9. Anekdote vom Ritt um die Welt

Die uralte Landkarte aus Sowjetzeiten zeigt, dass die einzige Straße zum russisch-mongolischen Grenzübergang im Altaigebirge oft nicht reitbar sein kann. Eng zwischen gewaltigen Felsen ohne Ausweichmöglichkeiten vor beängstigendem Straßenverkehr - für die Pferde kann das nur viele Tage andauernden Horror bedeuten. Und wie rücksichtslos russische Trucker sein können, habe ich oft genug erlebt. Also suchte ich eine Alternative, um diesen Straßenabschnitt zwischen der Hauptstadt des Altaisky Kraj, Gorno Altaisk und Tashanta möglichst lange zu umgehen. Nach vielen Gesprächen mit Einheimischen stellte sich heraus, dass es eine Möglichkeit weiter südlich gibt. Das bedeutete zwar einen großen Umweg, doch Sicherheit war mir wichtiger.

So kamen wir durch abgelegene Dörfer, in denen bestimmt noch nie ein westlicher Europäer war. Bunte Fähnchen hingen überall an bestimmten Bäumen, meist auf Höhen und Pässen. Also müssen die Bewohner dieser Region Buddhisten sein, denn das sind Gebetsfahnen. Riesige Wälder aus starkem Nadelholz bieten das ausschließliche Baumaterial der Häuser aller Dörfer. Auf den meisten Grundstücken steht innerhalb der Latteneinzäunung ein Blockhaus und nebenan ein sechseckiges Gebäude mit rundem Dach, dass auffallend niedrig ist. Es gleicht in seiner Form einem Nomadenzelt.

Die Dorfstraße ist breit, aber unbefestigt. Da stehen drei Frauen, sie winken scheu lächelnd. Ich reite zu ihnen und reiche ihnen nacheinander die Hand. Schnell verlieren sie ihre Scheu, eine greift in die Zügel Puschkins und führt uns zu ihrem Haus.

Im Vorgarten wächst Gras, dort darf ich die Pferde freilassen.

Dann werde ich in diese seltsame, zeltartige Hütte geführt. Sie ist in die Erde eingelassen. Dadurch ist es innen angenehm kühl und dunkel. Fliegen oder gar Mücken gibt es hier nicht. Es ist die Sommerbehausung.

Bei Kefir und Hartkäse erzählt die Frau, dass sie "Altaiskij" sind. Sie wären weder Kasachen noch Mongolen. Dem Aussehen nach wohl ein Mischvolk. Dass sie mich und Iwan den Ukrainer mit ins Haus nehmen, während die Männer in den Wäldern bei der Arbeit sind, ist ungewöhnlich und erklärt wohl ihre anfängliche Scheu. Auch hier zeigt sich wieder, dass Freundlichkeit, Aufgeschlossenheit und uneingeschränkte Akzeptanz ohne überhebliche Selbstdarstellung viel Vertrauen schafft und manche Türen öffnet. Was wäre dieses Abenteuer ohne die vielen Begegnungen mit so unterschiedlichen Menschen, die mit Sicherheit nicht weniger berechtigt sind als wir Westeuropäer, diesen Planeten zu bevölkern...

 

Diese Kurzberichte von der ersten und immer noch einzigen Erdumrundung mit denselben Pferden sind nur Winzigkeiten vom gesamten Abenteuer. Jeder Tag der viereinhalbjährigen Reise war angefüllt von kleineren oder größeren Erlebnissen, von schönen Begegnungen und Gefahren.

Damit keine Erinnerungen verloren gehen, hatte ich ein Tagebuch geführt. Aus diesen Aufzeichnungen entstand ein umfangreiches Buch: "Mit zwei Pferden um die Welt".

Siehe dazu "www.weltumreiter.de", "Bücher-DVD".

 

Wer die bisherigen Anekdoten nicht verfolgen konnte oder nachlesen möchte,

findet sie unter "www.weltumreiter.de", "News".

 

23.11.2018 | 277 Aufrufe