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Klabautermann verlass uns nicht!

Auf jedem Schiff treibt er seinen Schabernack.
Er hat ein grünes Gesicht und blaue Zähne.
Mit Hammerschlägen warnt er die Mannschaft bei Gefahr,
wenn ihn niemand sehen kann.
Mit schabenden Geräuschen verabschiedet er sich von den verlorenen Seeleuten,
bevor er das sinkende Schiff verlässt...

Lesen Sie in diesem Buch die schönen,
seltsamen und manchmal haarsträubenden Erlebnisse einer neugierigen Landratte,
die auszog, um sich Seebeine wachsen zu lassen:

bei Frachtschifffahrt und Hochseefischerei
in den stürmischen und eisigen Weiten des Nordatlantik,
in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts,
als die Seefahrt noch voller Gefahren war.

ISBN 978-3-944416-09-0, 210x150x17 mm, hardcover, 152 Seiten, 29 Schwarz-Weiss-Bilder, Gewicht: 415 Gramm
Preis: 19,50 Euro

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Diese Ausgabe ist als Ebook erschienen:
ISBN 978-3-944416-15-1 im Epub-Format bei Libreka und angeschlossene Portale

und als Hörbuch:
ISBN 978-3-944416-11-3 im MP3-Format bei Bookwire und angeschlossene Portale
und dann auch in physischer Form auf CD-Rom oder auf USB-Stick im MP3-Format.

 

Leseprobe: 

"Klabautermann verlass uns nicht!"

