8. Anekdote vom Ritt um die Welt

Im Nordosten Kasachstans, nicht mehr weit vor der russisch-sibirischen Grenze habe ich endlich die letzte kasachische Stadt hinter mir. Wieder ist die Besiedlung sehr dünn und hier zu reiten, ohne Zäune oder andere Behinderungen, nur die wechselvolle Landschaft rundum, ist herrlich. Selten ein lärmendes Auto in der Nähe, kein Flugzeug am Himmel - nur die Stimmen der Natur, das Trommeln der Pferdehufe auf festem Boden, das Knarren des Sattels und das Klirren des Zaumzeugs - wie schön kann doch das Leben sein. Dann ein Bach mit Süßwasser und die Pferde saufen sich satt, gehen anschließend weit im Bach entlang.

Plötzlich taucht ein berittener Hirte auf. Er ist neugierig, denn ich bin völlig anders gekleidet und ausgerüstet als ein Kasache. Wir kommen ins Gespräch. Mit meinem dürftigen Russisch geht es gerade so, seine Einladung zu seiner Familie entgegenzunehmen.

Die lebt nicht weit entfernt an meinem Weg. Ein einsamer Viehzüchterhof mit Pferchen für die vielen Tiere, die ringsum in der hügeligen Steppe weiden. Ich werde herzlich aufgenommen und bewirtet. Panca und Puschkin dürfen in dem riesigen Pferch das reichliche Gras abfressen. Ein Schaf wird geschlachtet und die Fleischteile gekocht: Nomadentradition. Dazu köstliches Brot aus dem Lehmofen im Hof, Tee aus dem Samowar, Sahne und Kefir. Die Familie ist glücklich über die Abwechslung und heute darf ich nicht weiter.

Ein halber Tag vergeht ohne weiteres Vorankommen. Aber was macht das schon? Ich will ja nicht hetzen, sondern Länder und Menschen kennenlernen.

Und als ich am nächsten Morgen Abschied nehme, kommt eine Einladung zum weit größeren Rest seiner Familie im fünfzig Kilometer entfernten Dorf. Dort leben die Brüder dieses Mannes mit ihren Familien und sein Vater, der am Abend seinen 60. Geburtstag feiert. Ich müsse unbedingt an dem Fest teilnehmen, denn es werden auch kasachische Reiterspiele stattfinden, sagt Shanbek.

Beim Galopprennen der Jüngsten gewinnt jenes Bürschchen von 10 Jahren, dass mit seinem Pferd am fleißigsten trainierte. Der Siegerpreis ist ein weißes Pferd und ein riesiger Teppich.

Es folgen berittene Kämpfe um eine frisch geköpfte Ziege und paarweise Bemühungen, den Gegner an seinem Hosengürtel aus dem Sattel zu zerren.

Am Abend beginnt die Geburtstagsfeier. Ein Festzelt ist im Hof aufgebaut und an verschiedenen Tischen nehmen 200 Gäste Platz. Die Tische biegen sich unter der Last diverser Speisen und Getränke. Mehrere Rinder und Schafe mussten ihr Leben lassen. Kasachen sind Muslime. Deshalb darf der veranstaltende Sohn zwei Frauen haben, die sich erstaunlich gut miteinander verstehen. Er bittet mich an seinen Tisch, zehn Personen sitzen ringsum, Frauen und Männer gemischt, wie an allen anderen Tischen auch. Eine große, dampfende Platte mit einem Berg aus Teigfladen, verschiedenen Fleischteilen, Sauergemüse und Soße wird in die Mitte des Tisches gestellt. Es ist Bischbarmak, ein Traditionsgericht (übrigens auch mit Pferdefleisch) und der Start für viele weitere Köstlichkeiten. Mit den Händen wird es gegessen, jeder ringsum greift sich von der Platte, nachdem er den rechten Ärmel hochgekrempelt hat. Mein Gastgeber ist sehr rücksichtsvoll: eine seiner Frauen reicht mir einen Teller und Messer und Gabel.

Trotz ihres hier nicht so strengen Glaubens verschmäht niemand alkoholische Getränke: Wein, Kognak und Wodka rinnen in Strömen. Mein Problem ist, dass jeder mit mir anstoßen möchte: ich muss gar als besonderer Gast von Tisch zu Tisch gehen und mindestens überall ein Glas leeren. Gott sei Dank sind die Wodkagläser nicht so groß wie nebenan in Russland. Und einen Ausgleich gibt es auch: Musik spielt auf und jede Frau (und das sind sehr viele), möchte unbedingt mit mir tanzen. Hoffentlich hinterlasse ich keinen allzu schlechten Eindruck dabei, denn ich halte mich für einen miserablen Tänzer. Die Männer dieser Frauen beobachten argwöhnisch ihre übermütigen Frauen, doch irgendwelche Streitigkeiten bleiben aus. Jedenfalls heute bei dieser Feier...

Mitternacht ist längst vorbei, als alles nach draußen in den Hof drängt. Zeit für mich, ein wenig wankend Abschied zu nehmen und den Rest der Nacht im Versorger in einen bleiernen Schlaf zu fallen. Am Morgen bin ich froh, die Pferde wieder satteln zu können und mit ihnen weiter nach Osten zu ziehen...

17.11.2018 | 689 Aufrufe