Erinnerungen an Temujin

Dieser Huzulen-Mongolen-Mix, in der Mongolei während meines dortigen Aufenthaltes gezeugt und nach unserer Pazifik-Überquerung auf einem Vollblüter-Gestüt in Kalifornien geboren, war mir wegen seiner besonderen Anhänglichkeit seelisch besonders nah.

Ein berührendes Ereignis rückt deshalb immer wieder unwiderstehlich in meine Erinnerung. Es geschah nach einer Präsentation meiner berühmt gewordenen Pferde auf einem "Hessentag" in Idstein, als Temujin 3 Jahre alt war:

"Ich hatte ihn schlafend völlig flach auf der Weide liegen sehen. Auch alle anderen Pferde ringsum hatten gelegen, denn für sie war ein besonders anstrengender Tag zu Ende gegangen. Auszuprobieren, wie sich Temujin verhalten würde, wenn ich mich zu ihm lege, kam mir damals in den Sinn.

               Es war schon Mitternacht vorbei, als ich in die Koppel stieg und zu ihm ging. Als ich auf drei Schritte heran war, hob Temujin seinen Kopf und sah mir gelassen entgegen. Also kniete ich mich neben ihn und sprach leise mit ihm, streichelte seinen Hals. Da legte dieses Pferdchen seinen Kopf mit einem tiefen Seufzer wieder ins Gras und schloss die Augen. Solches Verhalten eines Tieres, das seit Jahrtausenden Flucht- und Opfertier war, zeugte bereits von übergroßem Vertrauen und berührte mich sehr. Temujins Beine waren ausgestreckt, so hatte ich mich eng zwischen sie gesetzt und vorsichtig meinen Oberkörper auf seinen Körper gelegt. Mein Kopf fand einen weichen Platz hinter Temujins linker Schulter. Langsam fühlte ich die Wärme des Pferdekörpers in mich hineinkriechen, hörte seine Atemzüge immer tiefer werden und die Abstände zwischen ihnen immer größer. Mit ihnen hob und senkte sich auch mein Körper - und wiegte mich langsam in einen ungewollten Schlaf, der völlig traumlos war…

               Als ich nach drei Stunden erwachte, hatte sich Temujin noch immer keinen Millimeter gerührt, obwohl alle anderen Pferde ringsum längst wieder auf allen Vieren standen und weideten. So erhob ich mich vorsichtig und musste erkennen, dass mein Pferdchen geduldig darauf gewartet hatte.

               Erst jetzt reckte Temujin seine Glieder, hob seinen Kopf und blickte mich mit seinen dunklen Augen, die im ersten Licht des Tages seltsam glänzten, an und deutlich war zu erkennen, dass die Seele dieses Pferdchens lächelte. Dann erhob sich auch Temujin, schüttelte den Staub aus seinem Fell und blieb abwartend stehen, immer noch den Blick auf mich gerichtet, als wartete er auf Irgendetwas. Da war ich ganz nah an ihn herangetreten, hatte beide Arme um seinen kräftigen Hals geschlungen, meine Nase in das Fell gedrückt und ein „Danke Temujin“ kam zitternd über meine Lippen, denn ich war sehr gerührt. Es war mir bewusst, dass Pferde unter normalen Umständen nicht so lange Zeit liegend ruhen. Temujin musste es also aus Rücksicht auf mich getan haben..."

 

Auszug aus dem Buch "Die Botschaft des alten Schamanen".

Nähere Einzelheiten über dieses Buch unter: www.weltumreiter.de/Bücher-DVD

21.05.2021 | 628 Aufrufe