"TOD AN BORD

...Der Kapitän ist noch keine Stunde an Bord, als der erste Maschinist mit schreckgeweiteten Augen auf ihn zustürmt. „Kommen Sie, es ist was Schreckliches passiert“ und alle, die jetzt um den Kapitän herumstehen, folgen dem verstörten Maschinisten die Treppe hinunter in den langen Gang zu den Kammern. An der Tür zu Rudis Kammer lässt der Erste seinem Kapitän den Vortritt. Der sieht auch das weiße Seil und scheint zu ahnen, was passiert ist. Beherzt drückt er die Tür mit aller Macht weiter auf und nun kann jeder, der in den Raum tritt, Rudi, den zweiten Maschinisten sehen: Das weiße Seil kommt auf der Innenseite der Tür von deren Oberkante und endet in einer fest zusammengezogenen Schlinge um Rudis Hals. Sein Kopf ist leicht nach vorn geneigt, unnatürlich hell und fahl ist seine jetzt pergamentene Haut. Der Oberkörper hängt herab und ganz schlaff auch die Arme. Sein Gesäß hat den Boden nicht erreicht und auch nicht seine Hände. Die Beine sind schräg abwärts nach vorn gestreckt, nur die beschuhten Fersen berühren den Boden. Neben Rudi liegt eine leere Whiskeyflasche und auf dem Tischchen ein handgeschriebener Brief.
Auch Manne ist in seiner Neugier den anderen gefolgt, um zu sehen, was den ersten Maschinisten so erschreckt hat. Nun steht er da mit einem Gefühl des Grauens und ist zu keinem Wort fähig. Der Kapitän wirft einen Blick auf den Brief, dann scheucht er alle mit ausgestreckten Armen aus der Kammer. Während an Deck brummelnd diskutiert wird, was zu dieser schrecklichen Tat führen konnte, eilt der Kapitän in das Büro seiner Reederei und kurze Zeit später kommt ein Polizeiauto mit Blaulicht.
Zwei Polizisten inspizieren Rudis Kammer, lesen seinen letzten Brief und schreiben ein Protokoll. Dann kommt ein Leichenwagen vorgefahren und in einem Blechsarg mit je zwei Griffen vorn und hinten wird Rudi von Bord getragen. Still und ein wenig blass starren alle auf diesen Sarg, in dem einer von ihnen jetzt für immer an Land gebracht wird.
„Was ist nur passiert, dass Rudi das tun konnte?“ Keiner hatte irgendein Anzeichen an Rudi bemerkt. Er war ein stiller, reifer Mann, der immer gewissenhaft seine Arbeit machte. Er verdiente gut und jeder wusste, dass er eine gut aussehende Frau hatte, die ihn zu jeder Reise zum Schiff brachte und ihn auch abholte, wenn die Kap Farwell wieder ihren Heimathafen erreicht hatte.
„Auch beim letzten Mal vor wenigen Tagen?“, jetzt kommen einige ins Grübeln.
„Nee, ich glaube nicht. Ich meine, er hat diesmal ein Taxi genommen“, sagt Herrmann.
Jetzt gehen auch die Polizisten von Bord und der Erste Maschinist tritt zu der großen Gruppe der ratlos an Deck Rätselnden und erklärt: „Rudi kam nach Hause und fand seine Frau mit einem anderen im Bett. Das hat er nicht verkraftet. Er war so sicher, dass sie ihm treu sei. Das stand im Brief.“
„Kannst Du Dich noch an die Story erinnern, die jahrelang auf allen Schiffen erzählt wurde? Wo dieser Steuermann unterwegs überraschend gestorben war?“, fragt Herrmann seinen Namensvetter.
„Ja, ja“, antwortet der. „Der muss einen Herzschlag gehabt haben. Fiel einfach um und sagte keinen Mucks mehr“. Sofort richten sich jetzt alle Blicke neugierig auf Herrmann, den ersten Steuermann und der erzählt weiter:
„Also, alle waren bis obenhin beschäftigt. Fisch ohne Ende, ihr wisst schon. Keine Zeit für Pausen, keine Zeit zum großartig Nachdenken. Und dann fällt auch noch einer aus! Seit Tagen hat keiner mehr richtig geschlafen und alle waren hundemüde. Wohl auch der Kapitän, denn der ordnete an, dass dieser tote Steuermann in den Tiefkühlraum gelegt werden soll. Die Reise jetzt zu unterbrechen oder gar abzubrechen, kam ihm nicht in den Sinn. Und wenn der tiefgefroren ist, kann der auch noch nach Monaten seziert werden. Allerdings hat er in dem ganzen Trubel vergessen, die Reederei zu verständigen.“
„Is ja ´n Ding“, sagt Fiete. „Stell Dir mal so was vor. Da kratzt du unterwegs ab und wirst noch wochenlang spazieren gefahren. Und wie ging das weiter?“
„Also, warum auch immer, der Kapitän hat den ganzen Vorgang einfach vergessen und alle anderen glaubten wohl, dass alles seine Richtigkeit hat, also das die Reederei Bescheid weiß. Sie machen nach Wochen in Altona fest und da steht auch schon die Frau von dem Steuermann mit ´nem Blumenstrauß in der Hand, um freudestrahlend ihren Mann abzuholen. Doch der kommt und kommt nicht. Als sie schließlich nach ihm fragt, wird sie zum Kapitän geschickt, der gerade mit seinen Papieren zur Reederei will. Da fällt ihm das wieder ein und unter tausend Bitten um Verzeihung führt er die Frau zu ihrem Mann, der bretthart und eisgrau in dem Tiefkühlraum steht, denn liegend hat er zu viel Platz verbraucht, der ja für den Fang benötigt wurde. Da ist die Frau einfach umgefallen.“
