1. Fortsetzung zu: "Schon davon gehört?"

Grenzübertritt zur Ukraine

Polen galt so wenige Jahre nach der "Wende" durchaus noch als ziemlich bedrohliche Region, was die Kriminalität anbelangt. Was ich aber vorfand, war fast nur Freundlichkeit, Gastfreiheit und Hilfsbereitschaft. Wenn aber die Sprache auf die Ukraine kam, bekamen Kenner Sorgenfalten auf die Stirn. Dort sollte es sogar lebensbedrohlich sein, wenn der Reisende nur den Anschein erweckte, nicht arm zu sein. Und wenn er sogar in der Lage war, mit einem Planwagen und zwei Pferden jahrelange Reisen zu unternehmen, dann musste bei ihm doch etwas zu holen sein! Nicht wenige hielten mein Vorhaben, ehemalige Sowjetstaaten zu bereisen, einfach für verrückt und glaubten, mich nie wieder zu sehen...

 

Und dann standen wir am Grenzübergang "Rawa Russkaja". Den empfahl mein alkoholsüchtiger und deutlich krimineller, ukrainischer Begleiter, weil er sich dort auskannte und "Freunde" hatte. Und dann standen wir am polnisch-ukrainischen Grenzbaum. Das erregte so viel Aufsehen, dass auf beiden Seiten die Warteschlangen immer länger wurden, weil sich alle Grenzbeamten beider Seiten nur noch um uns kümmerten. Offiziere wollten sogar für ein Foto auf den Kutschbock und Pawel II war in seinem Element. Er lachte und grölte, denn sein Alkoholpegel vom letzten Abend war noch immer viel zu hoch.

 

Der ukrainische Grenzveterinär kam zu mir und fragte auf Deutsch, ob meine Pferde denn gesund seien. Ich streckte ihm stolz den längst abgelaufenen 'Cogginstest' entgegen, doch er winkte ab, lachte freundlich und ging davon. Dieses Gesundheitspapier für Pferde gilt eigentlich nur für 21 Tage. Trotzdem half es uns noch bis an die chinesische Grenze im dritten Reisejahr. Kontrollierende Veterinäre an diversen Grenzen bis dorthin taten, als könnten sie es lesen und drückten ihre Stempel darauf. Sie verließen sich lieber auf ihre Beurteilung der sichtlich gesunden Pferde.

 

Nun waren wir also in der Ukraine. Kriminelle Bedrohungen empfand ich nur durch Pawl II und seiner "Freunde". Gleichzeitig aber kümmerten sich andere um meine Sicherheit. Sie bewachten mich und meine Ausrüstung, besorgten Kraftfutter und Grünfutter aus den immer noch funktionierenden Kolchosen, und schafften so tatsächlich einen sehr hilfreichen Ausgleich für tatsächliche Begehrlichkeiten dubioser Gestalten. Schließlich war es sogar eine Polizeistreife, die uns bat, lieber im nächsten Dorf unser Nachtlager aufzuschlagen, und nicht neben einer Hautverkehrsstraße.

27.01.2022 | 2770 Aufrufe