fischverarbeiter stürzten in die Kabeljaus, manche wurden von ihnen zugedeckt. Irgendjemandem zu Hilfe zu kommen, war jedenfalls zu spät. Auf unseren Aufprall folgte augenblicklich ein gewaltiger Donner aus dem Eisriesen heraus. Dort, wo die Brandung der See eine rundum laufende Rinne in das Eis gewaschen hatte, brach er auseinander. Ich war zu der Zeit ganz vorn am Bug, als der obere Teil des Berges auf unser Schiff stürzte. Das Heck und die Brücke wurden getroffen. Das Getöse war überirdisch. Mit dem Zertrümmern des halben Schiffes, dem Bersten des Eises und dem Einschlagen eines riesigen Eisfelsens ins Wasser gab es ein Geräusch, dass ich noch heute jede Nacht hören muss.

           Niemand konnte noch irgendwie reagieren. Noch nicht mal über Bord springen, um sich vielleicht zu retten. Es ging einfach alles viel zu schnell. Hier zeigte sich erst richtig, wie winzig unser Schiff war gegenüber dieser Gewalt. Und wie ohnmächtig wir Menschen auf ihm. Alle Sauf- und Raufbolde, die sich immer für unbezwinglich gehalten hatten, waren nicht mal mehr fähig, zu fluchen. Jetzt wurden sie wie Ameisen unter dem Schuh eines Menschen zermalmt. Wahrscheinlich auch der Kapitän. Jedenfalls alle, die sich im Heck oder auf der Brücke befanden und viele von denen auf dem Vorschiff. Mehrere Fischverarbeiter hatten noch ihre Messer in einer Hand und einen Kabeljau in der anderen, als sie, genau wie ich, in die Höhe katapultiert wurden. Alle, die sich weit vorn befanden. Manche klatschten auf die zermalmten Reste des Schiffes in diesem gewaltigen Wasserstrudel oder gegen das Eis. Ich konnte es während meines Fluges gerade noch sehen, denn ich flog höher als alle anderen, weil ich zufällig am weitesten vorn war, wo die Hebelwirkung für das Hochschnellen am größten ist. Das allein hatte dazu geführt, dass ich nicht auf Teile des Schiffes oder die untertauchenden Eismassen aufschlug, sondern in das aufsprudelnde Wasser. Ich wurde hinabgezogen, versuchte verzweifelt an die Oberfläche zu kommen, verlor die Orientierung, wusste nicht mehr, wo oben oder unten ist. Es wirbelte mich ständig rundum. Meine Atemluft ging zu Ende. Dann schluckte ich Wasser, spürte die Eiseskälte in meinen Körper kriechen. 'Jetzt hab ich es geschafft!', konnte ich grade noch denken, dann verlor endlich das Bewusstsein.

           Ich weiß nicht, wie lange ich ohnmächtig war. Aber als ich wieder zu mir komme, kotze ich erst einmal Wasser. Ich glaube, eine Pütz wäre voll geworden davon. Dann erst wird mir bewusst, wo ich bin und was geschehen war. Mit dem Kopf bin ich über dem Wasser, der Körper ist kaum zu spüren. Wahrscheinlich hat sich eine Luftblase in meiner Jacke halten können. Alle übrigen Körperteile hängen wohl senkrecht nach unten. Ich sehe zwei Eisriesen. Die Lücke zwischen ihnen ist direkt vor mir, das mussten diese beiden auseinandergebrochenen Teile sein. Das Wasser ist noch immer unruhig, es schwabbelt aufgeregt um mich herum und klatscht ständig gegen das Eis. Einige Holzplanken schwimmen umher, es sind Schottbretter meines Schiffes. Sie hatten an Deck verhindert, dass die Kabeljaus bei Seegang unkontrolliert herumrutschen konnten. Jetzt können sie das nicht mehr, sondern schwimmen selbst inmitten der toten Fische. Ich versuche, zu einem Schottbrett zu gelangen, um mich vielleicht daran festzuhalten. Aber ich bin steif, kann mich nicht bewegen. Und ich spüre, wie langsam auch mein Geist einfriert. Immer schwerer fällt mir das Denken. Das Wasser hatte hier bestimmt nur wenig mehr als Null Grad. 'Wenn ich doch nur dort an den flachen Teil des weißen Berges kommen könnte, der ganz nah ist, und der gerade so eben aus dem Wasser ragt. Dort könnte ich mich bestimmt hinaufziehen', kann ich gerade noch denken. Ich versuche, einen Arm anzuheben und nach vorn zu strecken, um eine Schwimmbewegung hinzukriegen. Aber es geht nicht. Auch nicht unter größter Anstrengung, nicht mit aller Gewalt.

           'Das wars', denke ich und bin dabei, mich aufzugeben. 'Warum soll gerade ich überleben, als Einziger? Wohin ich auch sehe, da schwimmt nirgends ein Mensch. Nur tote Kabeljaus und Schottbretter und über allem eine unglaubliche Menge von kreischenden Möwen. Woher konnten die so schnell erfahren haben, dass es hier viele Fische an der Oberfläche geben würde? Und wieso schwimme ich überhaupt noch an der Oberfläche? Ohne die geringste Schwimmbewegung? Und wieso kommt dieser Eisberg plötzlich immer näher? Genau mit dieser flachen Stelle, die gerade so aus dem Wasser ragt? Wo ich so gern hinaufgeklettert wäre? Schwimmt der auf mich zu?'           Plötzlich spüre ich eine Bewegung unter mir. Etwas ist da, dass sich gegen mich drückt. Immer wieder. Und nach vorn schiebt! Ich richte meinen Blick nach unten. Da ist etwas Dunkles unter mir. Ganz nah. In Wellenbewegungen entfernt es sich ein bisschen, kommt wieder hoch und berührt mich wieder. Sofort kommt dieser Schub nach vorn, auf das Eis zu. So stark, dass ich eine Bugwelle erzeuge und schon wieder Wasser schlucke. Plötzlich arbeitet mein Geist auch wieder, ich spüre eine befreiende Erregung." ...

 

20.02.2017 | 2927 Aufrufe