„Na so ein Wunder!“, sagt Fiete. „Und so ein Seemannsgarn!“, und lacht lauthals, bis ihm wieder einfällt, dass gerade einer ihrer Kollegen tot von Bord getragen wurde. Erschrocken hält er inne und sein Gesicht wird wieder ernst.
„Nein, nein“, antwortet Herrmann. „Das ist kein Seemannsgarn, das ist Tatsache. Frag mal im Büro drüben, die werden es Dir bestätigen“.
Dröhnend ertönt jetzt Willis Stimme, der aufgebracht ist und sehr blass im Gesicht. Er ist der älteste an Bord und der erfahrenste Seemann ringsum. Auf Windjammern wurde er zum Seemann und auf diesen alten Segelschiffen verbrachte er die meiste Zeit seines Lebens. Jene Zeiten, die er irgendwo an Land verbrachte, machen noch nicht mal zehn Prozent seines langen Lebens aus. Seinen sechzigsten Geburtstag feierte er schon vor vielen Jahren und was er alles in seinem Leben als Seemann erlebte, erzählte er bisher Niemandem, denn er hat längst keine Familie mehr: „Schämt Ihr Euch gar nicht? Wisst Ihr nicht, was für schändliches Zeug Ihr da redet und obendrein noch lacht? Wenn einer von Euch an Bord gestorben ist und schändlich gequatscht wird, kaum dass er von Bord getragen wurde, dann hat das Folgen. Habt Ihr schon mal vom Klabautermann gehört? Euch Gedanken gemacht, was hinter diesen Geschichten steckt? Dass sind nicht bloß irgendwelche Sagen von einem Kobold, der auf Schiffen seine Possen treibt. Er beeinflusst als gequälter Geist eines verstorbenen Seemannes das Leben auf jedem Schiff.“
Alle sind plötzlich mäuschenstill geworden und richten ihre Blicke auf Willis Gesicht, dessen Augen ungewöhnlich groß geworden sind, beinah wie glühende Lichter aus seinem faltigen Gesicht strahlen. Diese Augen ziehen alle anderen in ihren Bann und keiner weiß, warum das so ist. Nie sah jemand diese Augen bei Willi, der immer die Ruhe selbst war, niemals laut geworden war, sich mit niemandem jemals anlegte.
Herrmann findet als erster seine Sprache wieder und er sagt sehr kleinlaut: „Aber sicher wird wohl jeder schon die Geschichten vom Klabautermann gehört haben. Und sicher beschleicht jeden, der als Seemann in schwerer See unter Lebensgefahr unterwegs ist, ein Gefühl der Angst, wenn er an den Klabautermann denkt. Da geht es ja nicht nur um Possen, die er mit der Mannschaft treibt, er warnt sie ja auch und bringt den Seeleuten Respekt bei. Das ist ja wohl seine Aufgabe als Geist eines verstorbenen Seefahrers.“
„Das mit Rudi ist ein schlechtes Omen für die nächste Reise“, sagt Willi. „Vor allem, dass sie ihn mit dem Kopf zuerst von Bord trugen. Ist das Niemandem aufgefallen? Für den Klabautermann ist das ein Zeichen, dass man ihn so schnell wie möglich loswerden wollte und keinen Respekt vor ihm hat. Rudi aber hat dieses Schiff, sein Schiff, als sein Grab auserwählt. Er wollte weiterhin unter uns sein, denn von uns wurde er nie enttäuscht. Wenn sein Kopf als letzter Teil seines Körpers das Schiff verlässt, bedeutet es, dass seine Seele an Bord bleibt. Doch seine Seele ist nun dort, wo er so sehr gedemütigt wurde, dass er keinen anderen Ausweg mehr wusste, als sich das Leben zu nehmen.“
Eine seltsam gedrückte Stimmung zwischen Ehrfurcht und Demut herrscht unter der Besatzung. Selbst die Rauf- und Trunkenbolde unter ihnen bringen kein Wort mehr über die Lippen und sind versunken in trüben Gedanken. Dass Seemänner sehr abergläubisch sind, weiß Manne längst. Doch was er nun hier erlebt, lässt auch ihn erschauern und auch ihn lassen die Worte dieses alten Seemannes nicht unberührt.
„Wenn da mal nix passiert...“, sagt Willi sehr ernst und fügt hinzu: „Denkt daran auf der nächsten Reise: wenn ihr ihn klopfen hört, dann sind es Warnungen. Hört ihr aber das schabende Geräusch, als hobele jemand Holzplanken, dann verlässt der Klabautermann das Schiff, denn es wird untergehen.“ Dann wendet er sich ab und schlurft zum Niedergang. Als Manne anschließend auf dem Weg zu seiner Kammer an der von Willi vorbei geht, sieht er ihn durch die offenstehende Tür auf dem Boden knien und über gefalteten Händen ein Gebet sprechen..."

 

 

 

23.06.2018 | 2374 Aufrufe